Wenn jeder Freidenkende, jeder Anhänger der Lehre von der Fortschritts- und Vervollkommnungsfähigkeit der menschlichen Natur auch hoffen und annehmen wird, daß die modernen Kulturvölker, als die obersten Repräsentanten der Menschheit, dereinst in ihrer Gesammtheit aus der religiösen Phase heraustreten werden, so läßt sich durchaus nicht bestimmen, ob diese bedeutungsvolle Umwandlung schon in einer absehbaren Zeit oder erst in größerer Zeitferne erfolgen wird.

Jedenfalls muß zugegeben werden, daß die Macht des Christenthums, wie groß sie auch immer noch sei, dennoch in einem starken Niedergange, die Zahl seiner Bekenner entschieden im Schwinden begriffen ist. Kein objektiver Beurtheiler des modernen Lebens wird in Abrede stellen können, daß nicht nur ein großer Theil der Gebildeten, sondern auch ein guter Theil der Massen in der Religion keinen Halt mehr findet. Als die Ursache dieser Erscheinung dürfte im Allgemeinen die Abnahme des entsprechenden Phantasiebedürfnisses zu bezeichnen sein, während sie nur bei Wenigen die Folge der Beeinflussung durch echte Philosophie und wahre Wissenschaft und eines Überwiegens der Reflexion über die Phantasie ist.

Bedürfen nun die Aufgeklärten einer neuen Lehre d. h. einer Weltanschauung, welche einen höheren Inhalt an Stelle der Religion setzt? Allerdings sollte eine solche ihnen Bedürfniß sein, aber da zeigt sich, daß die allermeisten von der bloßen Freiheit von der Religion vollkommen befriedigt sind. Ihnen genügt das thatsächlich Gegebene. Ihr Interesse reicht nicht über das Vorhandene hinaus. Sie wissen nicht, oder wollen es nicht wissen, daß es noch andere Beziehungen giebt, als die zu dem durch die Erfahrung Gebotenen. Es giebt für sie kein Weltproblem, keinen höheren Ausblick und darum fehlt auch der höhere Gesichtspunkt für das Leben und die Lebensführung.

Nach einer anderen Lehre oder Weltanschauung werden deßhalb nur jene Freidenkenden Verlangen tragen, welche ungleich jenen Seichtlingen mit der bloßen Glaubenslosigkeit sich nimmermehr begnügen, weßhalb sie eher noch mit den Gläubigen zu sympathisiren vermögen, als mit den bloßen Atheisten, weil jene doch noch andere Beziehungen als die zur gegebenen Welt kennen und ein Höheres über sich sehen, während diese den Blick nicht über die Wirklichkeit erheben und jeder Ehrfurcht für etwas über das Gegebene Hinausragendes entbehren.

Ist die Religion auch nur eine naive und illusorische Weltanschauung, so ist sie doch eine Weltanschauung, durch die alle Dinge in einem höheren Zusammenhange betrachtet werden. Es ist deßhalb mit der Beseitigung der Religion nicht schon Alles gethan. Wird die Religion als Irrthum erkannt, so treten für den tieferen Geist die Fragen, auf welche sie eine vorläufige Antwort ertheilt, nur um so gewaltiger hervor, und das Verlangen nach einer Anschauungsweise macht sich geltend, welche statt auf Träumen und Illusionen, auf der Grundlage des Wissens, der Erkenntniß, der Wahrheit oder doch einer unvergleichlich größeren Wahrscheinlichkeit, als die der religiösen Deutung und Auslegung der Welt es ist, sich erhebt. Soll unser Leben eine höhere Bedeutung erlangen, so müssen wir es mit etwas über uns Stehendem verbinden; soll ein mächtiges Vervollkommnungsstreben uns erfüllen, so muß ein höchstes Ziel uns vorschweben, dessen Idee gleichsam das Centralfeuer unseres Geistes bildet.[2]

Die Religion erweckt in dem Menschen, indem sie ihn über die Wirklichkeit emporhebt und einerseits mit dem persönlich gedachten Weltgrunde ihn verbindet, andererseits auf eine ideale Zukunft ihn hinweist, hohe und schöne Gefühle; die Grundfrage unseres Problems lautet deßhalb: vermögen aus einer höheren Weltbetrachtung, wie die Erkenntniß im Gegensatze zum Glauben sie schafft, nicht erhabene und begeisternde Gefühle gewonnen zu werden, welche jene der religiösen Weltbetrachtung an Werth ebenso überragen, wie die Weltanschauung, der sie entsprossen, die religiöse Weltanschauung an Werth überragt, und die dem Leben eine höhere Weihe geben, unseren Bestrebungen eine mächtige Perspektive eröffnen?

Es versteht sich von selbst, daß die bloßen Atheisten diese Möglichkeit – die subjektive wie die objektive – in Abrede stellen. Die Thatsache aber, daß eine ansehnliche Reihe von Versuchen, eine derartige Welt- und Lebensanschauung zu begründen, zu verzeichnen ist, und daß jede dieser Anschauungsweisen von ihrem Urheber wenigstens mit lebendigem Gefühle ist verfaßt worden und diesen befriedigt hat, ist wohl der beste Beweis, daß für manche Naturen nicht nur das Bedürfniß nach einer neuen Lehre, sondern auch die Möglichkeit einer solchen besteht, und nur daß für manche Naturen, welche zur Geistesfreiheit durchgedrungen sind, jenes beides besteht, soll behauptet werden. An sie hat derjenige zu denken, der mit unserem Problem sich beschäftigt, an sie hat er das Wort zu richten.

Es frägt sich nun, worin man das Neue, Vollkommenere erblicken, worin man Befriedigung finden wird. Uns persönlich können die uns bekannten Versuche, eine neue Weltanschauung zu begründen, nicht völlig genügen. Für uns harrt jene Frage also noch der Beantwortung, die wir selbst zu finden und zu begründen suchen müssen, indem wir hierdurch auch andere anzuregen hoffen.