Schönheit? – das ist mir nichts als Hülle
Um irgend eine Liebreizfülle.
Der Reiz zur Liebe und zum Leben,
Wenn den die Reize einer Gestalt
Mir wie aus eigner Seele eingeben,
Dann bin ich – schön in ihrer Gewalt;
Sonst sind sie angeflogne Schäume,
Nachwehen toter Künstlerträume.
Du würdest ja Raffael nicht entzücken:
Du bist zu kriegrisch ins Kraut geschossen.
Deine dunkle Haut ist voll Sommersprossen.
Dein Pferdshaar, dein herrischer Nasenrücken
Taugen zu keiner klassischen Ode,
Und dein klassisch Kinn ist gar nit mehr Mode.
Aber – jetzt will ich die Augen zudrücken,
Will nichts mehr fühlen als deinen Bann,
Nichts küssen als deine Wildkatzenstirne;
Und wärst du die durchtriebenste Dirne,
Du wirst mir eine Heilige dann –
Prüfend blicken zwei Seelen einander an.
II, 28.
Und es rauscht nur und weht.
Es liegt eine Insel, wohl zwischen grauen Wogen;
Es kommen wohl Vögel durch die Glut geflogen,
Die blaue Glut, die stumm und stet
Die Dünen umschlingt.
Da gebiert die Erde im stillen wohl ihr Empfinden
Und nimmt ihre Träume und gibt sie den Wellen, den Winden.
Die Seele eines Weibes singt:
O laß mich still so liegen,
An deiner Brust, die Augen zu.
Ich sehe zwei Wolken fliegen,
Die eine Sonne wiegen;
Wo sind wir, du? –
Und es rauscht und weht.
Es liegt eine Düne, wohl zwischen tausend andern.
Es werden wohl Sterne den blauen Raum durchwandern,
Der über den bleichen wilden Hügeln steht
Und golden schwingt.
Die Seele eines Mannes singt:
Still, laß uns weiterfliegen,
Beide die Augen zu.
Ich sehe zwei Meere liegen,
Die einen Himmel wiegen.
O du –
Es rauscht, es weht;
Über die heißen Höhenzüge geht
Höher und höher der goldne Schein
Ins Blaue hinein,
Wo das Dunkel schwebt.
Und aus dem Dunkel herüber, auf großen Wogen,
Kommt die Einsamkeit gezogen.
Und zwei Seelen singen: Eine Seele lebt,
Wohl zwischen den Sternen, den Sonnen, den Himmeln, den Erden,
Die will uns wohl endlich leibeigen werden:
Es schwellen die Wogen herüber, wie Herzen klingen,
Menschenherzen! – Zwei Seelen singen –
Adolph Donath.
Geboren am 9. Dezember 1876 zu Kremsier in Mähren. – Tage und Nächte 1898. Judenlieder 1899. Mensch und Liebe 1901.