Man hielt diesen Raum lediglich für die Familiengruft, doch hätte man hier höchstens einen weiten Schacht gefunden, angelegt, um die Diebe irrezuführen, doch ohne Inhalt. Hamilkar ging daran vorüber, dann bückte er sich, drehte einen schweren Mühlstein auf seinen Walzen und trat durch die so entstandene Öffnung in ein kegelförmiges Gemach.

Eherne Schuppen bedeckten die Wände. In der Mitte, auf einem Sockel aus Granit, erhob sich das Standbild eines der Kabiren, namens Aletes, das heißt des ewigen Pilgers, des Entdeckers der Silberbergwerke in Spanien. Am Boden standen, dicht um den Sockel herum und kreuzförmig angeordnet, breite goldne Schilde und riesige silberne Gefäße mit verschlossenem Halse und von wunderlicher Form, die zu nichts dienen konnten. Es war nämlich Brauch, Metallmassen derart einzuschmelzen, um ihre Verminderung oder gar ihre Entwendung fast unmöglich zu machen.

Hamilkar zündete mit seiner Fackel ein Lämpchen an, das an der Mütze des Götterbildes befestigt war, und plötzlich erstrahlte der Raum in grünen, gelben, blauen, violetten, weinfarbenen und blutroten Lichtern. Er war voller Edelsteine, in goldne Schalen gefüllt, die wie Lampenbecken an metallenen Trägern hingen. Andre standen, noch im Muttergestein, an der Mauer. Da funkelten Türkise, durch Schleuderwürfe von den Bergen abgesprengt; Karfunkel, aus dem Urin der Luchse entstanden; Glossopetren, vom Monde gefallen; Tyane, Diamanten, Sandaster, Berylle, Rubine aller drei Arten, Saphire aller vier Arten und Smaragde aller zwölf Arten. Sie schimmerten wie Milchtropfen, wie blaue Eiszapfen, wie Silberstaub, und sprühten ihr Licht in breiten Fluten, in feinen Strahlen und glühenden Sternen. Meteore, die der Donner erzeugt, blinkten neben Chalzedonen, die Vergiftungen heilen. Man sah Topase vom Berg Zabarka, die vor Erschrecken schützen; Opale aus Baktrien, die Fehlgeburten verhindern; Ammonshörner, die man unter das Bett legt, wenn man Träume haben will.

Die Lichter der Steine und der Lampenschein spiegelten sich in den großen goldnen Schilden. Hamilkar stand mit verschränkten Armen da und lächelte. Er ergötzte sich weniger am Anblick als am Bewußtsein seiner Reichtümer. Seine Schätze waren unerreichbar, unerschöpflich, unendlich. Seine Ahnen, die hier unter seinen Füßen schliefen, sandten seinem Herzen etwas von ihrer Unsterblichkeit. Er fühlte sich den unterirdischen Geistern nahe. Er empfand gleichsam die Freude eines Erdgeistes, und die langen leuchtenden Strahlen, die über sein Gesicht liefen, dünkten ihn wie die Maschen eines unsichtbaren Netzes, das ihn über Abgründe hin mit dem Mittelpunkt der Welt verknüpfte.

Da fiel ihm etwas ein, und er erbebte. Er begab sich hinter das Götterbild und schritt geradeaus auf die Wand zu. Nachdenklich betrachtete er eine Tätowierung auf seinem rechten Arm: eine wagerechte Linie in Verbindung mit zwei senkrechten: die kanaanitische Ziffer dreizehn. Nun zählte er bis zur dreizehnten Erzplatte, schlug nochmals seinen weiten Ärmel zurück, streckte die rechte Hand aus und las auf einer andern Stelle seines Arms andre verwickeltere Zeichen, während er seine Finger bewegte wie ein Lautenspieler. Endlich klopfte er mit seinem Daumen siebenmal auf. Ein ganzer Teil der Mauer drehte sich wie aus einem Stück.

Das war der geheime Zugang zu einem Keller, in dem sich geheimnisvolle Dinge befanden, die keinen Namen hatten, aber von unberechenbarem Werte waren. Hamilkar stieg die drei Stufen hinab, nahm aus einem Silberbecken ein Antilopenfell, das auf einer schwarzen Flüssigkeit schwamm, und stieg dann wieder hinauf.

Abdalonim begann wieder vor ihm herzuschreiten. Er stieß mit seinem langen Stabe, der am Knopf mit Schellen besetzt war, auf die Steinfliesen und rief vor jedem Gemache den Namen Hamilkars in einem Schwalle von Lobpreisungen und Segenswünschen.

In dem runden Saale, in den alle Gänge mündeten, waren längs der Mauern Alguminstangen, Säcke voll Henna, Kuchen aus lemnischer Erde und Schildkrötenschalen voller Perlen aufgestapelt. Der Suffet streifte alles das im Vorbeigehen mit seinem Gewande, ohne auch nur die riesigen Bernsteinstücke, diesen fast göttlichen, von den Sonnenstrahlen gebildeten Stoff, zu beachten.

Eine Wolke wohlriechenden Dampfes quoll ihnen entgegen.

»Öffne!«