Die Erzplatten, die das Tor von oben bis unten bedeckten, erglühten in den letzten Sonnenstrahlen. Die Barbaren wähnten, einen Blutstreifen darauf zu erkennen. Sooft Gisgo reden wollte, hub ihr Geschrei von neuem an. Schließlich verließ er langsamen Schrittes seinen Sitz und schloß sich in sein Zelt ein.
Als er bei Sonnenaufgang wieder heraustrat, rührten sich seine Dolmetscher nicht, die sich vor dem Zelt zur Ruhe hingelegt hatten. Sie lagen auf dem Rücken, mit starren Augen, heraushängender Zunge und blauem Gesicht. Weißer Schleim entfloß ihren Nasen, und ihre Glieder waren so steif, als ob sie im Nachtfrost erstarrt wären. Jeder trug um den Hals eine dünne Binsenschnur.
Von nun an brach die Empörung offen aus. Die Ermordung der Balearier, die Zarzas den Söldnern ins Gedächtnis zurückgerufen hatte, bestärkte das von Spendius erregte Mißtrauen. Man bildete sich ein, die Republik suche sie noch immer zu täuschen. Man müsse ein Ende machen! Dolmetscher hätte man nicht nötig! Zarzas, der sich einen Kranz um den Kopf geschlungen hatte, sang Kriegslieder. Autarit schwang sein langes Schwert. Spendius flüsterte dem einen ein Wort zu und versah den andern mit einem Dolche. Die Stärksten suchten sich selbst bezahlt zu machen. Die minder Aufgebrachten forderten, daß die Ablöhnung fortgesetzt würde. Keiner legte mehr die Waffen ab, und der Zorn aller vereinigte sich gegen Gisgo zu stürmischem Hasse.
Etliche wollten für ihn eintreten. Solange sie Schmähungen ausstießen, hörte man sie geduldig an. Sobald sie aber das geringste Wort für ihn sprachen, wurden sie unverzüglich gesteinigt, oder man schlug ihnen hinterrücks mit einem Säbelhieb den Kopf ab. Die aufgehäuften Säcke sahen blutiger aus als ein Opferaltar.
Nach den Mahlzeiten wurden die Söldner entsetzlich, zumal wenn Wein getrunken worden war. Dieser Genuß war in den punischen Heeren bei Todesstrafe verboten. Man schwenkte die Becher gegen Karthago, um seiner Manneszucht zu spotten. Dann fiel man über die Sklaven des Zahlmeisters her und begann von neuem zu morden. Der Ruf: »Steinigt ihn!« – in jeder Sprache verschieden – ward von allen verstanden.
Gisgo wußte wohl, daß ihn das Vaterland im Stiche ließ. Angesichts aller Undankbarkeit wollte er trotzdem die Ehre Karthagos hochhalten. Als die Söldner ihn daran erinnerten, daß man ihnen Schiffe versprochen habe, schwur er beim Moloch, sie ihnen auf eigene Kosten zu liefern. Er riß sein Halsband aus blauen Steinen vom Halse und warf es in die Menge als Pfand seines Eides.
Nun forderten die Afrikaner Getreide, gemäß den Versprechungen des Großen Rates. Gisgo legte amtliche Rechnungen vor, die mit violetter Tinte auf Lammfelle geschrieben waren. Er verlas alles, was nach Karthago eingeführt worden war, Monat für Monat und Tag für Tag.
Plötzlich hielt er stieren Blicks inne, als stände da zwischen den Ziffern sein Todesurteil.
In der Tat hatten die Alten die Zahlen betrügerisch verkleinert und das Getreide, das in der Zeit der größten Kriegsnot verkauft worden war, zu einem so niedrigen Preis angerechnet, daß kein vernünftiger Mensch getäuscht werden konnte.
»Rede!« schrien sie. »Lauter! Ha, er sucht nach Lügen, der Feigling! Aufgepaßt!«