Gaheriet gab dem Baudemagus von seiner Kleidung alles, was er entbehren konnte; er ließ seinen Knappen absteigen, um selbst dessen Pferd zu besteigen, und sein eigenes Baudemagus zu überlassen, aber dieser nahm es nicht an, sondera bestieg des Knappen Pferd. "Wohin gehen wir nun?" fragte Gaheriet. Baudemagus hatte keine Ahnung, wohin man ihn geschleppt hatte. Als Gaheriet ihm beschrieben hatte, wo sie sich befanden, deutete Baudemagus auf den Fluß und sagte: "Jenseits des Flusses lebt ein mir befreundeter vavassour, der mir alles, was ich brauche, geben wird." (105) Gaheriet war froh, daß durch Zufall auch er nach jener Richtung zu gehen hatte.
Nachdem der Knappe hinter Gaheriet auf dessen Pferde Platz genommen, durschschwammen die drei auf den Pferden den Fluß und erreichten ungefährdet das andere Ufer. Gerade als sie ans Land stiegen, erreichte Agravain das Ufer, welches sie soeben verlassen hatten. Der Knappe erkannte ihn sogleich als den Gegner seines Herrn am letzten Morgen, und indem er Gaheriet auf ihn aufmerksam machte, sagte er: "Jenes ist der Ritter, den du heute früh aus dem Sattel gehoben hast, er folgt dir auf dem Fuße, um sich zu rächen, wenn er kann". "Meinetwegen", erwiderte Gaheriet und fragte dann Baudemagus, wie er an den Fluß gekommen wäre und wer ihn so schändlich behandelt hätte. "Das will ich dir sagen", erklärte Baudemagus, "wisse, daß König Pellinor, der allgemein für einen der besten und ehrenhaftesten Ritter gilt, mir das angetan hat". Dann erzählte er Gaheriet ausführlich wie alles gekommen war, wie er der Frau Pellinors halber[65] verraten und gemißhandelt worden war, mes de ceste auenture comment il li aduint ne parole mie cest liure, car messire Helyes le deuise appertement ou Compte du Brait por ce quelle appartient a la vie Baudemagus. Et pour ce sen taist messire Robert de Borron, car il ne veult mie compter chose qui en autres comptes soit appertement deuisee.
Als Gaheriet Baudemagus' Geschichte gehört hatte, zögerte er nicht, Pellinors Handlungsweise zu tadeln. Während sie noch miteinander sprachen, erreichten sie das Haus des vavassour, der Baudemagus mit Freuden empfing und ihn mit Pferd, Waffen und allem, wessen er bedurfte, versah. Nachdem Baudemagus neu gekleidet und gerüstet war, bestieg er ein Pferd und ritt mit Gaheriet und dessen Knappen weiter. Unterwegs erzählte Gaheriet, daß er auf dem Wege nach Avarlan sei, wo er gegen Baudon, den Sohn des Herzogs, kämpfen wollte, und daß dann sein nächstes Ziel La Roche aux Pucelles wäre, um Gawain (106) zu befreien, der dort verzaubert weilte. "Wenn Gott mich am nächsten Dienstag in einem Kampfe, der mir bevorsteht, siegen läßt", erklärte Baudemagus, "dann werde ich auch dahin kommen". "Das trifft sich seltsam", sagte Gaheriet "auch mein Kampf ist auf nächsten Dienstag festgesetzt." "Dann laß uns verabreden", sagte Baudemagus, "daß wir uns, wenn wir unsere Gegner besiegt haben werden, am Felsen wiedersehen wollen; wer zuerst ankommt, möge auf den andern drei oder vier Tage warten, und wenn er dennoch ohne den andern gesehen zu haben, den Ort verläßt, so lasse er ein Zeichen von sich zurück".[66] Damit war Gaheriet einverstanden. Nachdem beide die Nacht bei einem Einsiedler zugebracht hatten, trennten sie sich. Mais de lauenture de Baudemagus ne deuise mie le compte, car elle ny doit pas estre comptee pour ce quelle est de la branche du Brait.[67]
Nachdem Gaheriet den ganzen Tag geritten war, ohne ein erzählenswertes Abenteuer gefunden zu haben, schlief er die Nacht in dem Hause einer Wittwe. Am folgenden Morgen setzte er in aller Frühe seinen Ritt fort und erreichte am Dienstag früh das Schloß Avarlan. Der Herzog, in Erwartung des Ritters, der gegen seinen Sohn kämpfen sollte, hatte seinen Hof um sich versammelt und sein Sohn saß neben ihm, mit Ausnahme seines Helmes vollständig gerüstet.
Gaheriet begrüßte den Herzog und (107) sagte ihm, daß er ein Abgesandter des Königs Artus wäre, und erklärte ihm den Zweck seines Kommens. Baudon, des Herzogs Sohn, bestritt, daß er je Verrat geübt hätte, und sagte, sein Vater möge ihn für unwürdig und treulos halten, wenn der Ritter ihn besiegte. Dann verlangte Gaheriet, den Gefangenen zu sehen. Gallinor der Gefangene, der Bruder des Gallin, wurde herbeigebracht. Gaheriet hatte eine Unterredung mit ihm allein. Er sagte: "Du bist verloren, denn dein Bruder ist unfähig hierher zu kommen. Sage mir bei dem Heile deiner Seele, ehe du stirbst, weshalb man dich gefangen hält". "Das will ich" sagte Gallinor, "der Wahrheit gemäß tun: Baudon und ich waren für mehr als fünfzehn Jahre Freunde und Waffengefährten. Baudon liebte eine Jungfrau dieses Landes und teilte mir seine Neigung mit, denn ich genoß sein unbegrenztes Vertrauen. Die Jungfrau war der Liebe Baudons nicht würdig, denn sie täuschte ihn mit seinem Vetter, dem sie sich hingab. Lange Zeit trafen sich beide (108) heimlich ohne ertappt zu werden; eines Tages fand ich sie. Aus Liebe zu Baudon wollte ich beide töten, ich ließ sie aber leben, als sie um Gnade flehten und hoch und heilig versprachen, nicht wieder zu sündigen. Weil aber beide fürchteten, daß ich doch eines Tages Baudon die Wahrheit sagen würde, beschlossen sie, mich zu vernichten. Die Jungfrau beklagte sich bei Baudon, daß ich ihr nachstellte und sie zu töten gedroht hätte, wenn sie sich weigerte, meinen Willen zu tun. Der Ritter bestätigte diese Anklage und sagte, daß nur er mich verhindert hätte, der Jungfrau Gewalt anzutun".
"Baudon war über meinen vermeintlichen Verrat sehr betrübt, denn er liebte mich. Er ließ mich fangen und ins Gefängnis werfen, aus dem ich jetzt zum ersten Male herauskomme, um den Tod zu erleiden. So wahr mir Gott helfe, das ist die Wahrheit". Gaheriet tröstete Gallinor und versicherte ihm, daß er nicht sterben werde, und sagte: "Ich werde für dich gegen Baudon kämpfen". Gaheriet suchte Baudon zu überreden, Gallinor frei zu lassen, aber vergebens. Dann gab Gaheriet dem Herzog sein Pfand und Baudon tat dasselbe. Nachdem Gaheriet den Herzog gebeten hatte, daß er Gallinor den Kampf mit ansehen ließe, begab er sich mit den anderen nach dem Kampfplatz (109). Unterwegs erflehte Gaheriet in einer Kapelle von Gott, daß er ihm den Sieg verliehe. Als er aus der Kapelle heraustrat, begrüßte ihn eine Jungfrau mit den Worten: "Gott gebe dir Ehre heute und immerdar". Gaheriet erwiderte ihren Gruß. "Wenn du mir versprechen willst", sagte die Jungfrau zu Gaheriet, "mir eine Gunst zu erweisen, wenn ich dich darum bitten werde, so will ich dir sagen, was dich sehr erfreuen wird". Als Gaheriet ihr das Versprechen gegeben hatte, sagte die Jungfrau: "So wisse denn, du wirst heute Baudon besiegen, und weil er einer der besten und mächtigsten Ritter dieses Landes ist, wird dieser Sieg dir zu großem Ruhme gereichen. Nun geh, aber vergiß nicht was du mir versprochen hast". Als Gaheriet an seinem Ziele ankam, war Baudon schon gewaffnet. Der Herzog hatte zwölf Ritter beauftragt den Kampfplatz zu bewachen und ihnen befohlen, niemanden denselben betreten zu lassen. Der Kampfplatz duroit vng grant arpent de loing et .iiij. de le und war mit eisernen Ketten ringsherum abgegrenzt.
Als das Signal zum Beginn des Kampfes gegeben war, ritten Gaheriet und Baudon mit solchem Ungestüm aufeinander los (110), daß ihre Lanzen zersplitterten und beide von ihren Pferden zur Erde stürzten. Nach kurzem Rasten waren beide wieder auf den Füßen, zogen ihre Schwerter und begannen den Zweikampf zu Fuß und setzten denselben mit solcher Bitterkeit fort, daß beide nach einer Weile der Ruhe bedurften, um Luft zu schöpfen. Als beide nach der Pause den Kampf wieder aufnahmen, wurde es bald klar, daß die Entscheidung sich zu Gunsten Gaheriets neigte. Die Zuschauer begannen um Baudons Leben besorgt zu werden und gaben ihren Gefühlen (111) der Enttäuschung und des Schmerzes auf verschiedene Weise Ausdruck.
Nach und nach begannen die beiden Kämpfer bedeutend zu erschlaffen trotz der übermenschlichen Anstrengungen, die jeder von beiden machte, den andern zu überwinden. Schließlich fing Baudon an zu weichen, und alle erkannten, daß er getötet werden würde, wenn der Kampf nicht auf irgend eine Weise unterbrochen würde. Als der Herzog die Gefahr seines Sohnes erkannte, konnte er die Tränen nicht zurückhalten, aber er war zu ritterlich gesinnt, als daß er sich hätte entschließen können, einzugreifen. Als Gaheriet sah, daß er seines Gegners Schicksal in der Hand hielt, fühlte er Mitleid mit dem guten Ritter und sagte zu ihm: "Du mußt einsehen, daß du verloren hast; weil du aber ein so braver Ritter bist, will ich dir den weiteren Kampf erlassen, wenn du bereit bist, Gallinor in Freiheit zu setzen und ihn wieder als deinen Freund und Waffengefährten zu lieben". Baudon antwortete, daß er mit Freuden bereit wäre, das zu tun, wenn Gaheriet den Herzog überreden könnte, mit dieser Entscheidung zufrieden zu sein. "Ich will es versuchen," sagte Gaheriet. (112)
Gaheriet ließ durch die Wächter des Kampfplatzes den Herzog herbeiholen und erklärte ihm, daß sein Sohn und er selber die Ursache ihres Kampfes als eine nichtige erkannt und daß sie beschlossen hätten, denselben aufzugeben, wenn ihm diese Entscheidung nicht mißfiele. Der Herzog war hocherfreut, doch ließ er nicht merken, wie willkommen ihm diese Wendung des Schicksals war, und fragte seinen Sohn, ob er mit dem, was sein Gegner gesagt, einverstanden wäre. Baudon bejahte das. Die Umstehenden baten den Herzog, Gaheriets großmütiges Anerbieten nicht abzuschlagen.
Darauf betrat der Herzog den Kampfplatz und befahl Gaheriet und Baudon, ihre Helme abzunehmen und sich den Bruderkuß zu geben. Beide gehorchten zur großen Freude aller Umstehenden. Gaheriets edle und großherzige Handlungsweise fand allgemeinen Beifall. Baudon gelobte, Gallinor so lange er lebte als Freund und Gefährten zu lieben und ließ sich dann nach dem Schlosse tragen, denn er vermochte sich vor Erschöpfung kaum aufrecht zu erhalten. In der allgemeinen Freude über den glücklichen Ausgang des Kampfes, vergaß man Gaheriet ganz und gar. Gaheriet damit nicht unzufrieden, befahl seinem Knappen, sein Pferd herbeizubringen. (113)