Mögen sie die Knochen behalten, die da drüben! Wir aber wollen des Dichters Seele lauschen, die in den Nachtigallenkehlen der Alhambra lebt.

[1.] Die beste Ausgabe in englischer Sprache ist bei J. B. Lippincott Company, Philadelphia erschienen; eine deutsche Gesamtausgabe (die nur die kritischen Studien und einige Gedichte und Humoresken nicht enthält) erschien bei J. C. C. Bruns in Minden; einzelne Novellen in der Reclamschen und der Meyerschen Volksbibliothek.

[2.] Was seinen Biographen, den Pfaffen Griswold, nicht hindert, zu behaupten, „dass es in der ganzen Literatur kein Beispiel gäbe, bei welchem man, wie bei Poe, so sehr auch nur den Schatten eines Gewissens vermisse!“

[3.] Es ist völlig verfehlt, diese Tatsache, wie van Vleuten es tut, auf den übermässigen Alkoholgenuss zurückzuführen: Bacchus, der Venus Feind. Seine Bemerkung: „Dass der Alkohol ein Feind der physischen Liebe ist, weiss jeder Arzt; in Poe scheint er auch das psychische Äquivalent vernichtet zu haben“ („Zukunft“ 1903 pag. 189), ist mir aus dem Munde eines ernsten Psychiaters, wie van Vleutens, einfach unbegreiflich. Ich habe im Gegenteil häufig die Erfahrung gemacht — und mir von Psychiatern bestätigen lassen — dass chronische Alkoholiker im Rausche oft genug, manche sogar regelmässig, eine ausserordentliche Steigerung des Geschlechtstriebes zeigen. Es ist hier nicht der Ort, auf diese Frage näher einzugehen, jedenfalls ist es eine Tatsache, die jeder Polizist bestätigen wird und die van Vleuten gewiss nicht leugnen kann, dass dreiviertel der nächtlichen Bordellbesucher in einem mehr oder weniger grossen Rausche handeln. Ist also die Hypothese van Vleutens falsch, so ist seine Schlussfolgerung völlig absurd: „in Poe scheint der Alkohol auch das psychische Äquivalent vernichtet zu haben. Deshalb war das Weib aus seinen Delirien verbannt; und da sein Dichten fast ausschliesslich in seinen Delirien wurzelte, fehlt ihm die ganze Sphäre des Weibes und der Geschlechtsliebe“. — „Die Sphäre des Weibes“ fehlt Poe durchaus nicht, vielmehr hat er sie häufig, freilich stets in der denkbar reinsten und edelsten Form, verwandt. — Übrigens widerspricht sich van Vleuten selbst. Er stellt fest, „dass ’Der Rabe’ offenbar aus einem Delirium stamme“ (a. a. O. pag. 189). Nun, in diesem Gedicht spielt doch ein Weib die Hauptrolle, wie kann er da behaupten, dass „das Weib aus Poes Delirien verbannt sei“? — Der Satz, „dass der Alkohol der physischen Liebe — und sogar ihres psychischen Äquivalents — Feind sei“, ist in dieser Allgemeinheit gewiss unrichtig; die Wirkung ist eben individuell völlig verschieden. Daher hätte sich van Vleuten seine Bemerkung, dass Baudelaire, als er auf die Asexualität der Novellen Poes hinwies, „keine rechte Erklärung hierfür habe finden können“, besser gespart. Baudelaire, dem bewussten Rauschkünstler par excellence, war ganz sicher diese sogenannte „Erklärung“ wohl bekannt, er gab sie mit Absicht nicht wieder, da er ihre Hohlheit durchaus erkannte. — — Die Asozialität des Dichters, die übrigens ebenso wie die Asexualität beim Lesen Poes in die Augen springt, berührt van Vleuten leider mit keinem Wort: — möchte er etwa behaupten, dass ihr physisches Äquivalent bei ihm vorhanden gewesen, aber durch den Alkohol vernichtet worden sei?! — Logisch müsste er es, denn der innere Zusammenhang beider Momente — hier in der Negation — lässt sich doch einmal nicht verleugnen! — — Es ist übrigens unerhört, zu welchen Gewaltmitteln van Vleuten in seiner sonst klugen Arbeit greift, um den Dichter in das Prokrustesbett seiner vorher festgelegten Schablone zu pressen! So behauptet er: „Die Landschaft Poes ist schematisch und einförmig. — — — Für die wirkliche Landschaft war der Blick des Kranken unempfindlich, wenigstens liess die Amnäsie keine Erinnerung daran haften.“ — Und solchen Unfug sagt ein Psychiater, der selbst ein begabter Dichter ist, von dem Edgar Allan Poe, der „Landors Cottage“ und „The Domain of Arnheim“ schrieb, diese Hohenlieder der Landschaft, in denen auf fünfzig engbedruckten Seiten von nichts anderm als von landschaftlichen Schönheiten die Rede ist! — Ich kann mir dies Vorgehen van Vleutens nur so erklären, dass er Poes Werke nur bruchstückweise kennt und die erwähnten beiden Kabinettstücke, sowie die Mehrzahl seiner Gedichte, die eine Menge landschaftlicher Bilder enthalten, nie gelesen hat! Wenn ich ihn also in Schutz nehme vor dem Vorwurfe, bewusst Unrichtiges gesagt zu haben, so kann ich ihm doch den andern schweren Vorwurf nicht ersparen: ohne genügende Vorkenntnisse den Lesern der „Zukunft“, das heisst, unserm Elitepublikum, eine Arbeit vorgesetzt zu haben, die, obwohl im grossen ganzen gewiss anerkennenswert, doch in Einzelheiten schwere Irrtümer enthält, die geeignet sind, das Bild eines der allergrössten Genies im Werte herabzusetzen.


SCHRIFTEN VON
HANNS HEINZ EWERS

MÄRCHEN UND FABELN

Ein Fabelbuch (mit Etzel). IV. Aufl. Verlag Albert Langen, München