Abb. 85. Aus den Zeichnungen zu Heinrich von Kleists Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ (1876–77).

„Fort, thut mir den Gefallen, holt ihn wieder!“ (Schluß des vorletzten Auftritts.)

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GRÖSSERES BILD]

Als dann in dem nämlichen Jahre die französische Kriegserklärung jenen Sturm von vaterländischer Begeisterung hervorrief, den keiner, der ihn erlebt hat, je vergessen kann, da erfaßte Menzels scharfer Blick, der treffsicherer arbeitete, als es ein photographischer Momentapparat vermöchte, ein Augenblicksbild, in welchem er die ganze Stimmung jener Tage zusammengefaßt festgehalten hat. „Die Abreise des Königs Wilhelm zur Armee am 31. Juli 1870“ ist ein geschichtliches Denkmal aus der Zeit des großen Krieges, dem sich kein anderes aus den Ereignissen jener Jahre hervorgegangenes Erzeugnis der deutschen Kunst an die Seite stellen läßt, denn in ihm ist der Herzschlag der Nation zum Ausdruck gebracht [(Abb. 69)]. Unter den Linden in Berlin steht Kopf an Kopf die Menschenmenge, jede Hausthür, jedes Fenster, jeder Balkon ist dicht besetzt. Der König fährt in der Richtung nach dem Brandenburger Thor die Straße entlang. Eine wogende Erregung geht durch die Massen, an denen der Wagen vorbeirollt; sie beginnt, wo man desselben eben erst ansichtig wird und noch Zeit zu einem flüchtigen Blick in das eben ausgegebene Extrablatt findet, und sie zittert noch lange weithin nach, wo der Wagen vorbei ist. In strammer militärischer Haltung grüßen die einen, mit Verneigungen andere, Hände, Tücher, Hüte bewegen sich in der Luft, — in all diesen verschiedenen Menschen lebt ein Gefühl. In dem Antlitz des greisen Königs, der die Grüße dankend erwidert, liegt tiefe Ergriffenheit, die Königin an seiner Seite verbirgt schluchzend ihr Gesicht im Taschentuch. Die Häuserreihe entlang wehen Fahnen aus den Fenstern und von den Balkonen, und wie sie so lustig im Sommerwinde flattern, ist es, als ob eine Siegesahnung sie bewegte. — Das wunderbare Bild, so riesengroß an Inhalt und Gehalt, ist ein Ölgemälde von ganz geringem Umfang, dreiviertel Meter breit. Es befand sich zuerst, wie die meisten kleinen Bilder Menzels, in Privatbesitz; später aber wurde es vom Staate für die Nationalgalerie erworben, um als ein einzigartiges Geschichtsbild kommenden Geschlechtern das weltgeschichtliche Ereignis des deutsch-französischen Krieges eindringlicher, als es die Verbildlichung großer Thaten vermöchte, zu vergegenwärtigen durch die wahrheitsgetreue Schilderung von dem Eindruck eines bedeutungsvollen Augenblickes auf die deutsche Volksseele.

Abb. 86. Frühmorgens im Nachtschnellzug. Tuschzeichnung von 1877. Im Besitz der Verlagshandlung R. Wagner in Berlin.]

Abb. 87. Bleistiftstudie von 1877 zum „Ballsouper“.

Menzel malte dieses Meisterwerk erst im Jahre 1871, „aus der Erinnerung“. Als der große Krieg beendet war und die Sieger heimkehrten, führte Menzel zum Schmuck des Akademiegebäudes beim Truppeneinzug die Bildnisse von Bismarck und Moltke in Wachsfarben aus. Nachdem diese großen Bildnisse ihren vorübergehenden Zweck erfüllt hatten, sind sie zur Aufbewahrung in die Kadettenanstalt zu Großlichterfelde gebracht worden. — Darauf übernahm der Meister die künstlerische Ausarbeitung der Urkunden, in denen die Stadt Berlin jene beiden Helden der ruhmreich errungenen Einigung Deutschlands zu ihren Ehrenbürgern ernannte. Die beiden Schriftbilder, die im Jahre 1872 fertig wurden, in prächtiger Deckfarbenmalerei auf Pergament ausgeführt, vereinigen sinnreichen Figurenschmuck mit geist- und geschmackvoller Ausgestaltung und Schmückung der ersten Schriftzeilen. Bei dem Ehrenbürgerbrief für Bismarck [(Abb. 70)] sieht man links drei gekrönte Frauengestalten in mittelalterlichen Königsgewändern — die Vertreterinnen der deutschen Staaten — auf einem Felsen stehen, in welchen sie den jungen Baum des neuen Deutschen Reichs, der als Lorbeerreis zwischen ihnen aufragt, gepflanzt haben; und unter dem Fels schaut das Haupt des alten Barbarossa, vom flammenden Barte umwallt, hervor. Über ihnen erhebt sich ein schlanker gotischer Baldachin, auf dessen Bekrönung ein mächtiger Adler sich niedergelassen hat, vor dem die Raben davonfliegen. Das Maßwerk des Baldachinabschlusses enthält zugleich den Anfangsbuchstaben W der Urkunde. „Wir, der Magistrat der königlichen Haupt- und Residenzstadt“: die Worte sind, wie aus Metallbuchstaben gebildet, in die Windungen einer goldenen Magistratskette eingehängt, die sich, von leichtem Zierwerk durchflochten, von dem Baldachin aus zum entgegengesetzten Ende hinüberzieht, wo auf einem Banner das anschließende Wort „Berlin“ prangt. Träger des Banners ist ein Schmied, der mit seiner Umgebung, einer Schar von Knaben mit Schärpen und Palmzweigen, an der rechten Seite des Bildes das Gegenüber der fürstlichen Frauengestalten bildet; sein Standpunkt ruht auf einer Konsole, welche sich aus einem Bärenpaar mit verschlungenen Pranken und dem Reichsschild zusammensetzt und so die Erhebung der Stadt Berlin, deren Wappentier der Bär ist, zur Reichshauptstadt andeutet. Die zweite und dritte Zeile des Textes enthalten in ornamentaler Schrift ohne sinnbildliche Zuthat die Worte: „urkunden und bekennen hiermit, daß wir im Einverständnisse mit der Stadtverordneten-Versammlung den“ —. Bei den folgenden Worten „Kanzler des Deutschen Reichs“ ist das K aus einem mit dem großen Kanzlerpetschaft stramm dastehenden Putto und zwei schräg gestellten Schreibfedern gebildet; die übrigen Buchstaben sind auf ein breites Band gemalt, über dem in der Mitte, gleichsam von dem stärker hervorgehobenen D getragen, die Wappenschilde von Elsaß und von Lothringen stehen und hinter denselben ein mit Helm und Eisenhandschuhen bewehrter Putto, der das deutsche Kaiserbanner und das preußische Königsbanner schwingt; am Ende des Bandes spielt ein Flügelknabe mit Bismarcks Kürassierhelm. Dann erscheinen die Worte „Präsidenten des preußischen Staatsministeriums,“ mit Ausnahme des in plastischer Gestalt hervortretenden ersten Buchstaben, wie in Stickerei auf zwei aufeinander liegenden Ordensbändern ausgeführt. Auch die Worte „Fürsten Otto Eduard Leopold Bismarck“ sind auf einem solchen Bande angebracht, von dem wiederum der Anfangsbuchstabe und ebenso das B sich in selbständiger Bildung herausheben; über dem F hält ein kleiner Genius, dessen Kopf in den Ordensstern, mit welchem das Anfangs-P der vorhergehenden Zeile belegt ist, hineinragt, den Fürstenhut, und das B des Namens ist mit Lorbeerzweigen durchflochten. Der weitere Wortlaut der Urkunde ist in zierlicher und schmuckreicher Schrift ohne malerische Einkleidung gegeben. — Der Ehrenbürgerbrief für Moltke [(Abb. 71)] zeigt auf der einen Seite die Berolina, die in reicher, fürstlicher Kleidung unter einem von zwei Pagen gehaltenen prächtigen Thronhimmel steht, ein Scepter mit dem Bären in der Rechten, die Linke grüßend an die Brust gelegt; der als steinerne Konsole gedachte Sockel, welcher diese Gruppe trägt, ist mit dem Reliefbild einer Mutter, welche ihr Kind an sich drückt, mit Karyatidenköpfen, welche das bürgerliche Gewerk und die Landwehr bedeuten, und mit einem Löwenhaupt, das einen Zirkel zwischen den Zähnen hält, geschmückt. An der anderen Seite erblickt man die phantastische Riesengestalt eines preußischen Kriegers, der durch Schnee und Eis über zertrümmerte Geschütze schreitet; sein Körper und seine Arme sind hinter Rauch und Pulverdampf verborgen, aus dem ein Blitzstrahl hervorzuckt, der, einen eisernen Ring durchbrechend, das in diesem eingeschlossene Haupt des Feindes trifft; aus der wirbelnden Rauchwolke taucht der Kopf des Kriegers hervor, unter einem vom Generalsfederbusch umwallten, mit dem eisernen Kreuz und anderen Orden wie mit einem Kranz geschmückten Helm; mit den Zähnen trägt er vor sich die am Band des eisernen Kreuzes zusammengebundenen Schilde von Elsaß und Lothringen. Auf dem Thronhimmel der Berolina ist wie in Stickerei das Anfangs-W der Einleitungsworte der Urkunde angebracht, die denen des Bismarckschen Ehrenbürgerbriefs gleichlautend sind. In der Mitte der ersten Zeile hat Menzel zwischen das zierliche Ranken- und Schnörkelwerk, welches die Schrift schmückt, eine wirkungsvolle Unterbrechung gebracht durch einen mächtigen Adler mit ausgebreiteten Schwingen; von dessen dunkelfarbiger Gestalt hebt das Wort „König“ (-lichen) sich leuchtend ab, noch weiter hervorgehoben durch zwei Flügelknaben, welche über ihren Köpfen auf prächtigen Kissen die Königs- und die Kaiserkrone tragen. Das Wort „Berlin“ sondert sich auch hier in lebhaft sprechender Weise ab; in andersartiger Schrift gemalt, mit einem wehenden Banner und der Zuthat von zwei Jungen, welche Siegesdepeschen ausbieten, geschmückt, bildet es über dem Haupt der Kriegerfigur das Gegengewicht gegen die Bekrönung des Thronhimmels am Anfang der Zeile. Der Titel des Gefeierten, „General-Feldmarschall, Chef des Generalsstabs der Armee,“ ist bis auf die beiden letzten Worte ähnlich wie bei der anderen Urkunde, auf einem Bande angebracht; und zwar in der Weise, daß die kleinen Buchstaben wie Reliefstickerei erscheinen, während die großen Buchstaben als selbständige Körper das Band tragen helfen, das an den Enden von Knaben gehalten wird; ein dritter Knabe weist auf den im Anfangs-G strahlenden Stern des Schwarzen Adlerordens hin. Das nicht mehr auf dem Bande befindliche Wort „Armee“ schwebt in lichten, auf ein Lorbeerreis gereihten Buchstaben vor der dunklen Dampfwolke, welche die große Kriegergestalt einhüllt. Dann folgt die Zeile „Ehrenmitglied der Akademie der Wissenschaften“, auf die sich der marmorne Minervakopf bezieht, der, von einem Ordensband umschlungen, den Zug eines zweiten Bandes in der Mitte unterbricht. Dieses zweite Band trägt die Vornamen und den Grafentitel des Feldmarschalls; das Wort „Moltke“ aber löst sich wieder heraus, und mit dem Anfangsbuchstaben einen Marschallsstab umschlingend, leuchtet es, in gleicher Weise wie darüber das Wort „Armee“, lorbeergeschmückt vor dem Pulverrauch; von diesem Namen scheint der Blitzstrahl auszugehen, welcher den eisernen, das Feindeshaupt umgebenden Ring — den Befestigungsgürtel von Paris — durchschlägt.