Dieser Anblick von Karthago erbitterte die Barbaren. Sie bewunderten und verabscheuten es. Sie hätten es gleichzeitig zerstören und bewohnen mögen. Was barg dort der Kriegshafen, den eine dreifache Mauer beschirmte? Und dort über der Stadt, am Ende von Megara, noch höher als die Akropolis, da ragte Hamilkars Schloß.

Dorthin richteten sich unverwandt Mathos' Augen. Er kletterte auf Olbäume und beugte sich vor, indem er die Augen mit der Handfläche beschattete. Aber die Gärten waren leer, und die rote Tür mit dem schwarzen Kreuz blieb beständig geschlossen.

Mehr als zwanzigmal umkreiste er die Wälle und suchte nach einem Durchlaß, um einzudringen. Eines Nachts stürzte er sich in den Golf und schwamm drei Stunden lang. Er gelangte bis an das Seetor und wollte die steile Küste emporklimmen. Er stieß sich die Knie blutig und zerbrach sich die Nägel. Schließlich fiel er zurück ins Meer und kehrte um.

Seine Ohnmacht erbitterte ihn. Er war eifersüchtig auf dieses Karthago, das Salambo umschloß, wie auf jemanden, der sie leiblich besessen hätte. Seine Erschöpfung hörte auf, und tolle fortwährende Tatenlust erfüllte ihn. Mit glühenden Wangen, sprühenden Augen und rauher Stimme durchmaß er raschen Schritts das Lager, oder er saß am Gestade und putzte sein großes Schwert mit Sand. Oder er schoß mit Pfeilen auf die vorüberfliegenden Geier. Sein Herz quoll in wütenden Worten über.

»Laß deinem Zorn seinen Lauf wie einem hinstürmenden Streitwagen!« sagte Spendius zu ihm. »Schreie, schimpfe, verwüste und morde! Derlei Leid wird nur mit Blut gestillt; und da du deine Liebe nicht sättigen kannst, so mäste deinen Haß. Er wird dich aufrechterhalten!«

Matho übernahm wieder den Befehl über seine Söldner. Er ließ sie schonungslos exerzieren. Man achtete ihn wegen seines Mutes und vor allem um seiner Kraft willen. Außerdem flößte er eine Art mystische Furcht ein: man glaubte, er rede nachts mit Geistern. Sein Beispiel ermutigte die andern Hauptleute. Bald war das Heer in guter Zucht. Die Karthager hörten in ihren Häusern die Trompetensignale, die den Dienst regelten. Nun rückten die Barbaren näher.

Um sie auf der Landenge zu schlagen, hätte es zweier Heere bedurft, die ihnen gleichzeitig in den Rücken hätten fallen müssen, nachdem das eine im Golfe von Utika, das andre am Berge der Heißen Wasser gelandet wäre. Aber was sollte Karthago mit nichts als seiner Garde beginnen, die höchstens sechstausend Mann stark war? Wandten sich die Barbaren nach Osten, so konnten sie sich mit den Nomaden vereinigen und die Straße nach Kyrene sowie den Wüstenhandel abschneiden. Wandten sie sich nach Westen, so erhob sich Numidien. Schließlich mußte der Mangel an Lebensmitteln sie früher oder später zwingen, die Umgegend zu verwüsten wie Heuschreckenschwärme. Die Patrizier zitterten für ihre schönen Landsitze, ihre Weingärten und Äcker.

Hanno schlug grausame und undurchführbare Maßregeln vor. Man solle auf den Kopf jedes Barbaren einen hohen Preis setzen oder ihr Lager mit Hilfe von Schiffen und Geschützen in Brand stecken. Sein Amtsbruder Gisgo dagegen drang darauf, daß man die Söldner bezahle. Aber die Alten haßten ihn wegen seiner Beliebtheit beim Volke. Sie fürchteten in ihm einen etwaigen Herrscher und bemühten sich, aus Angst vor der Monarchie, alles zu schwächen, was noch davon bestand oder zu ihr zurückführen konnte.

Außerhalb der Festungswerke lebten Menschen andrer Rasse und unbekannten Ursprungs. Sie jagten Stachelschweine und aßen Weichtiere und Schlangen. In Fallgruben fingen sie lebendige Hyänen, die sie des Abends zu ihrer Belustigung auf den Dünen bei Megara zwischen den Grabmälern wieder laufen ließen. Ihre Hütten aus Schlamm und Schilf klebten am Hange der Küste wie Schwalbennester. So lebten sie ohne Regierung und ohne Götter in den Tag hinein, völlig nackt, wild und schwächlich zugleich, und seit Jahrhunderten ihrer unreinen Nahrung wegen vom Volke verachtet. Eines Tages bemerkten die Posten, daß sie sämtlich verschwunden waren.

Endlich faßten die Mitglieder des Großen Rates einen Entschluß. Sie gingen ohne Halsketten und Gürtel, mit offenen Sandalen ins Lager, wie zu Nachbarn. Ruhigen Schritts nahten sie, warfen den Hauptleuten Grüße zu und blieben des öfteren stehen, um mit den Soldaten zu sprechen. Sie erklärten, es sei alles beendet, und man wolle ihren Ansprüchen gerecht werden.