Abb. 31. Die Löwenjagd. In der kgl. Pinakothek in München. Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.

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GRÖSSERES BILD]

Die sich immer steigernde Menge der Bestellungen zwang den Meister, die Hilfe seiner Schüler bei der Ausführung, namentlich der größeren Gemälde und der oft bestellten Wiederholungen, in reichlichem Maße in Anspruch zu nehmen; er selbst überarbeitete dann die Werke in mehr oder weniger eingehender Weise und drückte ihnen so den Stempel seines Geistes auf. Die Schüler arbeiteten sich, so gut es eben die Begabung eines jeden zuließ, in die Art und Weise des Meisters ein. Sein mächtiger Einfluß wirkte aber nicht bloß auf die jungen Leute, die zu ihm kamen, um von ihm zu lernen, sondern auch auf fertige Maler, seine Altersgenossen und selbst auf seine ehemaligen Lehrer. Mit den ihm befreundeten Malern verband er sich häufig zu gemeinschaftlichen Werken. Namentlich arbeitete er, außer mit dem schon erwähnten Johann Breughel, gern mit dem ihm im Alter nahestehenden Franz Snyders (geboren 1579 zu Antwerpen), dem unübertrefflichen Tiermaler, zusammen. In den Gemäldesammlungen von Dresden und München z. B. finden wir lebensprühende Eberjagden, die das gemeinschaftliche Werk von Rubens und Snyders sind. Indessen war es dem Meister keineswegs eine Notwendigkeit, sondern nur eine Arbeitsentlastung, ein Zeitgewinn, wenn er bei Tierdarstellungen den Freund zur Hilfe heranzog. Er selbst war ein Tiermaler allerersten Ranges. Keiner hat so wie er das Pferd in den wildesten Bewegungen aufzufassen verstanden; er schwelgte förmlich in der Schönheit des edlen andalusischen Rosses, das damals für den Kriegs- und Jagdgebrauch vorzugsweise beliebt war; gelegentlich aber verschmähte er es auch nicht, nach dem plumpen vlämischem Pferde eine Studie zu zeichnen ([Abb. 32]). Ebenso meisterhaft malte er die Hunde; besonders sagten die schönen gefleckten Wolfswindhunde seinem Geschmack zu, welche die großen Herren sich für ihre Hetzjagden hielten. Einen mächtigen Reiz übten auch die königlichen Raubtiere auf ihn aus, die er in Tiergärten und in den Buden der Tierbändiger zu sehen gerade in Antwerpen reichliche Gelegenheit hatte; die Farbenschönheit des bengalischen Tigers hat er in manchem Gemälde verwertet, und den Löwen machte er häufig zur Hauptfigur seiner Darstellungen. Studienzeichnungen nach Löwen sind in Menge von ihm vorhanden. Es wird erzählt, daß er einmal durch einen herumziehenden Tierbändiger einen prächtigen Löwen in seine Werkstatt bringen ließ und den Mann durch eine reiche Belohnung veranlaßte, das Tier durch Kitzeln an den Kinnladen zum Gähnen zu bringen, damit er den geöffneten Rachen studieren konnte; indessen ließ der Löwe sich dieses Spiel nicht lange gefallen, sondern mußte weggeführt werden, weil er gefährliche Mienen machte; es wird hinzugefügt, daß derselbe kurze Zeit nachher seinen Wärter zerrissen habe. — Das schönste Löwenbild besitzt die Münchener Pinakothek; Rubens malte dasselbe um 1616 für den Herzog von Bayern. Sieben Männer, vier zu Roß und drei zu Fuß, haben einen Löwen und eine Löwin angegriffen, einer der Männer liegt schon tot am Boden, ein anderer kämpft verzweifelt mit der Löwin, die ihn niedergeworfen hat; hoch auf bäumt sich der Schimmel eines weiß gekleideten Mauren, an der Schulter von der Pranke des Löwen verwundet, der den verzweifelt aufschreienden Reiter im Sprunge herabgerissen hat; die Männer hauen und stechen, die Rosse steigen und schlagen, — es ist ein prachtvolles Bild des wildesten Lebens ([Abb. 31]).

Abb. 32. Pferdestudie. Handzeichnung in der Albertina zu Wien. (Nach einer Aufnahme
von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)

Abb. 33. Die Beweinung Christi. Entwurf zu dem im Antwerpener
Museum befindlichen Altargemälde, in der Sammlung der Albertina zu Wien.
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,
in Dornach i. Els. u. Paris.)

Um 1616 erhielt Rubens von dem Pfalzgrafen von Neuburg den Auftrag, für die Kirche zu Neuburg ein Jüngstes Gericht zu malen. Diesen großartigsten aller Vorwürfe hat Rubens einmal in zwei getrennten Darstellungen behandelt, die sich beide in der Münchener Pinakothek befinden. Der Künstler läßt das Richterwort, welches die Begnadigten von den Verworfenen scheidet, schon gesprochen sein; auf dem einen Bilde steigt die Schar der Seligen gleich einer dichten Rauchwolke zum Himmel empor, wo in ferner Höhe der Weltenrichter auf dem Regenbogen thront; in widerstrebenden Massen zusammengeballt, die wie Feuergarben durcheinander wogen, stürzen auf dem anderen die Verdammten in Flammenglut und Finsternis. Das Wunderbare, das Außerordentliche dieser Schöpfungen liegt weniger in dem unerschöpflichen Reichtum der Einzelheiten, welche Rubens in den steigenden und stürzenden Leibern zur Anschauung bringt, als vielmehr in der in solcher Weise von keinem anderen jemals versuchten Massenwirkung; die Zahl der Seelen ist unendlich, zu Tausenden und aber Tausenden ballen sie sich zusammen, und beide Bilder erwecken mit Notwendigkeit die Vorstellung, daß hier wie dort noch weitere Tausende folgen werden ([Abb. 34] und [35]). Das für den Pfalzgrafen ausgeführte Altarbild ist einfacher in der Komposition, schon weil es beides, das Emporschweben zum Himmel und das Hinabstürzen zur Verdammnis, in einem Rahmen vereinigt. Die Pinakothek zu München besitzt sowohl die herrliche eigenhändige Skizze des Meisters zu diesem Bilde („das kleine Jüngste Gericht“) als auch die wiederum ganz anders komponierte Ausführung im großen („das große Jüngste Gericht“), welche im Jahre 1617 auf dem Neuburger Altare aufgestellt, später in die Gemäldesammlung der pfalzgräflichen Residenz zu Düsseldorf gebracht und von dort im Jahre 1805 mit zahlreichen anderen Rubensbildern nach München übergeführt wurde.

Bei dem großen Münchener Bilde des Jüngsten Gerichtes ist die reichliche Mitwirkung von Schülerhänden unverkennbar. Dasselbe ist bei den einige Jahre später für den Pfalzgrafen von Neuburg ausgeführten Altargemälden: Christi Geburt und Herabkunft des heiligen Geistes (beide jetzt gleichfalls in der Münchener Pinakothek) der Fall.