Am nächsten Morgen durfte sie wieder mit den Blumen in dem warmen Sonnenscheine spielen — und so ging es viele Tage. Gerda kannte jede Blume, aber wie viele auch vorhanden waren, so kam es ihr doch vor, als ob eine darunter fehlte, nur wußte sie nicht welche. Eines Tages sah sie aber auf dem Sonnenhut der alten Frau eine gemalte Rose. Sie sprang zwischen den Beeten umher und suchte eine Rose unter den Blumen, aber da war keine zu finden. Da setzte sie sich hin und weinte; aber ihre heißen Thränen fielen gerade auf eine Stelle, wo ein Rosenstock versunken war, und als die warmen Thränen die Erde benetzten, da schoß plötzlich der Stock ebenso blühend, wie er versunken war, empor, und Gerda umarmte ihn, küßte die Rosen und gedachte der hübschen Rosen daheim und dabei kam ihr auch der kleine Kay wieder in den Sinn.
„O wie lange bin ich nun schon hier bei der alten Frau!“ sagte das kleine Mädchen. „Ich wollte ja Kay suchen! — Wißt ihr nicht, wo er ist?“ fragte sie die Rosen. „Glaubt ihr, daß er tot und fort ist?“
„Tot ist er nicht!“ sagten die Rosen. „Wir sind ja in der Erde gewesen, wo alle Tote sind, aber dort war Kay nicht!“
„Dank, tausend Dank!“ erwiderte die kleine Gerda und ging zu den andern Blumen, schaute in ihren Kelch und fragte: „Wißt ihr nicht, wo der kleine Kay ist?“
Aber jede Blume stand in der Sonne und träumte ihr eigenes Märchen oder Geschichtchen. Von diesen vernahm die kleine Gerda viele, viele, aber keine wußte etwas von Kay.
„Es ist vergebens, daß ich die Blumen frage, sie wissen nur ihr eigenes Lied, sie erteilen mir keine Auskunft!“ sagte Gerda, als ihr die Blumen des Gartens ihre Geschichten erzählt hatten. Und dann schürzte sie ihr Röckchen auf, um besser laufen zu können und eilte nach dem Ausgang des Gartens.
Die Thüre war zwar verschlossen, doch drückte sie auf die verrostete Klinke, bis sie nachgab und die Thüre aufsprang, und nun lief die kleine Gerda barfuß in die weite Welt hinaus.
Dreimal schaute sie zurück, aber niemand verfolgte sie. Endlich konnte sie nicht mehr gehen und setzte sich auf einen großen Stein. Als sie nun um sich schaute, war der Sommer vorbei; es war Spätherbst, was man in dem schönen Garten, wo fortwährend Sonnenschein herrschte und Blumen aller Jahreszeiten standen, gar nicht hatte wahrnehmen können.
„Gott, wie viel Zeit habe ich versäumt!“ sagte die kleine Gerda. „Es ist ja Herbst geworden, da darf ich nicht rasten!“ und sie erhob sich, um weiter zu gehen.
O wie wund und müde ihre kleinen Füße waren, und wie rauh und kalt es ringsumher aussah! Die langen Weidenblätter waren gelb und in großen Perlen träufelte der Tau herab. Ein Blatt nach dem andern fiel ab, nur der Schlehendorn trug noch Früchte, die freilich herb genug waren und den Mund zusammenzogen. O, wie grau und schwer es in der weiten Welt doch war! —