Abb. 66. Ein Auferstandener und ein zur Seligkeit
Aufsteigender (derselbe wird im Original von einem Engel,
der ihn am linken Arm gefaßt hat, emporgezogen).
Kreidezeichnung nach Michelangelos Jüngstem Gericht. In der
Ambrosianischen Bibliothek zu Mailand.
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément
& Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)
Auf dem Sarkophag zu Füßen Giulianos ruhen die allegorischen Gestalten des Tages und der Nacht ([Abb. 59] u. [60]), auf dem Sarkophag Lorenzos diejenigen des Abends und der Morgenröte ([Abb. 61] u. [62]). Diese vier Figuren befanden sich im Jahre 1526 sämtlich schon in Arbeit. Sie waren angefangen worden, als noch die Absicht bestand, daß jede Figur für sich auf einem Sarkophag lagern sollte (vgl. [Abb. 51]); daher kommt es, daß sie bei der später beschlossenen Aufstellung, zu je zweien auf einem Sarkophag, mit den Füßen keinen Platz mehr auf dem Sargdeckel gefunden haben. Was Michelangelo mit diesen Gestalten, zu denen noch mehrere von verwandter Art hinzukommen sollten, sagen wollte, darüber geben einige Worte Auskunft, die er selbst auf der Rückseite einer Zeichnung aufgeschrieben hat: „Der Tag und die Nacht sprechen und sagen: wir haben mit unserem schnellen Lauf den Herzog Giuliano zum Tode geführt; es ist wohl billig, daß er sich dafür rächt, wie er thut; und die Rache ist diese: wie wir ihn getötet haben, so hat der Tote uns das Licht genommen, und mit dem Schließen seiner Augen hat er die unsrigen zugedrückt, daß sie nicht mehr leuchten über der Erde. Was hätte er wohl mit uns gemacht, wenn er am Leben blieb!“ Die zuerst vollendete von den vier mächtigen, übermenschlichen Gestalten, die einzige, welche ganz fertig geworden, ist die Nacht. Die Mutter von Schlaf und Tod, der zur Kennzeichnung eine tragische Maske, eine Eule und ein Bündel Mohnköpfe beigegeben sind, erscheint als eine kräftig-schlanke Riesin von mütterlicher Bildung; sie schläft, aber im Schlaf verfolgt sie der Schmerz. Einst fand man unter dieser Gestalt einen Zettel angeheftet, auf dem die Bewunderung ihrer Lebensfülle mit einem gewandten Hinweis auf Michelangelos Namen, in einer Vierzeile ausgesprochen war:
Die Nacht, die du in lieblichen Gebärden
Hier schlafen siehst, ein Engel ließ sie werden
Aus diesem Stein; die Schlafende hat Leben.
Weck’ sie nur auf, sie wird dir Antwort geben.
Darauf ließ Michelangelo die Nacht antworten:
Lieb ist der Schlaf mir, Stein zu sein, noch lieber:
Nichtsehn, Nichthören muß für Glück ich halten,
Solang’ Unheil und Schmach im Lande walten.