Der Wind ist mein Element, Gustchen, sagte Alonso entschuldigend: er führte mich hierher und mit seiner Hülfe werde ich meine himmlische Hulda, die glänzendste aller Prisen, glücklich aufbringen.

Haben Sie denn schon den Marquebrief dazu, mein Herr Capitain, fragte scherzend Gustchen: ohne diesen, nehmen Sie sich in Acht, unsere See-Gesetze sind streng, ohne diesen sehen wir Sie als Räuber an.

Sie sollen mir den Marquebrief ausfertigen, Gustchen, Sie, entgegnete Alonso, und schien die Idee zu haben, daß sie die Sache gleich in’s Werk setzen sollte; aber Gustchen fragte, was er wohl glaube, daß Hulda von ihm denken werde, wenn er nach der ersten Unterhaltung von wenigen Minuten ihr, ohne sie im mindesten näher zu kennen, seine Hand antrage, und von ihr verlangen wolle, sich hierüber gleich stehenden Fußes zu erklären. Vater und Mutter auf immer und ewig zu verlassen, setzte Gustchen hinzu: und einem Manne, mit dem man keine tausend Worte gewechselt, den man kaum sechszig Minuten gesehen hat, zwei tausend Meilen weit zu folgen, und ihm die ganze Lebenszeit zu gehören, Freund Capitain, ist diese Idee kein Windstoß? und dann, Sie selbst, Sie wissen ja vom Mädchen nichts, als daß es hübsch ist. Von seinem frommen Wandel, von der Reinheit seiner Sitte, von seiner Häuslichkeit, von seinen Kenntnissen und Fähigkeiten, von seinem fröhlichen, heiteren Sinn, von seiner himmlischen Herzensgüte, wissen Sie noch kein Wort! Lernen Sie dieses seltene Wesen, mit seinem rein kindlichen Gemüth, mit seinem Zartgefühl, im ganzen Umfange seines Werthes erst kennen, recht genau kennen, ergründen Sie in der Tiefe dieser schönen Seele, die in ihrer Lage wahrhaft heilige Gabe, zwischen Vater und Mutter, die ewig kalt neben einander durch das Leben gehen, die versöhnende Vermittlerinn zu seyn; betrachten Sie die namenlose Liebe, mit der jedes der unter sich heimlich verfeindeten Eltern, an diesem ihnen, im eigentlichen Sinne des Worts, von Gott gesandten Kinde hängt, und wie es jedem derselben, das, durch ihre sonderbare gegenseitige Stellung freudenleere Leben, durch die zarteste Pflichterfüllung, durch die anständigste Beseitigung aller Veranlassungen zu Mißhelligkeiten, und durch Scherz und Frohsinn zu versüßen weiß, und Sie werden es lieben müssen.

Aber da soll doch mein großes Raa-Segel, mit allen Bolten, Schoten, Halsen und Nockbindseln, wie mitten von einander reißen! Gott verzeih mir die schwere Sünde, aber ich liebe das Mädchen ja schon bis zum Rasendwerden. Gustchen, wenn Sie das noch nicht weg haben, so ist ihr Peil-Compaß keinen Schuß Pulver werth. Sie reden vom Kennenlernen; als ob ich das Himmelskind nicht schon durch und durch kennte; alle Menschen, die ich hier spreche, sagen, was Sie sagen; überall höre ich nichts als Gutes — und ach, schon in Mexico — ich war, glaube ich, noch nicht einmal wohlbestallter Seecadet — betete ich dieses Ideal schon an, mit einer Gluth, mit einer —

In Mexiko? fragte Gustchen gespannter und war nahe daran, ihn für wenigstens halb wahnsinnig zu erklären.

Sagen Sie, hob er über etwas tief brütend an: hat sich Hulda je mahlen — doch das ist ja wieder nicht möglich; ich sah das Bild vor länger denn zehn Jahren, und da war Hulda ja noch ein Kind.

Wahrhaftig, ich glaube, Sie reden irre, hob Gustchen scherzend an: was denn vor ein Bild?

Hat Hulda, versetzte Alonso, im Sinnen und Nachdenken ganz verloren: irgend eine ältere Person ihrer Familie, etwa die Mutter oder eine Verwandte, der sie ähnlich, aber sehr ähnlich sieht?

Der Mutter, entgegnete Gustchen, den Sinn der sonderbaren Frage nicht verstehend: gleicht sie zum Sprechen, nur daß diese natürlich 20–22 Jahre älter ist und durch beständiges Kränkeln —