Als der Wagen rasselnd durch das enge Tor gefahren war, hielt er unter einem breiten Schutzdache, unter dem angehalfterte Pferde an Heubündeln fraßen.
Diener liefen herbei. Es waren ihrer eine große Menge vorhanden, da man auch die auf den Feldern Arbeitenden, aus Furcht vor den Söldnern, in die Stadt hereingetrieben hatte. Diese Feldarbeiter trugen Tierfelle und schleppten Ketten nach, die um ihre Knöchel zusammengeschmiedet waren. Die Arbeiter aus den Purpurfabriken hatten rotgefärbte Arme wie Scharfrichter. Die Seeleute trugen grüne Mützen, die Fischer Korallenhalsbänder, die Jäger ein Netz auf der Schulter und die im Schlosse von Megara Beschäftigten weiße oder schwarze Gewänder, Lederhosen und Kappen aus Stroh, Filz oder Leinwand, je nach ihrem Dienst und verschiedenem Gewerbe.
Dahinter drängte ein in Lumpen gehüllter Pöbel. Diese Vagabunden lebten obdachlos ohne jede Beschäftigung. Sie schliefen des Nachts in den Gärten und nährten sich von den Küchenabfällen. Es war gleichsam menschlicher Moder, der im Schatten des Palastes wucherte. Hamilkar duldete sie, mehr aus kluger Vorsicht denn aus verächtlichem Erbarmen. Sie hatten sich allesamt zum Zeichen ihrer Freude Blumen hinter die Ohren gesteckt. Viele von ihnen hatten den Gewaltigen noch nie gesehen.
Aufseher, die ihr Haar wie Sphinxe trugen, warfen sich auf alle diese Leute und schlugen mit ihren großen Stöcken rechts und links um sich. Dies geschah, um die auf den Anblick ihres Gebieters neugierigen Sklaven zurückzutreiben. Hamilkar sollte nicht durch die Menge beengt und durch ihren Geruch nicht belästigt werden.
Nun warfen sich alle platt auf den Boden und schrien: »Götterliebling, dein Haus blühe!« Durch diesen in der Zypressenallee auf dem Boden liegenden Schwarm schritt der Haushofmeister Abdalonim in seiner hohen weißen Mütze auf Hamilkar zu, ein Weihrauchfaß in der Hand.
Da kam Salambo die Galeerentreppe herab, gefolgt von all ihren Frauen, die immer, wenn ihre Herrin eine Stufe herabstieg, dasselbe taten. Die Köpfe der Negerinnen hoben sich als große schwarze Punkte in der langen Linie der mit Goldplättchen besetzten Binden auf den Stirnen der Römerinnen ab. Andre trugen im Haar silberne Pfeile, Schmetterlinge aus Smaragden oder sonnenartig geordnete lange Nadeln. Auf dem Gewirr der weißen, gelben und blauen Gewänder funkelten Ringe, Spangen, Halsketten, Fransen und Armbänder. Die leichten Stoffe knisterten. Man hörte das Klappen der Sandalen und das dumpfe Treten der bloßen Füße auf den Holzstufen. Hier und da ragte ein großer Eunuch über die Frauen hinweg mit seinen hohen Schultern und seinem lächelnden Haupte. Als die Zurufe der Männer nachgelassen hatten, stießen die Weiber, das Gesicht mit den Ärmeln verhüllend, seltsame Rufe aus, dem Heulen von Wölfinnen vergleichbar, so wild und so schrill, daß die große, ganz mit Frauen bedeckte Ebenholztreppe von oben bis unten dumpf erdröhnte.
Der Wind blähte die Schleier. Die dünnen Papyrosstauden wiegten sich sacht. Es war im Monat Schebaz, mitten im Winter. Die blühenden Granatbäume zeichneten sich in runden Linien vom blauen Himmel ab, und durch die Zweige schimmerte das Meer mit einem fernen Eiland, halb im Dunste verschwommen.
Hamilkar blieb stehen, als er Salambo erblickte. Sie war ihm nach dem Tode mehrerer Knaben geboren worden. Zudem galt die Geburt von Töchtern in allen Ländern der Sonnenanbetung für ein Unglück. Später hatten ihm die Götter zwar noch einen Sohn geschenkt, aber von seiner Enttäuschung und von dem Fluch, den er über seine Tochter ausgesprochen hatte, war etwas in seiner Seele doch verblieben. Inzwischen kam Salambo heran.
Perlen von verschiedener Färbung hingen in langen Trauben von ihren Ohren auf die Schultern herab bis an die Ellbogen. Ihr Haar war so gekräuselt, daß es wie eine Wolke aussah. Um den Hals trug sie kleine viereckige Goldplättchen. Auf jedem war eine Frau zwischen zwei aufrecht stehenden Löwen abgebildet. In allem glich ihre Kleidung der der Göttin. Ihr hyazinthenblaues Gewand mit weiten Ärmeln schloß sich eng um ihre Hüften und erweiterte sich nach unten. Der Zinnober auf ihren Lippen ließ ihre Zähne weißer schimmern, und das Antimon in ihren Wimpern machte ihre Augen größer. Ihre Sandalen, aus Vogelbälgen geschnitten, hatten überhohe Absätze. Offenbar vor Kälte war Salambo sehr blaß.
Endlich gelangte sie vor Hamilkar, und ohne ihn anzublicken, ohne den Kopf zu erheben, sprach sie zu ihm: