„Ich will meine neuen roten Schuhe anziehen!“ sagte sie eines Morgens, „diejenigen, welche Kay noch nie gesehen hat, und dann will ich zum Flusse hinuntergehen und mich bei diesem erkundigen!“
Noch war es ganz früh, als sie sich erhob, die alte Großmutter, welche noch schlummerte, küßte, die roten Schuhe anzog und dann ganz allein zum Thore hinaus nach dem Flusse ging.
„Ist es wahr, daß du mir meinen kleinen Spielkameraden genommen hast? Ich will dir meine roten Schuhe schenken, wenn du mir ihn wiedergeben willst!“
Es kam ihr vor, als ob die Wellen ihr so eigentümlich zunickten. Dann nahm sie ihre roten Schuhe, das liebste, was sie besaß, und warf sie beide in den Fluß, aber sie fielen dicht an das Ufer, und die kleinen Wellen trugen sie wieder zu ihr an das Land, als wollte der Fluß sie ihres liebsten Eigentums nicht berauben, zumal er ja den kleinen Kay nicht hatte. Nun aber glaubte sie, daß sie die Schuhe nicht weit genug hinausgeworfen hätte, und kletterte deshalb in ein Boot, welches im Schilfe lag. Sie ging bis an das äußerste Ende und warf die Schuhe von neuem in die Wellen. Das Boot war jedoch nicht befestigt, und bei der Bewegung, welche sie machte, glitt es vom Lande ab. Sie bemerkte es zwar und beeilte sich zurückzukommen, aber ehe es ihr gelang, war das Boot schon ein Stück vom Ufer, und nun glitt es rascher den Fluß abwärts.
Da erschrak die kleine Gerda gewaltig und begann zu weinen, allein nur die Sperlinge hörten sie und diese konnten sie nicht an das Land tragen, aber sie flogen das Ufer entlang und zwitscherten, als wollten sie sie trösten: „Hier sind wir! Hier sind wir!“ Das Boot trieb mit dem Strome; die kleine Gerda saß ganz still in bloßen Strümpfen. Ihre kleinen roten Schuhe schwammen hinterher, konnten das Boot jedoch nicht erreichen, da dasselbe schneller vom Strome fortgerissen wurde.
Lieblich war es an beiden Ufern; prächtige Blumen, alte Bäume und die Abhänge mit Schafen und Kühen belebt, aber nicht ein Mensch war zu sehen.
„Vielleicht trägt mich der Fluß zum kleinen Kay hin!“ dachte Gerda und da wurde sie besserer Laune, sie erhob sich und betrachtete viele Stunden lang die schönen grünen Ufer. Dann
fuhr sie an einem großen Kirschgarten vorüber, in welchem ein Häuschen mit merkwürdig roten und blauen Fenstern stand; übrigens war es mit Stroh gedeckt und draußen standen zwei hölzerne Soldaten, welche vor den Vorübersegelnden das Gewehr schulterten.
Gerda rief sie an; sie hielt sie für lebendig, aber sie antworteten natürlich nicht; sie kam ihnen ganz nahe, die Strömung trieb das Boot gerade auf das Land zu.