„Frage nur,“ sagt er.

Er fühlt wohl, wie ich mit den Augen ihn liebkosend frage. Und er spricht. Bald tropfen die Worte klar von den Lippen, bald plätschert seine Stimme aus dem Springbrunn, sie singt aus den Kehlen der Nachtigallen und rauscht mit den Blättern der alten Ulmen. So klug sind die Toten.

„Lass du mein armes Leben,“ sagt Edgar Allan Poe. „Frage Goethe darnach, der ein Fürst war, der sechs Hengste zahlte und mit ihnen durch die Welten jagte. Ich war ein Einsamer.“

Ich lass den Blick nicht von ihm: „Erzähle! Denen, die dich lieben, und die du liebst!“

Das Leben vergass ich, das ich lebte,“ sagte er, „o nicht erst, seit ich tot bin, wie die Menschlein sagen. Jeden Tag vergass ich am nächsten Tage — — hätte ich sonst weiter leben können? — Mein wahres Leben aber, mein Leben in meinen Träumen, das kennst du ja!“

— — Vom Boden her huscht ein leichter Nebel durch den Abend, eine süsse Kühle fächelt meine Schläfen. Freilich: das Leben seiner Träume kenn ich wohl, schenkte er es doch mir und der Welt. Und langsam lass ich dies Leben in seinen Dichtungen vor mir vorübergleiten.

— — William Wilson. Natürlich ist es Poe.

So sehr Poe, dass der Pfaffe Griswold geruhig Wilsons Geburtsjahr — 1813 — als das des Dichters angibt! — Der Knabe herrscht in der alten Boarding-School zu Stoke-Newington über all seine Mitschüler, nur über einen nicht, den andern Wilson: sich selbst. Und er, dessen ererbter leichter Sinn ihn als Knaben, Jüngling und Mann immer wieder zum Lumpen werden lässt, wird sein Gewissen nicht los: den andern Wilson, sich selbst. Trotz des Gewissens stösst ihn sein Hang zum Verbrechen in der Welt herum, und immer von neuem ist er selbst sein strafender Richter.[2]

So ist des Dichters Kindheit, so sein Jünglingsalter vergiftet. Das ererbte und durch die Erziehung noch mehr entwickelte Gefühl für gut und böse ist so überstark in ihm, dass er aus dem ewigen Hin und Her nicht herauskommt, schier an ihm zugrunde geht. Jedes kleine Unrecht, das er begangen, wächst in seinen Träumen zum ungeheuerlichen Verbrechen