Ich hab' es nie so tief gewußt,
Was heimlich webt, wo Menschen mich umdrängen:
Was ich im Wind verschüttet, Rausch und Lust,
Was ich an Leid begrub auf stillen Gängen,
Flutet von euch zurück in meine Brust.
Dann bin ich wie ein Baum im Abendwehn,
Von dem ein trunkner Schatten niederschwebt,
Ich seh' verworrn in meinem Schatten gehn
Viel Menschenleben, die ich selbst gelebt:
Ein wildes Jahr, im Rausch zu Grab gelenkt,
Ein Wintermond, drin Herdschein mir gefunkelt,
Ein grauer Tag, den ich an Gott verschenkt,
Ein goldner Abend, trauerüberdunkelt.
Was ich im Wein vergaß, im Abend litt,
Trägt Brust um Brust in ihre Stille mit.
Und leis zerrinnt des Schattens blaue Pracht
Und einsam wie ein Wald rauscht tiefe Nacht.

Hugo v. Hofmannsthal

Leben.

Und immer fremder sind mir Tag und Räume …

Was weht um mich? Man sagt: ein Menschenwort.
Was rauscht um mich? Man sagt: die dunkeln Bäume,
Die rauschen noch seit deiner Kindheit fort.
Und Gärten stehn im abendlichen Land,
Ihr Schatten grüßt mich kühl und altbekannt.

Ich aber wandre dunkel fort, im Innern
Ein uralt Schattenbild, das leise weint.
Die nenn' ich Mutter, diesen nenn' ich Freund
Und lächle tief und kann mich nicht erinnern.

Regenabend.

Wenn kalt der Regen um die Fenster stiebt,
Der Nebel wankend übern Berg gefunden,
Der Sumpf die Schatten meiner Wiesen trübt,
Spür' ich: in diesen grau-verschlafnen Stunden
Nimmt vieles Abschied, das ich sehr geliebt,
Ich kann die Wanderstimmen nicht erkennen,
Die dunkle Worte rufen über Feld,
Das Sterben nicht mit Namen nennen,
Das jetzt verhüllt durchwandert meine Welt.
Ich weiß nur: irgendwo im Sternenschein
Neigt ein geliebtes Haupt sich dunkler Sünde,
Ein Herz wird kalt, ein Baum verlischt im Winde,
In einem Becher welkt der kühle Wein,
Und alles geht und winkt und schwindet fern,
Im Grau verrieselt auch der letzte Stern.

Der Schatten.

Zwischen mir und meinem trunknen Leben
Wärmt ein Schatten sich an meiner Glut.
Wünschend saust mein ungestilltes Blut,
Doch er raubt mir schon im Niederschweben
Jeden Traum und jedes goldne Gut.
Meiner Schätze waren funkelnd viele,
Doch ich fühl' an meines Bechers Rand
Seines Schattenmundes wilde Kühle
Und am Griffe seine Schattenhand.
Schritt ich so verloren in die Lande,
Ließ mein Wandern keine Spur zurück.
Seine Spuren, halb verweht im Sande,
Sah mein schauernd rückgewandter Blick.
Selbst von meines Schlummers Grunde heben
Seine Hände jeden Schatz der Lust:
Schlafen muß ich steinern, traumbewußt
Zwischen mir und meinem trunknen Leben.