Tages ein heftiger Platzregen herniederrauschte, der Kehrichtkärrner machte vor der Thüre meiner Dienstherrschaft Halt, ich ging mit dem Kehrichtfasse hinunter und blieb an der Thüre stehen. Gerade wie ich so dastand, kam plötzlich der Postbote auf mich zu und gab mir einen Brief. Er war von dir. O, wie der umhergereist war! Ich brach ihn in Hast auf und las ihn. Ich lachte und weinte, ich war so froh! Da stand, daß du in den warmen Ländern wärest, wo die Kaffeebohnen wachsen. Was für ein glückliches, gesegnetes Land muß das sein! Du erzähltest so viel und ich sah es alles im Geiste, während der Regen fort und fort herniederplätscherte und ich noch immer mit dem Kehrichtfasse dastand. Plötzlich tauchte jemand neben mir auf, der mich um den Leib faßte — — —“

„Und dem du zur Belohnung eine klatschende Ohrfeige versetztest!“

„Wußte ich doch nicht, daß du es warst! Du warst mit deinem Briefe zugleich angekommen; und du warst so schön — —, doch das bist du noch. Du machtest mit einem langen gelbseidenen Taschentuche Staat und trugest einen weißen, funkelnagelneuen Hut. Du warst so fein. Gott, was war es doch für ein Wetter, und wie sah die Straße aus!“

„Dann heirateten wir uns,“ fuhr er fort.

„Ja, und wie unsere Kinder nun sämtlich herangewachsen und brave Menschen geworden sind,“ sagte sie.

„Und auch ihre Kinder haben schon wieder Kinder, das sind Kindeskinder,“ fiel der alte Matrose ein. „Wie mich dünkt, haben wir gerade in dieser Zeit unsere Hochzeit gefeiert,“ setzte er hinzu.

„Ja, just heute ist der goldene Hochzeitstag!“ sagte Fliedermütterchen und steckte den Kopf gerade zwischen die beiden Alten; diese aber hielten sie für die Nachbarin, die ihnen zunickte. Sie schauten sich einander an und hielten die Hände verschlungen. Bald darauf erschienen die Kinder und Kindeskinder, die sehr wohl wußten, daß es der goldene Hochzeitstag war und auch schon am Morgen gratuliert hatten; aber während sich die Alten der Ereignisse aus längst vergangenen Jahren so gut erinnerten, war ihnen dies wieder entfallen. Der Fliederbaum duftete stark, und die Sonne, welche sich ihrem Untergange zuneigte, schien dem greisen Ehepaare gerade ins Antlitz. Beide sahen rotwangig aus, und das kleinste der Kindeskinder tanzte um sie herum und rief voller Glückseligkeit, daß es heute abend hoch hergehen sollte, sie würden warme Kartoffeln bekommen. Fliedermütterchen nickte in ihrem Baume und rief mit allen anderen „Hurrah“.

„Aber das war ja gar kein Märchen!“ unterbrach der kleine Knabe den Erzähler.

„Ja, das mußt du freilich verstehen!“ entgegnete der Alte. „Aber laß uns das Fliedermütterchen danach fragen!“

„Es war kein Märchen!“ sagte Fliedermütterchen; „nun aber kommt es. Aus der Wirklichkeit wächst gerade das seltsamste Märchen heraus; sonst könnte ja mein prächtiger Fliederstrauch auch nicht aus der Theekanne emporgesproßt sein.“