Daheim in des Prinzen Schlosse, wenn nachts die andern schliefen, ging sie auf die breite Marmortreppe hinaus, es kühlte ihre brennenden Füße, im kalten Seewasser zu stehen, und dann gedachte sie derer dort unten in der Tiefe.
Einmal des Nachts kamen ihre Schwestern Arm in Arm, traurig sangen sie, indem sie über dem Wasser schwammen, sie winkte ihnen und sie erkannten sie und erzählten ihr, wie sehr sie alle betrübt seien. Darauf besuchte sie dieselben in jeder Nacht, und einmal erblickte sie weit draußen ihre alte Großmutter, die seit vielen Jahren nicht über der Meeresfläche gewesen war, und den Meerkönig mit seiner Krone auf dem Haupte, sie streckten die Hände nach ihr aus, wagten sich aber dem Lande nicht so nahe wie die Schwestern.
Tag für Tag wurde sie dem Prinzen lieber, er liebte sie, wie man ein gutes, liebes Kind liebt — aber sie zu seiner Königin zu machen, kam ihm nicht in den Sinn, und seine Frau mußte sie doch werden, sonst erhielt sie keine unsterbliche Seele und mußte an seinem Hochzeitsmorgen zu Schaum auf dem Meere werden.
„Liebst du mich nicht am meisten von ihnen allen?“ schienen der kleinen Seejungfer Augen zu fragen, wenn er sie in seine Arme nahm und ihre schöne Stirn küßte.
„Ja, du bist mir die liebste“, sagte der Prinz, „denn du hast das beste Herz von allen. Du bist mir am meisten ergeben, und gleichst einem jungen Mädchen, das ich einmal sah, aber sicher nie wiederfinde. Ich war auf einem Schiffe, welches strandete, die Wellen warfen mich bei einem heiligen Tempel an das Land, wo mehrere junge Mädchen den Dienst verrichteten, die jüngste dort fand mich am Ufer und rettete mein Leben, ich sah sie nur zweimal, sie wäre die einzige, die ich in dieser Welt lieben könnte, aber du gleichst ihr und du verdrängst fast ihr Bild aus meiner Seele. Sie gehört dem heiligen Tempel an, und deshalb hat mein gutes Glück dich mir gesendet, nie wollen wir uns trennen!“
„Ach, er weiß nicht, daß ich sein Leben gerettet habe!“ dachte die kleine Seejungfer, „ich trug ihn über das Meer zum Walde hin, wo der Tempel steht, ich saß hier hinter dem Schaume und sah, ob keine Menschen kommen würden. Ich sah das hübsche Mädchen, die er mehr liebt als mich!“ sie seufzte tief: weinen konnte sie nicht. „Das Mädchen gehört dem heiligen Tempel an, hat er gesagt, sie kommt nie in die Welt hinaus, sie begegnen sich nicht mehr, ich bin bei ihm, sehe ihn jeden Tag, ich will ihn pflegen, lieben, ihm mein Leben opfern!“
Aber nun sollte der Prinz sich verheiraten und des Nachbarkönigs schöne Tochter zur Frau bekommen, erzählte man, deshalb rüstete er ein so prächtiges Schiff aus. Der Prinz reist, um des Nachbarkönigs Länder zu besichtigen, so heißt es wohl, aber es geschieht, um des Nachbarkönigs Tochter zu sehen. Ein großes Gefolge soll ihn begleiten. Die kleine Seejungfer schüttelte das Haupt und lächelte; sie kannte des Prinzen Gedanken weit besser, als alle andern. „Ich muß reisen!“ hatte er zu ihr gesagt, „ich muß die schöne Prinzessin sehen: meine Eltern verlangen es, aber sie wollen mich nicht zwingen, sie als meine Braut heimzuführen. Ich kann sie nicht lieben! Sie gleicht nicht dem schönen Mädchen im Tempel, dem du ähnelst, sollte ich eine Braut wählen, so würdest du es eher sein, mein stummes Findelkind mit den sprechenden Augen!“ Und er küßte ihren roten Mund, spielte mit ihrem langen Haare und legte sein Haupt an ihr Herz, so daß dieses von Menschenglück und einer unsterblichen Seele träumte.
„Du fürchtest doch das Meer nicht, mein stummes Kind?“ sagte er, als sie auf dem prächtigen Schiffe standen, welches ihn nach den Ländern des Nachbarkönigs führen sollte, er erzählte ihr vom Sturme und von der Windstille, von seltsamen Fischen in der Tiefe und von dem, was die Taucher dort gesehen, und sie lächelte bei seiner Erzählung, sie wußte ja besser als sonst jemand, was auf dem Grunde des Meeres vorging.
In der mondhellen Nacht, wenn alle schliefen, bis auf den Steuermann, der am Steuerruder stand, saß sie am Bord des Schiffes und starrte durch das klare Wasser hinunter, sie glaubte ihres Vaters Schloß zu erblicken, hoch oben stand die Großmutter mit der Silberkrone auf dem Haupte und starrte durch die reißenden Ströme zu des Schiffes Kiel empor. Da kamen ihre Schwestern über das Wasser hervor und schauten sie traurig an und rangen ihre weißen Hände, sie winkte ihnen, lächelte und wollte erzählen, daß es ihr gut und glücklich ginge, aber der Schiffsjunge näherte sich ihr und die Schwestern tauchten unter, so daß er glaubte, das Weiße, was er gesehen, sei Schaum auf der See gewesen.
Am nächsten Morgen segelte das Schiff in den Hafen von des Nachbarkönigs prächtiger Stadt. Alle Kirchenglocken läuteten und von den hohen Türmen wurden die Posaunen geblasen, während die Soldaten mit fliegenden Fahnen und blitzenden Bajonetten dastanden. Jeder Tag führte ein Fest mit sich. Bälle und Gesellschaften folgten einander, aber die Prinzessin war noch nicht da; sie werde, weit von hier entfernt, in einem heiligen Tempel erzogen, sagten sie, dort lerne sie alle königlichen Tugenden. Endlich traf sie ein.