Nun kam sie zu einem großen, sumpfigen Platze im Walde, wo große, fette Wasserschlangen sich wälzten und ihren häßlichen, weißgelben Bauch zeigten. Mitten auf dem Platze war ein Haus von weißen Knochen ertrunkener Menschen errichtet, da saß die Meerhexe und ließ eine Kröte aus ihrem Munde fressen, wie die Menschen einem kleinen Kanarienvogel Zucker zu essen geben. Die häßlichen, fetten Wasserschlangen nannte sie ihre kleinen Küchlein und ließ sie sich auf ihrer großen schwammigen Brust wälzen.
„Ich weiß schon, was du willst!“ sagte die Meerhexe. „Es ist zwar dumm von dir, doch sollst du deinen Willen haben, denn er wird dich ins Unglück stürzen, meine schöne Prinzessin. Du willst gern deinen Fischschwanz los sein und statt dessen zwei Stützen wie die Menschen zum Gehen haben, damit der junge Prinz sich in dich verliebt und du ihn und eine unsterbliche Seele erhalten kannst!“ Dabei lachte die Hexe laut und widerlich, so daß die Kröte und die Schlangen auf die Erde fielen, wo sie sich wälzten. „Du kommst gerade zur rechten Zeit,“ sagte die Hexe, „morgen, wenn die Sonne aufgeht, könnte ich dir nicht helfen, bis wieder ein Jahr um wäre. Ich werde dir einen Trank bereiten, mit dem mußt du, bevor die Sonne aufgeht, nach dem Lande schwimmen, dich dort ans Ufer setzen und ihn trinken! dann verschwindet dein Schwanz und schrumpft zu dem, was die Menschen niedliche Beine nennen, zusammen, aber es tut weh; es ist, als ob ein scharfes Schwert dich durchdränge. Alle, die dich sehen, werden sagen, du seiest das schönste Menschenkind, das sie gesehen hätten. Du behältst deinen schwebenden Gang, keine Tänzerin kann sich so leicht bewegen wie du, aber jeder Schritt, den du machst, ist, als ob du auf scharfe Messer trätest, als ob dein Blut fließen müßte. Willst du alles dieses leiden, so werde ich dir helfen!“
„Ja!“ sagte die kleine Seejungfer mit bebender Stimme, und gedachte des Prinzen und der unsterblichen Seele.
„Aber bedenke,“ sagte die Hexe, „hast du erst menschliche Gestalt bekommen, so kannst du nie wieder eine Seejungfer werden! Du kannst nie durch das Wasser zu deinen Schwestern und zum Schlosse deines Vaters zurück, und gewinnst du des Prinzen Liebe nicht so, daß er um deinetwillen Vater und Mutter vergißt, an dir mit Leib und Seele hängt und den Priester eure Hände ineinander legen läßt, daß ihr Mann und Frau werdet, so bekommst du keine unsterbliche Seele! Am ersten Morgen, nachdem er mit einer andern verheiratet ist, wird dein Herz brechen, und du wirst zu Schaum auf dem Wasser.“
„Ich will es“, sagte die kleine Seejungfer und war bleich wie der Tod.
„Aber mich mußt du auch bezahlen!“ sagte die Hexe, „und es ist nicht wenig, was ich verlange. Du hast die schönste Stimme von allen hier auf dem Grunde des Meeres, damit glaubst du wohl, ihn bezaubern zu können, aber die Stimme mußt du mir geben. Das beste, was du besitzest, will ich für meinen köstlichen Trank haben! Mein eigen Blut muß ich dir ja geben, damit der Trank scharf wird wie ein zweischneidig Schwert!“
„Aber wenn du meine Stimme nimmst,“ sagte die kleine Seejungfer, „was bleibt mir dann übrig?“
„Deine schöne Gestalt,“ sagte die Hexe, „dein schwebender Gang und deine sprechenden Augen, damit kannst du schon ein Menschenherz betören. Nun, hast du den Mut verloren? Strecke deine kleine Zunge hervor, dann schneide ich sie an Zahlungs Statt ab, und du erhältst den kräftigen Trank!“
„Es geschehe!“ sagte die kleine Seejungfer, und die Hexe setzte ihren Kessel auf, um den Zaubertrank zu kochen. „Reinlichkeit ist eine schöne Sache!“ sagte sie und scheuerte den Kessel mit den Schlangen ab, die sie zu einem langen Knoten band, dann ritzte sie selbst die Brust und ließ ihr schwarzes Blut hineintröpfeln. Der Dampf bildete die sonderbarsten Gestalten, so daß einem angst und bange werden mußte. Jeden Augenblick warf die Hexe neue Sachen in den Kessel, und als er kochte, war es, als ob ein Krokodil weinte. Endlich war der Trank fertig, er sah wie das klarste Wasser aus.