Suchte man sich den Vorgang ins klare zu denken, so sah man eigentlich nur ein Übel akut aufbrechen, das nun schon lange unter uns umschleicht. Ins dritte Jahr zieht sich der Krieg; der Soldat, vielfach unberufen, spärlich ernährt, mangelhaft gekleidet und beschuht, selten beurlaubt, im Urlaub von Mutlosen entmutigt, verliert Nervenkraft und Zucht. Die Offiziere wissen es und lassen, besonders die jüngeren, aus Verlegenheit manches hingehen, überhören sträfliche Zurufe, reden sich auch wohl ein, diese seien nicht böse gemeint und werden in der Nähe des Feindes von selber verstummen. Solch lax-zweideutiges Verhalten muß einer klaren Kriegernatur wie Leverenz’ durchaus bedenklich und unwürdig vorkommen, und wenn er nun sein ganzes Ansehen einsetzt, um wenigstens seinen kleinen Bereich gewaltsam in die Ordnung zurückzubiegen, so fühlt man mit ihm wie mit einem Arzt, welcher einen Eingriff auf Tod und Leben wagt.
Der Major indessen saß abseits, in einem Notizbuch blätternd wie unbeteiligt, und gewiß war es sein bester Geist, der ihm eingab, sich zunächst nicht in den Handel zu mischen.
Schon dehnte sich die Szene schier unerträglich, da fand sie höchst unverhofft eine Entspannung. Hervor mit kleinen schnellen Schritten trat Infanterist Kristl und bekannte sich klar und bündig als den Mann, der „Halt“ gerufen habe. Eine Weile standen alle wie erstarrt, dann ging eine leichte behagliche Regung durch die büßende Kompagnie. Mir war ja diese Selbstbezichtigung nicht unverdächtig, denn Kristl war keineswegs vorne, sondern eher in der Mitte marschiert; aber wie er nun dastand, bleich und zusammengenommen, in seinem ganz verfärbten Waffenrock, die schwachen silbrigen Augenbrauen hoch hinaufgezogen, Leverenz anblinzelnd, als ob dessen Anblick ihn blende, da konnte einen sein Geständnis wirklich überzeugen. Durch des Leutnants ernstes Gesicht flimmerte jetzt ein überaus flüchtiges Lächeln, seltsam zu sehen, als ob ein steinerner Gott einen Atemzug lang Mensch würde. Vielleicht ging es ihm wie mir, und er hielt es für möglich, daß Kristl sich falsch beschuldigte, um die ersehnte Entfernung von der Front zu bewirken, und er bedauerte ihn ein wenig wie einen, der eine Sache immer wieder verkehrt anfängt, war ihm wohl auch heimlich einigermaßen dafür dankbar, daß der Bogen nicht mehr stärker gespannt zu werden brauchte, – jedenfalls griff er zu: ohne Verhör, kühl, streng erkannte er den Täter an und verkündete, daß er Entziehung des Urlaubs auf ein Jahr als Strafe beantragen werde, stellte jedoch Nachlaß in Aussicht, falls Kristl sich vor dem Feind auszeichnen werde. Jemand lachte bei diesem Wort, aber niemand lachte mit. Unverzüglich wurde die Kompagnie freigelassen, während Kristl verwirrt und, wie es schien, enttäuscht, noch eine Weile stehen blieb.
Unter Gewitterhimmel, den ein zartes nervenbeschwichtigendes Lilalicht weithin durchatmete, zogen wir eine Stunde später nach Ottelve weiter; Zuversicht und Gefühl des Zueinandergehörens waren plötzlich mächtiger als seit langer Zeit. Das gemeinsam Erlebte so vieler Monate, Aufbrüche, Nachtmärsche, Kampf, Wut, Todesangst, – man merkt mit einer Art Schrecken, daß es Eigentum und innerster Bestand geworden ist, daß man es, ohne von sich selber abzufallen, nicht mehr wegwerfen kann. Kristl, heute der einzige Handelnde unter lauter Leidenden, ist zu einem wundersamen Ansehen gelangt. Ob er wirklich der Haltrufer gewesen, danach fragt niemand. Aber jeder bietet ihm irgend etwas an, Zigaretten, Schokolade, Nüsse. Auch Leute von den anderen Kompagnien grüßen freundlich den sonderbaren Menschen und bekräftigen sein Lob.
Koczmás, 25. Oktober 1916
Heute gelangten wir den ganzen Tag nicht aus dem Nebel. Eine Art Blindheit befiel die Augen, und als wir nach vier Uhr in Koczmás ankamen, erfuhr ich ein Verfließen äußeren und inneren Gesichts, von dem ich mir guten Gewissens berichte, weil der Geist frei blieb und der Täuschung gelassen zusah. Ich hatte mich bei einem Fußkranken aufgehalten, fand mich schließlich allein auf der Straße und suchte auf einem Seitenweg mein Quartier, dessen Richtung mir bezeichnet worden war. Als ich einmal stehenblieb, um mich zurechtzufinden, hörte ich ein Rauschen in der Nähe; es klang wie der Brunnen vor dem Hause der Mutter in S., und gleich kamen mir Weg, Zaun und Nebelbäume bekannt vor. Jeden Pfahl, jeden Stein hatte ich früher schon einmal gesehen, und nun hörte ich auch das breite Brausen der Donau. Ein Haus aber, das verschwommen im Dunst erschien, formte sich bis in Einzelheiten zu dem mütterlichen Häuschen aus. Kaum eine Viertelminute dauerte der angenehme Trug; ich folgte dem Rauschen, das sich aber auf einmal abschwächte, und als ich vor der Haustür stand und meinen Namen las, den der Quartiermacher mit Kreide daran geschrieben hatte, war alles vorüber. Eine ganz alte Frau trat heraus und führte mich in ein Stübchen, das ich mit Leutnant T. teilen soll. Später brachte sie sonderbare Milchspeise, die mit einer dicken Zimt- und Zuckerkruste überzogen war, dazu sehr scharfen, mir ungenießbaren Schafkäse. Ich habe mich beim Stab entschuldigen lassen und esse mit T. zu Abend, helfe ihm auch wieder beim Zensieren der Briefe. Die alte Frau erscheint von Zeit zu Zeit, stellt sich mit verschränkten Armen in die Tür und betrachtet uns unverwandt. Ihre Mienen sind kummervoll, ihr Blick ungesammelt, und wenn ich der Frau von Szentlélek gedenke, muß ich mich fragen, ob es hierzulande nicht mehr verwirrte und entrückte Menschen gibt als anderswo. Dann und wann kommt eine stämmige blonde Tochter, stellt die Alte wegen ihres zudringlichen Verweilens zur Rede und führt sie wie ein unverbesserliches Kind immer wieder hinaus.
26. Oktober. Auf dem Marsch
Bei klarem Wetter vergißt man die nächtlichen Träume schnell; im trüben haften sie lang. Vor einem Turmeingang hatte ich den kleinen Wilhelm zurückgelassen und ihm zu warten befohlen. Ich stieg die Wendeltreppe hinauf. Die rohe Ziegelwand hatte Nischen; die schienen tief in Katakombenfinsternis hineinzuführen. Ich sah hohe schmale silberne Wiegen; in jeder lag, puppenklein, ein toter deutscher oder französischer Soldat, die gläsernen Augen weit offen; einzelne Lorbeerblätter, wie kleine Flügel, standen auf Blutgerinnseln an Stirn und Haar. Ich stieg weiter und befand mich auf einmal vor dem schönen jungen Wolf, den wir im Tierpark zu Hellabrunn öfters gefüttert haben; seine rechte Vorderpfote war zwischen zwei Stufen eingeklemmt, erwartungsvoll sah er mich an. Eine Berührung genügte, um ihn zu befreien; vorsichtig hinkend ging er mir nach oben voraus. Dabei merkte ich, daß von den Schultern an sein Fell eigentlich ein Gefieder war, breite graue, silbern geaugte Federn, in einem Pfauenschweif endend. Ich sah empor, da flog hinter Wolken der Mond, Wind pfiff um die Ohren, ich stand auf weiter Heide. Drei weibliche Gestalten, in weiße Decken gehüllt, schliefen unter eisklirrenden Bäumen. Die vordere war Vally; dahinter größer, wesenloser, lagen Mutter und Schwester. Ich beugte mich nieder, da sah ich, daß die weißen Decken aus lauter Schneeflocken bestanden, die wie ein Federkleid aneinanderhingen. Der Wolf ging im Kreise herum und beschnupperte die drei Frauen. Jetzt erwachten sie, mit verstörten Gesichtern; keine kannte mich. „Der Wolf wird euch fressen, wenn ihr schlaft auf der Heide!“ rief ich ihnen zu. Sie lächelten einander verlegen an. „Geht in den Turm! Dort sind silberne Wiegen“, setzte ich hinzu. Ich wollte es freundlich und ermutigend sagen, aber es kam hart und drohend heraus. Sie erkannten mich nicht und fürchteten sich vor mir. Vally, frostgeschüttelt, zog die Schneedecke über sich und rief dabei leise dem Wolf etwas zu. Der legte sich den Schläferinnen zu Füßen, schlug ein Pfauenrad und bedeckte alle drei mit seinem ungeheuren grauen, silbern spiegelnden Gefieder. Da hörte ich ganz laut und klar das Söhnchen aus der Tiefe rufen: „Vater, bist du schon oben?“ und war wach.
Am Abend stieg der Nebel auf und formte sich zu hellen, tiefgekerbten Wolken auseinander. Die Berge sind wieder weiter zurückgetreten. Das Fernglas zeigt eine kleine, schimmernd weiße Stadt; es muß Kézdi-Vásárhely sein.