’Tis the vault of thy lost Ulalume!“’
Immer steigert sich meine Furcht. Des toten Dichters Seele, die durch der Ulmen Blätter rauschte, in der Nachtigallen Sang erklang,
die aus den Quellbächlein plätscherte und des Windes schauriges Lied erfüllte, sie nimmt auch von mir Besitz. Von mir: einem winzigen Stäubchen der Natur, die sie durchdringt. Ich weiss, dass dieser Gedanke mich vernichtet, dem ich nicht entfliehen kann. Doch wehre ich ihm nicht, — — und seltsam! ich werde ruhig, so ruhig, wie ich ganz von ihm erfüllt bin.
Leise schwindet die kleine Menschenangst.
***
Nun finde ich auch meinen Weg wieder. Ich schreite durch die Pforte der Reben auf den Platz der Aljibes zu. Ich gehe in die Alcazaba, steige den Ghafar hinauf, den mächtigen Wachtturm der maurischen Fürsten. Ein leuchtender Halbmond glänzt nun zwischen ziehenden Wolken, das alte Wahrzeichen arabischer Grösse, das kein Christengott vom Himmel wegwischen kann. Ich blicke tief hinunter auf das kirchenfrohe Granada, lärmend und schwärmend im nächtlichen Strassentreiben. Das läuft in Kaffeehäuser, das liest
Zeitungen, putzt Stiefel und lässt sich Stiefel putzen. Das schaut in erleuchtete Ladenfenster, fährt in Trambahnen, ruft frisches Wasser aus und sammelt Zigarrenstummel. Das lärmt und schreit, zankt sich und verträgt sich wieder. — Und kein Mensch hebt den Blick, kein Mensch schaut hinauf auf die einzige Pracht hier oben!
Rechts von mir braust der Darro daher, hinten höre ich des Genil Rauschen. Helle Feuerscheine dringen aus den Erdhöhlen des Zigeunerberges, und zur andern Seite strahlen silbern im Mondlichte die Schneehäupter der Sierra. Zwischen dem Wachtturme, auf dem ich stehe, und den Purpurtürmen des Mohrenberges zieht sich tief im Tal der dunkle Park hin, hinter mir liegt, Saal an Saal, Hof an Hof, der Alhambra Zauberschloss.
Dort unten lärmt das kleine Leben des Jahrhunderts, hier oben ist der Träume Land. Und das da unten — — wie fern, wie unendlich weit ist das von mir. Und das hier oben — — ist nicht jeder Stein ein Stück meiner Seele? Bin ich, allein in dieser Welt der Geister, die das blinde Leben unten nicht sieht, bin ich nicht
ein Teil all dieser Träume? — Die allmächtige Schönheit macht diese Träume zur Wahrheit: hier blüht das Leben, und die Wirklichkeit da unten wird zum Schattenspiele.