Auf zwei niedrigeren Sitzen ließen sich ihr Vater und ihr Gatte nieder. Naravas, in einen hellgelben Talar gekleidet, trug seine Hochzeitskrone aus Steinsalz, aus der zwei gewundene Haarflechten wie Ammonshörner hervorsahen. Hamilkar, in violetter, mit goldenen Weinranken bestickter Tunika, trug sein Schlachtschwert an der Seite.
Vor den Festtafeln auf dem Boden lag die Pythonschlange des Eschmuntempels zwischen Lachen von Rosenöl und beschrieb, sich in den Schwanz beißend, einen großen schwarzen Kreis. In seiner Mitte stand eine kupferne Säule, die ein Kristallei trug. Da die Sonne darauf fiel, sprühte es glitzernde Strahlen nach allen Seiten.
Hinter Salambo stellten sich die Tanitpriester in ihren Linnengewändern auf. Rechts von ihr bildeten die Alten mit ihren Tiaren eine lange goldene Reihe, links die Patrizier mit ihren Smaragdzeptern ein breites grünes Band, während die Molochpriester mit ihren roten Mänteln den Hintergrund wie mit einer Purpurwand abschlossen. Die übrigen Priesterschaften nahmen die unteren Terrassen ein. Das Volk füllte die Straßen, stieg auf die Dächer und stand in dichten Reihen bis zur Akropolis hinauf. Wie Salambo so das Volk zu ihren Füßen, den Himmel über ihrem Haupte und um sich das unendliche Meer, den Golf, die Berge und den Fernblick in die Binnenländer hatte, da ward sie in ihrem Glanze eins mit Tanit und erschien als Karthagos Patronin, als die verkörperte Seele der Stadt.
Das Fest sollte die ganze Nacht hindurch währen. Vielarmige Lampenträger standen wie Bäume auf den Decken aus bunter Wolle, mit denen die niedrigen Tische bedeckt waren. Große Bernsteinkrüge, Amphoren aus blauem Glas, Schildpattlöffel und kleine runde Brote umgaben die doppelte Reihe der perlenbesetzten Schüsseln. Trauben waren mit ihrem Laub um elfenbeinerne Weinstöcke geschlungen wie um Thyrsusstäbe. Eisblöcke schmolzen auf Schüsseln aus Ebenholz. Zitronen, Granatäpfel, Kürbisse und Melonen türmten sich über breiten Silberplatten. Wildschweine mit offenem Rachen starrten aus Bergen von Gewürz. Hasen im Fell waren so aufgestellt, daß es aussah, als sprängen sie aus Blumen heraus. Daneben lagen Muschelschalen, mit Fleischragout gefüllt. Das Backwerk hatte symbolische Formen, und wenn man die Glocken von den Schüsseln nahm, flogen Tauben heraus.
Währenddem liefen zahllose Sklaven mit aufgeschürzter Tunika auf den Fußspitzen hin und her. Von Zeit zu Zeit spielten Leiern eine Hymne, oder es erhob sich ein Chorgesang. Der Lärm des Volkes, anhaltend wie Meeresrauschen, umbrauste verworren das Festmahl, wie um die Harmonie der Stimmung zu erhöhen. Wenige nur gedachten des Gelages der Söldner. Man überließ sich glückseligen Träumen. Die Sonne begann zu sinken, und auf der andern Seite des Himmels kam bereits der Mond empor.
Plötzlich wandte Salambo den Kopf, als hätte jemand sie gerufen. Das Volk, das zu ihr aufschaute, folgte der Richtung ihres Blickes.
Auf der Höhe der Akropolis hatte sich die Tür des Kerkers, der zu Füßen des Eschmuntempels in den Fels gehauen war, soeben geöffnet. Ein Mann stand auf der Schwelle der schwarzen Öffnung.
Tiefgebückt trat er heraus, mit der verstörten Miene eines wilden Tieres, das man plötzlich freigelassen hat. Das Licht blendete ihn. Eine Weile blieb er unbeweglich stehen. Man hatte ihn allgemein erkannt und hielt den Atem an.
Der Körper dieses Opfers war für alle etwas Besonderes, fast von einem Heiligenschein umstrahlt. Man beugte sich vor, um ihn zu sehn, vornehmlich die Weiber. Sie waren darauf erpicht, den zu betrachten, der ihre Kinder und Gatten getötet hatte. Im Grunde ihrer Seele erhob sich eine schmähliche Neugier, das Verlangen, ihn vollständig kennen zu lernen, ein Gelüst, das sich mit Reue paarte und in ein Übermaß von Haß umschlug.
Schließlich schritt er vorwärts. Da wich die Betäubung der ersten Überraschung. Tausend Arme streckten sich empor, aber man sah ihn nicht mehr.