Christian Morgenstern.
Geboren am 6. Mai 1871 zu München, lebte als Schriftsteller in Berlin; starb am 31. März 1914 in Meran. – In Phantas Schloß 1895. Horatius travestitus 1896. Auf vielen Wegen 1897. Ich und die Welt 1898. Ein Sommer 1899. Und aber ründet sich ein Kranz 1902. Galgenlieder 1905. Melancholie 1904. Palmström 1910. Einkehr 1910. Palma Kunkel 1916. Der Gingganz 1919.
Erster Schnee.
Aus silbergrauen Gründen tritt
Ein schlankes Reh
Im winterlichen Wald
Und prüft vorsichtig, Schritt für Schritt,
Den reinen, kühlen, frischgefallenen Schnee.
Und deiner denk' ich, zierlichste Gestalt.
Vöglein Schwermut.
Ein schwarzes Vöglein fliegt über die Welt,
Das singt so todestraurig …
Wer es hört, der hört nichts anderes mehr,
Wer es hört, der tut sich ein Leides an,
Der mag keine Sonne mehr schauen.
Allmitternacht, Allmitternacht
Ruht es sich aus auf dem Finger des Tods.
Der streichelt's leis und spricht ihm zu:
„Flieg, mein Vögelein! Flieg, mein Vögelein!“
Und wieder fliegt's flötend über die Welt.
Welch ein Schweigen …
Welch ein Schweigen, welch ein Frieden
In dem stillen Alpentale.
Laute Welt ruht abgeschieden.
Silbern schwankt des Mondes Schale.
Von den Wiesen strömt ein Düften.
Aus den Wäldern lugt das Dunkel.
Brausend aus geheimen Klüften
Bricht der Bäche fahl Gefunkel.