Endlich eines Abends überraschten die Söldner eine Abteilung leichten Fußvolks zwischen dem Silberberg und dem Bleiberg in einer wüsten Felsengegend am Eingang zu einem Engpaß. Ohne Zweifel marschierte das ganze punische Heer vor ihnen, denn man hörte Marschgeräusch und Trompetensignale. Die Überraschten verschwanden alsbald in den Schluchten. Der Engweg führte in einen Talkessel hinab, der rings von hohen Felswänden umgeben war, die das Aussehen einer Säge hatten und dem Ort den Namen »die Säge« verliehen. Um die Flüchtigen einzuholen, stürzten die Barbaren nach. In der Tiefe sah man noch andre Karthager, dabei eiligst vorwärts getriebene Ochsen und allerlei lärmendes Getümmel. Auch erblickte man einen Reiter in einem roten Mantel. Das sei der Marschall, hieß es. Mit um so mehr Wut und Freude stürmte man weiter. Einige waren aus Trägheit oder aus Vorsicht am Eingang des Engpasses verblieben. Doch aus einem Gehölz brachen Reiter hervor und jagten sie mit Lanzenstößen und Säbelhieben den andern nach. Bald waren alle Barbaren zwischen den Felsenwänden.

Nachdem die große Menschenmenge eine Weile weiter gewogt war, machte man Halt. Man fand vorn keinen Ausgang.

Die dem Engpaß am nächsten waren, kehrten um, doch auch der Weg dahin war wie verschwunden. Man rief den Vorderen zu, weiter zu marschieren. Diese sahen sich gegen die Bergwand gedrückt und schimpften nun auf die Kameraden hinter sich, daß sie nicht einmal den Herweg wiederzufinden wüßten.

Kaum waren nämlich die letzten Barbaren hinabgestiegen, als Männer, die sich hinter den Felsen versteckt gehalten hatten, große Blöcke mit Balken hoben und umstürzten. Da der Abhang steil war, rollten die gewaltigen Steinmassen bergab und versperrten den engen Eingang vollständig.

Am andern Ende des Felsendomes führte ein langer, vielfach von Klüften durchschnittener Gang durch eine Schlucht wieder zur Hochebene hinauf. Dort befand sich das punische Heer. In diesem Engwege hatte man im voraus Leitern an die Felswände gestellt. Durch die Windungen der Schlucht geschützt, konnte das leichte Fußvolk rasch auf den Leitern emporklettern, ehe es von den Söldnern eingeholt wurde. Einige verliefen sich bis ans Ende der Schlucht. Man zog sie an Seilen herauf, denn der Abhang bestand dort aus losem Sande und war so steil, daß man selbst auf den Knien nicht hinaufklimmen konnte. Die Barbaren langten fast unmittelbar hinter ihnen an. Doch ein sechzig Fuß hohes Drahtgitter, genau dem Hohlraum angepaßt, sauste plötzlich vor ihnen herab, wie ein vom Himmel fallender Wall.

So war die Berechnung des Suffeten geglückt. Keiner von den Söldnern kannte das Gebirge, und die Vorhut der Marschkolonne hatte die übrigen nach sich gezogen. Die Felsblöcke, die nach unten schmaler waren, hatte man mit Leichtigkeit umgestürzt, und während alles vorwärts eilte, hatte das punische Hauptheer in der Ferne ein Geschrei erhoben, als sei es in Not. Allerdings hatte Hamilkar sein leichtes Fußvolk aufs Spiel gesetzt, doch verlor er nur die Hälfte davon. Für den Erfolg einer solchen Unternehmung hätte er auch zwanzigmal mehr geopfert.

Bis zum Morgen drängten sich die Barbaren in geschlossener Ordnung von einem Ende des Talkessels zum andern. Sie betasteten die Hänge mit ihren Händen und suchten einen Ausgang.

Endlich ward es Tag. Da sah man ringsum die hohen weißen, senkrecht aufsteigenden Felswände. Und kein Rettungsmittel, keine Hoffnung! Die beiden natürlichen Ausgänge der Sackgasse waren durch das Drahthindernis und die Felshaufen gesperrt.

Sprachlos blickte man einander an. Keiner hatte noch Mut. Allen lief es eiskalt über den Rücken. Die Lider wurden ihnen schwer wie Blei. Und doch rafften sie sich wieder auf und rannten gegen die Felsen an. Aber die unteren standen durch das Gewicht der darüberliegenden unerschütterlich fest. Man versuchte daran hochzuklettern, um den Höhenzug zu erreichen, aber die bauchige Gestalt der Steinsäulen bot nirgends Stützpunkte. Man wollte den Fels zu beiden Seiten der Schlucht sprengen, aber die Werkzeuge zerbrachen. Aus den Zeltstangen zündete man ein großes Feuer an, aber verbrennen konnte man das Felsgebirge nicht.

Man wandte sich wiederum gegen das Drahthindernis. Es starrte von langen pfahldicken Nägeln, spitzer als die Stacheln eines Igels und dichter als die Borsten einer Bürste. Die Söldner wurden von einer solchen Wut ergriffen, daß sie dagegen anstürmten. Aber die Vordersten wurden bis ins Rückgrat durchstochen, die nächsten prallten zurück, und schließlich stand man allgemein davon ab, Fleischfetzen und blutige Haarbüschel an den entsetzlichen Stacheln zurücklassend.