„Nein, Herr Lieutenant!“
Also nichts! Das Allerfatalste, weder Ja noch Nein, eine widerwärtige, flaue Fluth von Möglichkeiten, in der man nun noch bis zum andern Morgen schwimmen konnte!
Eine zweite Nacht brach heran, die gleich der vergangenen schlaflos zu werden drohte, das Durchkonjugiren von „hätte ich!“ ist stets eine der unerfreulichsten Beschäftigungen, ganz abgesehen von ihrer völligen Nutzlosigkeit. Und dennoch beschäftigt sich jeder, der eine Dummheit begangen hat, hinterher damit, sich zu sagen: „hätte ich dies gethan, oder das nicht gethan!“
Zum Glück siegte die übermüdete Natur für diesmal, unser armer Held schlief ein, und schlief, traumlos, wie man immer schlafen sollte, bis tief in den nächsten Morgen hinein, der ihm beim Erwachen grell und golden in die Augen schien.
Beim Frühstück konnte er wieder einen Brief erwarten, aber die Klingel rührte sich nicht, und der Vormittag verging ihm, dem schon vom Dienst Dispensirten, in bleierner Schwere. Endlich schlug die Stunde, wo er sich, um sich abzumelden, nach der Kommandantur begeben mußte, er warf sich in seinen Staat, und schritt wenige Minuten darauf mit Helm und Schärpe, äußerlich ein energischer, junger Kriegsgott, innerlich ein deprimirter Hase, seinem Bestimmungsort zu.
Die Sache war schnell erledigt, und als Fritz den Heimweg antrat, beschloß er, um seinen Gedanken ein wenig Audienz zu geben, noch einmal durch die Anlagen zu wandern.
Ihm war, er wußte selbst nicht, warum, jetzt hoffnungsfreudiger zu Muthe. Hätte er ein „Ja“ erhalten, so wäre die Antwort jetzt gewiß schon da. Es war ja möglich — entzückende Möglichkeit! daß er Amalien über Nacht eben so widerwärtig geworden, wie sie ihm! Wenn er sich’s recht bedachte, hatte er überhaupt gar keinen Grund, anzunehmen, daß sie ihm besonders gewogen sei; was er für Stille und Zurückhaltung in ihrem Wesen genommen, war vielleicht — nein gewiß! verborgene Abneigung gewesen. Man kann sich bekanntlich nichts so leicht einreden, als was man wünscht, Fritz war noch keine zehn Minuten gegangen, als er schon glückselig einen imaginären Korb von Amalien am Arm, und einen ebenso imaginären Ring von Lottchen am Finger trug.
Diese letzte Möglichkeit spann sich denn in seinem Inneren zu dem farbenreichsten Bilde aus, er stellte sich das Mädchen in ihrer ganzen Lieblichkeit vor, so deutlich, daß es ihn kaum überraschte, als er, um eine Ecke biegend, sich plötzlich ihr gegenüber sah.
Mit unverhohlenem Entzücken griff er an den Helm, aber Lottchen blickte ihn erst erschreckt, dann völlig fassungslos an, plötzlich wandte sie sich ab, und setzte, ohne seinen Gruß zu erwidern, ihren Weg fort.
Jetzt erst begriff Fritz ihre Empfindungen! Der Kaufmann Schröter von gestern, der bescheidene Besitzer des einträglichen Kolonialwaarengeschäfts, dem — d. h. dem Besitzer! — sie in ihren Träumen bereits eine nicht ganz nebensächliche Rolle zugewiesen hatte, er klirrte heute als bewaffnete Macht ihr entgegen, und sie wußte begreiflicherweise nicht, ob eine wunderbare Aehnlichkeit sie täusche, oder was sie sonst von ihm denken solle.