Als Gawain diese Worte hörte, erkannte er, was er getan, und bereute aufrichtig, den verraten zu haben, der ihm einen so starken Beweis seines edlen Charakters gegeben hatte. Er sah ein, daß niemand Pellias hätte tadeln können, wenn er sich gerächt und ihn getötet hätte. Wie konnte er seine Missetat sühnen, wie wieder gut machen, was er getan? so dachte er. Arcade, die bemerkte, daß ihn etwas beschäftigte, fragte ihn, woran er dächte. "Nur wenn du mir schwörst, meinen Willen zu tun", antwortete er, "will ich dir sagen, was mich bewegt". Als Arcade den Eid geleistet, erzählte ihr Gawain alles genau wie es geschehen war (37) und gestand ihr offen, daß er Pellias schändlich verraten hätte. "Ich möchte vor Scham sterben", sagte Gawain, "denn nie ist einer meines Geschlechts so ehrlos gewesen als ich". "Und was willst du tun?" fragte Arcade, "das Geschehene ist nicht zu ändern; das einzige was du tun kannst ist, ihn um Vergebung zu bitten". "Das will ich und noch mehr, ich will gut machen was ich getan, und ich kann es, wenn du treulich das mir gegebene Versprechen halten willst, ich bin es dem edlen Ritter schuldig. So sehr ich dich auch liebe, meine Schuld gebietet mir, dich zu verlassen, um seinetwegen. Darum bitte ich dich, daß du ihn an meiner Stelle liebest. Selbst wenn alles anders gekommen wäre, hätte ich nicht lange bei dir bleiben können. Wenn du meine Bitte erfüllst, wirst du glücklich werden." "Wie kann ich das tun", fragte Arcade, "wie kann ich den lieben, den ich so lange gehaßt?" "Du kannst es, glaube es mir," sagte Gawain. "Wenn du mir bei deiner Ehre erklären willst, daß du aufrichtig überzeugt bist, daß es zu meinem besten ist, dann will ich tun was du verlangst", erklärte Arcade, "möge Gott geben, daß ich meine Entscheidung nicht zu bereuen habe". "Dann gehe ich selbst zu ihm," sagte Gawain und machte sich sogleich auf den Weg. Er fand Pellias auf seinem Bette liegend. Er kniete an seiner Seite nieder und bat ihn um Vergebung. (38) Pellias richtete sich ein wenig auf und sagte zu Gawain: "Du hast mich getötet." Gawain erzählte ihm nun, daß er Arcaden veranlaßt habe, ihn (Pellias) als ihren Gebieter und Ritter zu empfangen, und zwar aus freiem Willen. Pellias' Vertrauen in Gawain war zu sehr erschüttert, als daß er ihm sogleich hätte trauen können, und er machte ihm bittere Vorwürfe über seine schändliche Handlungsweise.

Da bat ihn Gawain, mit sich selber Mitleid zu haben und nicht an ihm zu zweifeln. Er erklärte sich bereit zu schwören, daß Arcade ihn (Pellias) ersuchen ließ, zu ihr zu kommen.

Als Pellias begriff, daß Gawain ehrlich und im Ernst war, sprang er von seinem Bette auf und fiel ihm zu Füßen und sagte: "Du hast wieder gut gemacht was du mir getan, du hattest mich getötet, jetzt hast du mir das Leben wiedergegeben." Dann machte sich Pellias schnell bereit und begleitete Gawain, er sagte aber keinem wohin er ginge, weil er immer noch nicht glauben konnte, daß Gawain wirklich zuverlässig war. Bei Arcaden angekommen, nahm Gawain Pellias bei der Hand und führte ihn zu ihr. (39) Arcade bewillkommnete Pellias, der vor ihr niederkniete und seine Werbung wiederholte und ihr sagte, daß er nichts in der Welt mehr wünschte, als ihre Liebe. Dann gab ihm Arcade ihre Hand und lud ihn ein neben ihr Platz zu nehmen. Als Pellias ihrer Aufforderung Folge geleistet hatte, fragte sie ihn, ob er in der Nacht in ihrem Pavillon gewesen wäre, und als er das bejahte, gebot sie ihm, vor allem zu erzählen, was er getan, als er sie und Gawain zusammen gefunden hatte. So gern er geschwiegen hätte, Arcadens Wunsch mußte Pellias erfüllen.

Er erzählte der Wahrheit gemäß genau was er gedacht und getan. Als er geendet hatte, sagte Gawain: "Herr Ritter, du bist der ehrlichste Mann von dem ich je gehört habe; wenn ich die edelste Dame wäre, so würde ich dich meiner hohen Geburt wegen nicht zurückweisen, wenn du mich durch deine Liebe ehrtest." Arcade bat nun ihre Ritter um Rat, und versprach, denselben zu befolgen, (40) wenn er zu ihrer Ehre und zu ihrem Besten wäre. Die Ritter fragten Pellias, ob es ihm gefallen würde, wenn ihre Dame ihn zu ihrem Baron machen würde. Pellias antwortete: "Die ganze Welt, wenn man sie mir geben könnte, würde ich nicht so hoch schätzen als eure Dame." Darauf wurden Arcade und Pellias verlobt.

Die Hochzeit wurde mit großem Jubel und Prunke gefeiert. Der erstgeborne Sohn der beiden war Guiuret le Petit, der ein tüchtiger Ritter wurde und einen Sitz an der Tafelrunde erhielt. Nach der Hochzeit nahm Gawain von den Vermählten Abschied, und ritt wieder wie vorher, um Abenteuer zu suchen. Eines Tages begegnete er seiner Jungfrau (der 15jährigen), seinem Knappen und dem Ritter, der sie veranlaßt hatte, ihn zu verlassen. Er forderte den Ritter zum Kampfe heraus. Beide ritten ohne weitere Worte zu verlieren aufeinander los. Gawain stieß den Ritter mit der Lanze aus dem Sattel, so daß er sich beim Fallen den linken Arm brach. Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, wandte sich Gawain dann an die Jungfrau und sagte zu ihr: "Nun kannst du sehen, ob du recht tatest, ihm zu folgen und mich zu verlassen". "Vergib mir", bat die Jungfrau, "ich wußte nicht was ich tat". "Vergeben will ich dir", erwiderte Gawain, "aber mit mir gehen kannst du nicht". "Du gelobtest mir aber mich zu begleiten", entgegnete die Jungfrau. "Das tat ich allerdings", sagte Gawain, "aber du folgtest einem andern, jetzt gehe wohin du willst". (41) Damit verließ Gawain die Jungfrau und ritt den ganzen Tag, ohne ein erwähnenswertes Abenteuer zu finden.

Am dritten Tage als er durch einen dichten Wald kam, hörte Gawain zu seiner Linken einen ängstlichen Schrei. Er hielt an und horchte und hörte eine weibliche Stimme um Hilfe rufen. Er ritt in der Richtung von welcher die Stimme zu kommen schien schnell vorwärts und sah bald drei Pavillons vor sich, in deren Nähe sechs unbewaffnete Ritter einen Knappen zwangen, eine Jungfrau, die an den Schwanz seines Pferdes gebunden war, zu schleifen. Gawain eilte der Jungfrau zu Hilfe und erkannte den Zwerg, der auf der Plaine Aventureuse mit dem großen Ritter um die Jungfrau kämpfen wollte, und der hier dieselbe Jungfrau so mißhandeln ließ.

Schnell entschlossen sprengte Gawain heran, zerhieb mit seinem Schwerte die Stricke, mit denen die Jungfrau an den Schwanz des Pferdes befestigt war, und schlug dann mit der flachen Klinge den Knappen auf den Kopf, daß er zu Boden fiel. Als Gawain auch die Jungfrau erkannte, fragte er sie, wie sie den häßlichen Zwerg dem schönen Ritter hätte vorziehen können. "Nach dem, was du tatest, hätte dir kein Ritter zu Hilfe kommen sollen", sagte Gawain zu ihr, "denn durch deine Handlungsweise beschimpftest du alle guten Ritter". "Tadle mich nicht", bat die Jungfrau, "ich handelte wie ein Weib und habe meine Torheit schwer büßen müssen". Nun ergriff der Zwerg Gawains Zügel und sagte, daß er sein Gefangener wäre, wenn er ihm nicht für die Verletzung seines Knappen Genugtuung gewährte. "Laß meinen Zügel los", schrie Gawain, "oder ich züchtige dich, denn (42) du hast die Jungfrau mißhandeln lassen". Als die anderen Ritter dem Zwerge zu Hilfe kamen, verlor Gawain die Geduld.

Er schlug dem einen der Ritter den linken Arm ab und spaltete einem zweiten den Schädel. Als die übrigen das sahen, entflohen sie. Dann gab Gawain dem Zwerge mit der flachen Klinge eine Tracht Prügel und ritt, als dieser zu Boden gefallen war, ein paarmal über seinen Körper hin, so daß er für lange Zeit unfähig war zu reiten. Hierauf fragte Gawain die Jungfrau, was er für sie tun könnte. Sie bat ihn, sie in Sicherheit zu bringen. Er hieß sie ein Pferd besteigen und ihm zeigen, wohin er sie geleiten sollte. Unterwegs erkundigte er sich, weshalb sie so mißhandelt wurde. Sie erzählte, daß an demselben Morgen der Zwerg und seine Ritter jenem Ritter begegnet wären, den sie selber auf der Plaine Aventureuse dem Zwerge vorgezogen hätte, und ihn angegriffen hätten. Der Ritter hätte sie aber alle in die Flucht geschlagen. Darüber wären alle sehr traurig gewesen und hätten ihre Niederlage an ihr, als der Ursache derselben, rächen wollen. "Und wärest du mir nicht zu Hilfe gekommen", schloß die Jungfrau, "so hätten sie mich getötet". "Der Ritter war deinem eigenen Zeugnis gemäß ein braver", sagte Gawain, "wie konntest du ihn für einen solchen (43) Teufel gehen lassen?" "Es war töricht von mir, ich habe meine Dummheit schwer bezahlen müssen". "Und das geschah dir recht", sagte Gawain.

Nach einer Weile erreichten beide am Ausgang des Waldes ein festes Schloß. "Hier wohne ich", sagte die Jungfrau, "dieses Schloß ist mein; hier ruhe dich aus". Am Tore hoben Knappen ihre Dame vom Pferde und hießen sie willkommen. Gawain aber weigerte sich abzusteigen und sagte: "Ich habe dir bis hierher das Geleite gegeben, nun gehe ich, denn hier weile ich auf keinen Fall". "Das tut mir leid", sagte die Jungfrau, "aber ich weiß warum". Gawain ritt weg. __Die Erzählung wendet sich nun zu den Abenteuern des Morholt.__[40]

II. __Die Abenteuer des Morholt.__ SS. 43-66. Als der Morholt sich von Gawain und Ywain getrennt hatte, ritt er mit seiner Jungfrau (der dreißigjährigen) und seinem Knappen durch den Wald. Eines Tages kamen sie an eine weite Ebene; auf derselben lag an einem Flusse ein schönes Schloß. Vor dem Schlosse auf einer Wiese waren vierzig reich geschmückte Pavillons errichtet, und viele Ritter des Landes waren um ihren König versammelt, um, der damaligen Sitte gemäß, den Jahrestag seiner Krönung festlich zu begehen. Der Morholt sah dem Feste eine Zeitlang zu. Der König saß, die Krone auf dem Haupte, auf einem elfenbeinernen (40) Stuhl, sein Szepter lag auf einem silbernen Tische vor ihm. Er hatte sein Krönungsgewand angelegt und machte den Eindruck eines tapferen Ritters. Der König war Pellinor, der erst vor kurzem, zur Freude seines Volkes, vom Hofe Artus' zurückgekehrt war.