Auf einer alten Steinbrücke hatten wir den Fluß zu überschreiten. Das lautlose Wasser blitzte und strahlte in unzähligen feinen Silberstrichen, durch die eine rastlose flimmernde Bewegung ging. Gleich jenseits der Brücke duckte sich eine kleine Schenke an den Weg. Auf dem Dach lag der Mond wie Schnee. Aus einem der niedrigen Fenster schien ein Licht in die Nacht. Wir gingen daran vorüber und hörten von drinnen einige lachende Stimmen. Mein Begleiter sagte mir, daß es italienische Arbeiter seien, die eine Straße in der Nähe ausbesserten und in der Schenke wohnten. Bald war wieder die große Stille um uns her.
Schließlich gelangten wir an unser Ziel, in das von ziemlich baumarmen Feldern umgebene Dorf, dessen Turm wir schon vorher gegen den hellen Himmel hatten aufragen sehen. Bei dem Kranken war nicht viel zu tun. Es handelte sich um einen der Fälle, die man allein sich zu Ende kämpfen lassen muß. Es war vorauszusehen, daß der Alte spätestens am Abend des folgenden Tages sich für immer ausstrecken werde. Ich konnte mich nur bemühen, ihm das Letzte möglichst leicht zu machen. Ich blieb etwa eine halbe Stunde am Krankenbett und wandte mich dann zum Gehen. Da ich das Wohnzimmer der Leute durchschritt, fragte mich der junge Bauer, ob ich nicht, ehe ich wieder heimwandere, irgendeine Stärkung zu mir nehmen wolle. Dieses Anerbieten kam mir sehr erwünscht, denn die nächtliche Wanderung hatte mir Hunger verursacht. Ich setzte mich also und befriedigte mit Genuß meinen gesunden Appetit, während sich einige Schritte von mir entfernt ein Mensch unter gelinden Schmerzen langsam auflöste. Endlich erhob ich mich, schärfte dem jungen Bauer noch einmal die Verhaltungsmaßregeln ein und ging davon. Als ich ins Freie trat, sah ich, daß sich vielfache silberne Nebelstriche über die Felder gelagert hatten. Sie schweiften und wehten leise hin und her. Der Himmel war noch klar und voller Sterne, und der Weg war gut zu erkennen. Ich schritt zu und merkte nun auch, daß es kühler geworden war. Mitunter, wenn die Nebel an mir vorbeistrichen, wehte mich ein eiskalter Hauch an. Nach und nach bezog sich das Firmament, die Gestirne erloschen, und die Nebel wurden dichter und zahlreicher. Weiß der Himmel, woher sie kamen, sie schienen aus der Erde zu wachsen, sie türmten sich wie Wolken übereinander, sie schoben und drängten sich, bis sie schließlich feststanden und sich nicht mehr rührten. Ich kam wieder an der Wegschenke vorbei, die jetzt ohne Licht, schlafend und lautlos, an dem Flußufer hockte. Sie hob sich im Nebel wie eine dunkle, klobige Masse ab, wie etwas unheimlich Lebloses, in dem aber das Leben doch wohnte und nur darauf lauerte, daß man es weckte. Dann passierte ich die Brücke. Ich schritt an dem linken Geländer entlang und konnte das rechte nur noch wie einen Schatten wahrnehmen. Jenseits des Flusses wurde es noch schlimmer. Es kam mir vor, daß kleine Wirbel von Nebeln um mich her tanzten, zuweilen eröffnete sich einmal ein Ausblick, einige Bäume, ein Stück Feld oder Gebüsch wurden sichtbar, dann schnürte sich wieder alles zu, es wehte trügerisch durcheinander, jetzt schob sich von da, jetzt von dort eine Nebelwand gegen mich vor, und ich bereute es durchaus, diesen nichtswürdigen Weg unternommen zu haben. Angst überfiel mich. Zur Umkehr war es zu spät. Ich hatte keine Ahnung, wo ich mich befand, ob ich überhaupt auf dem richtigen Wege war und in welcher Richtung unser Dorf lag. Ich hatte gar keine Anhaltspunkte mehr und tastete einfach auf gut Glück in die Finsternis hinein. Dabei traten allerhand scheußliche Vorstellungen vor mich hin. So: wenn jetzt einige von den italienischen Arbeitern betrunken irgendwoher auf mich zuwankten und mich niederschlügen. Oder: wenn ich jetzt mit dem Kopf gegen den Stamm eines Baumes stieße und besinnungslos hinstürzte. Oder: wenn ich jetzt an den Fluß käme und sähe ihn nicht.
Zuweilen machte ich kopfschüttelnd halt. Ich sagte mir, daß eigentlich jeder Schritt, den ich tat, eine Torheit sei. Vielleicht ging ich in einer Richtung, die mich von Silben immer mehr entfernte. Vielleicht war ich auch schon längst an dem Dorf vorbeigegangen, denn der Zeit nach hätte ich wohl schon zu Haus sein müssen. Es war eine Lage zum Verzweifeln, und ich machte mich auf das Schlimmste gefaßt. Dabei merkte ich zum Überfluß, daß ich von dem Fußweg abgekommen war und mich auf einem Stoppelfeld befand. Es war, um die Fassung zu verlieren. Ich schimpfte wütend vor mich hin, aber das war zu nichts nütze. Ich tastete weiter, wie ein Blinder, den sein Führer im Stich gelassen hat. Plötzlich mußte ich denken: wenn ich jetzt stürzte, in eine Sandgrube oder irgendwohin, und müßte da die Nacht durch liegen bleiben und vielleicht auch noch den kommenden Tag und immer so fort, – es war ein abscheulicher Gedanke. Während ich ihm noch nachhing, merkte ich, daß ich den Boden unter den Füßen verlor, ich fiel, schlug mit den Armen in die Luft, fühlte ein Krachen im Kopf, ein Schwindel folgte, und dann war alles still.
Als ich zur Erkenntnis der Dinge kam, spürte ich ein dumpfes Gefühl im Kopf und einen feinen Schmerz im Knöchel des linken Fußes. Ich betastete mich vorsichtig, fühlte nasse Erde an den Kleidern, und als ich mich rühren wollte, tat der Fuß heftiger weh. Ich riß die Augen auf. Es war stockdunkel und nicht die Hand vor dem Gesicht zu erkennen. Ich versuchte mich zu erheben, aber der Fuß ließ es nicht zu. Sobald ich ihn bewegte, hatte ich einen Schmerz, als ob mir einer mit einem stumpfen Messer die Sehne durchschneide. Ich wußte, daß das zum mindesten eine heftige Verstauchung, vermutlich aber ein Knochenbruch war.
Da lag ich nun, krank, hilflos in einer schauerlichen Nacht. Ich überlegte, was ich tun könnte, aber ich kam auf nichts. Ich fühlte mit den Händen nach allen Seiten und stieß überall auf Erde. Es war allem Anschein nach eine leere Kalkgrube, in die ich gefallen war. Ich befand mich also sicher in der Nähe des Dorfes. Ich dachte daran, daß man mich vielleicht hören würde, wenn ich tüchtig schrie. Und nun schrie ich, laut und lauter, immer von neuem, in immer anderen Tönen, und dann brüllte ich wie ein Tier. Meine eigene Stimme begann mir unheimlich zu werden. Ich hörte auf. Es war ja doch alles vergebens. Eine Antwort erfolgte nicht. Überhaupt war ringsum nicht der leiseste Laut zu vernehmen.
Nun kam mir in den Sinn, was wohl aus mir geworden wäre, wenn die Grube schon mit dem gelöschten weißen Kalk angefüllt gewesen wäre. Ich sah mich in Gedanken hineinsinken, langsam, ohne daß ich die Glieder regen konnte, und dann kam mir der schwammige Brei an die Kehle, ich schrie noch einmal, der Schrei erstickte im Kalk, und dieser drang mir ätzend in Mund und Nase. Die Sinne vergingen mir.
Meine Lage war gewiß nicht beneidenswert; aber wenn ich an den Kalk dachte, – das war noch teuflischer.
Andere Bilder traten vor mich hin. Wenn sich jetzt zum Beispiel – so dachte ich – die Erde oben durch irgendeinen Zufall lockern würde, und die Grube bräche in sich zusammen und verschüttete mich. Ich würde es mir ruhig gefallen lassen müssen, denn ich konnte mich ja kaum bewegen, viel weniger mich erheben. Ich würde eben einfach nach einigen Minuten in der Finsternis ersticken. Unwillkürlich richtete ich das Auge nach oben, an die Ränder der Grube. Sie hoben sich kaum gegen das graue Einerlei des Nebels ab, der über ihnen hinzog. Ich sah noch eine ganze Weile nach oben, voll Furcht. Mein Herz schlug, daß ich es hörte. Es stand mir ganz außer Zweifel, daß die Grube einfallen müßte, ich wollte nur den Augenblick abwarten und dann die Augen schließen. ...
Der Augenblick kam nicht, und ich wurde wieder ruhiger. Ich begann zu frieren. Es schien mir, als stelle sich Fieber ein. Ich hüllte mich, so fest es ging, in meine Kleider und zog den Hut über die Ohren. So lag ich, dösend, mit durcheinanderschwirrenden Gedanken, und jede Minute wurde mir zur Ewigkeit. Was sollte aus mir werden?!
Ich brüllte noch einmal, mit Aufbietung aller Kräfte, wild, wahnsinnig. Es verhallte ungehört. Alles blieb still. Nun gab ich es endgültig auf.