Franz Hals.
Nachdem in dem langen Kampf der Niederlande gegen die spanische Herrschaft sich die Trennung der nördlichen Provinzen von den südlichen vollzogen hatte, trat die nordniederländische oder holländische Kunst in ganz andere Bahnen, als diejenigen waren, in denen die belgische Kunst sich weiter bewegte. Am augenfälligsten zeigt sich dies in der Malerei, die ja in den Niederlanden schon seit langer Zeit die meistbegünstigte und volkstümlichste Kunst war. Während in den südlichen Provinzen, die unter der Oberhoheit Spaniens und beim katholischen Glauben blieben, die überlieferte und von der italienischen Kunstweise beeinflußte Geschichts- und Heiligenmalerei in voller Geltung verblieb und durch die gewaltige Künstlerkraft eines Rubens zu ungewöhnlich glänzenden Erscheinungen geführt wurde, konnte in dem jungen protestantischen Freistaat, der den Bruch mit den staatlichen und kirchlichen Überlieferungen der Vergangenheit siegreich durchgeführt hatte, die Kunst kein Gefallen mehr finden an dem herkömmlichen, hier ganz unzeitgemäß gewordenen Stoffgebiet. Es war sozusagen eine naturgesetzliche Notwendigkeit, daß hier die Kunst ihre volle Kraft der Gegenwart zuwendete, bei einem gleichsam neu erstandenen Volke, das mit vollberechtigtem Selbstbewußtsein auf die glücklich erkämpfte und behauptete Freiheit und auf eine großartige, stetig wachsende Zunahme an Macht und Ansehen blickte. Für die holländischen Maler bildeten somit Erscheinungen des Lebens, das sie in Wirklichkeit umgab, das von selbst sich erschließende Stoffgebiet.
Wenn die Kunst es sich zur Aufgabe macht, dasjenige, was in der Wirklichkeit vorhanden ist, um seiner selbst willen darzustellen, so ist es nur ein folgerichtiger Schritt, daß sie dazu gelangt, das in der Wirklichkeit Vorhandene auch gerade so wiederzugeben, wie es sich in Wirklichkeit zeigt. Die Kunst wird also im eigentlichen Sinne „realistisch.“ Die Erscheinung des künstlerischen „Realismus“ konnte in der holländischen Malerei um so voller zur Geltung kommen, als schon seit dem ersten aufsehenerregenden Aufblühen der niederländischen Kunst ein ausgeprägter realistischer Zug in derselben lebte. Beruht doch die erhabene Größe der Brüder van Eyck zum großen Teil auf der liebevollen Treue, mit welcher sie die Erscheinungen der Wirklichkeit beobachtet und wiedergegeben haben. Auch während der Zeit, wo die Nachahmung der Italiener die Kunst beherrschte, ging diese angestammte Neigung zu unbedingter Naturtreue nicht unter; vielmehr läßt sich ihr Vorhandensein beständig in mancherlei Werken wahrnehmen. Insbesondere behauptete sich die gewissenhafte künstlerische Wahrheitsliebe auf einem Gebiete, auf dem ihre vollste Berechtigung unanfechtbar ist: auf demjenigen der Bildnismalerei. Gerade die nordniederländischen Maler haben in der lebenswahren Darstellung von bestimmten Persönlichkeiten während des ganzen XVI. Jahrhunderts sehr bedeutende Erfolge erzielt. Der Gefahr, in Nüchternheit zu verfallen, wirkte dabei der den Niederländern gleichfalls von alters her eigene Sinn für die Poesie der Farbe, durch die sich jegliches Ding über die alltägliche Gewöhnlichkeit hinausheben läßt, entgegen. — So war der Weg vorbereitet, auf dem die holländische Malerei zu ihrer eigenartigen Größe gelangen sollte, als die Friedenszeit, welche dem Waffenstillstandsabschluß von 1609 folgte, ihr Gelegenheit zu freier und reicher Entfaltung gab.
Abb. 1. Franz Hals. Bildnis des Meisters im Rathaus-Museum zu Haarlem.
(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)
Abb. 2. Festmahl der Offiziere von den St. Georgs-Schützen (1616). Im Rathaus-Museum zu Haarlem.
(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)