Abb. 92. Bleistiftstudie zum „Ballsouper“.

Zwischen solchen unmittelbar aus Eindrücken der Wirklichkeit hervorgegangenen Schöpfungen entstand dann auch wieder einmal ein Genrebild in der Einkleidung einer vergangenen Zeit. So zeigt ein Wasserfarbengemälde von 1872 „das gestörte Mahl“ eines Reichen des 17. Jahrhunderts, dem an der fürstlich gedeckten Tafel seines holzgetäfelten Gemachs ein unerwarteter Brief den Appetit verdorben hat.

Mit der Jahreszahl 1874 sind nur wenige Werke Menzels bezeichnet, — darunter ein vom Balkon seiner Wohnung in Gastein aus aufgenommener Naturausschnitt, von ihm mit Maleraugen gesehen: ein der menschlichen Staffage fast gänzlich entbehrender Blick in das Gasteiner Thal, mit Gärten im Vordergrunde, mit Häusern und Kirchturm im Wechsel von Sonnenlicht und tiefen Schatten, mit dem wolkenumzogenen Hochgebirge als Abschluß. — Was ihn in diesem Jahre ganz beschäftigte, war die Vollendung eines umfangreichen Ölgemäldes, das im nächstfolgenden Jahre fertig wurde.

Abb. 93. Modellstudie (Bleistift) zum „Ballsouper“.

Abb. 94. Modellstudien (Bleistift) zum „Ballsouper“.

„Das Eisenwalzwerk“ ist diese bedeutungsvolle Schöpfung [(Abb. 74)]. Weißglühendes Eisen, durchleuchtete Dämpfe, Feuerschein im Kampf mit dem einfallenden Tageslicht, hart arbeitende Männer und dröhnendes, schwirrendes Maschinengetriebe; das Ganze ein Bild aus dem eigensten Innern unseres Jahrhunderts, ein Griff in das Alltagsleben der Arbeit und ein Kunstwerk von unübertroffener Pracht der malerischen Wirkung. Der künstlerische Reiz, der Eindruck auf das Malerauge, das war es zweifellos, was Menzel bewogen hat, mit einem großen Gemälde ein Stoffgebiet zu betreten, das bis dahin der deutschen Kunst noch nicht erschlossen war. Von den Nebengedanken, welche jüngere Maler in ihre Bilder aus der Welt der Arbeit zu legen lieben, ist bei dem Meister nicht das geringste zu spüren. Als Maler sah er den Vorgang, und als Maler malte er das Bild, wie einst Velasquez seine Teppichspinnerei — das einzige ältere Gemälde von verwandtem Charakter — gemalt hatte. Die erste Anregung zu dieser prachtvollen Schilderung der Thätigkeit „moderner Cyklopen“ mag er empfangen haben, als er 1869 das Heckmannsche Gedenkblatt malte, wo er ja auch schon die rußigen Gesellen im beschmutzten Arbeitskittel zur Darstellung brachte. Das wirkliche Vorbild des Eisenwalzwerkes hat sich dem Künstler in einem der großen Betriebe zu Königshütte in Oberschlesien gezeigt. Es ist ein der Anfertigung von Eisenbahnschienen dienender Raum, in den wir blicken; ein weithin in dampfige Tiefe sich erstreckender Raum, angefüllt mit einem für den nicht Sachverständigen sinnverwirrenden Maschinenwerk, dessen Stangen und Räder und vielfältig ineinander greifende Vorrichtungen Menzel mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit so wiedergegeben hat, daß das Herz des Fachmanns daran seine Freude hat. Im Mittelpunkt des Bildes sehen wir eine Anzahl von Arbeitern damit beschäftigt, ein auf dem Stoßkarren herbeigefahrenes glühendes Eisenstück unter die Walze zu bringen; mit Anspannung aller Muskeln der kräftigen Arme wird die Deichsel des Karrens emporgehoben; von beiden Seiten wird die glühende Masse in schnellem Griff mit Riesenzangen gepackt und in die Richtung gebracht; die Glut wirft flammende Lichter auf die im Kampfe mit der Hitze sich zusammenziehenden Gesichtsmuskeln der Männer und spiegelt sich blitzend in den verengten Augenspalten. Jenseits der Walze stehen andere Arbeiter bereit, um das Eisenstück in Empfang zu nehmen und weiterzuleiten, bis es schließlich, nachdem es die ganze Reihe der verschiedenen, durch ein gewaltiges Schwungrad getriebenen Walzen durchlaufen hat, als Eisenbahnschiene wieder zum Vorschein kommen wird. Solche Arbeit an der Glut erfordert öfteren Schichtwechsel. Links im Bilde sehen wir hinter einem Arbeiter, der einen im Dampfhammer zurecht geformten Eisenwürfel auf einem Ziehkarren nach vorn fährt, die eben Abgelösten mit Waschen und Umkleiden beschäftigt. Vorn rechts sind einige andere, durch eine Art von Schirmvorrichtung vor der Hitze geschützt, in kurzer Ruhepause mit dem Mittagsbrot, das ein junges Mädchen aus dem Korbe packt, beschäftigt.