Schnee fiel bis zum Abend; nun folgt Klarheit und Frost. Die Russen sitzen ruhig in ihren Stellungen. Den Gipfel halten sie fest; den westlichen Hang haben sie aufgegeben. Unten im Tale läuft ihre Linie dicht vor Hosszuhavas. Auf unserer Seite werden viele Geschütze eingebaut.

3. Dezember

Ich richte mich ein, so gut es geht, am Abhang des Berges, während oben schon um den Gipfel gekämpft wird. An einer Hauptstraße, nahe der Front, liegt eine preußische Sanitätskompagnie; die fängt fast alle Verwundeten ein und leitet sie weiter. So hab ich ziemlich freie Zeit, bleibe viel für mich, schreibe Briefe und lese zuweilen in Glavinas Blättern. Die Schrift ist undeutlich, zum Teil durch Nässe verwischt; so viel hab ich aber herausgebracht, daß es sich zwar nur um einzelne Sätze handelt, daß aber sichtlich ein Ganzes, vielleicht ein Gedicht, geplant war. Wären es bloß feine, kluge, wohlgesetzte Worte, so wollte ich mir nicht viel Mühe geben; aber oft klingt es wie Rufe eines Wahnsinnigen und umschwebt wie Bienen das Herz, man möchte sich davon entfernen und muß doch immer wieder hinhorchen.

Durch die Fenster des Verbandplatzes überblickt man das ausgeweitete, reif- und schneeglänzende Tal, über das die Siedelungen verstreut sind wie Raupen über ein Kohlblatt. Auch das blaue Haus, in dem die Leinwandschätze ruhen, ist sichtbar. Es hat sich gefügt, daß unsere Telephonisten dort einquartiert wurden, gute, besinnliche Leute, die noch den Hausgeist ehren. Abends gehe ich hinunter, frage nach der eingelaufenen Post, überzeuge mich, daß alles unverändert ist, und kehre zur Höhe zurück. Wie gut weiß ich, daß es im gemeinen Sinne gar nichts bedeutet, ob unter tausend geschädigten Wohnungen eine einzelne unversehrt bleibt! Aber solcher halberträumter Schutzstätten bedarf der Geist; sie sind ihm Horst und Beute zugleich, darum bewacht er sie. Weiß er denn selbst, für wen er wacht? Vielleicht für einen, der schon in der Wiege liegt, einen, der alle schrecklichen Schreie der Wut und der Schmerzen umstimmen wird in Lieder und Hymnen ... Es ist ein kalter Tag. Die Sonne glänzt weiß und klein über uns, die Luft ist blinkend von schwebenden Kristallen, an den Bäumen haftet Reif wie Stahlsplitter an Magneten.

4. Dezember

„Laßt uns den Hügel bauen am Berge Kishavas, ein Mal den Getöteten auf der bereiften Felsen- und Wacholderflur!“

Gleich nach dem Aufstehen wollte ich Glavinas Aufzeichnungen entziffern; aber da trafen unvermutet ganze Züge Verwundeter ein, deutsche und russische. Die Russen sollten über den Mihályszállás geworfen werden; aber die 6. Kompagnie verirrte sich im Nebel und kam um eine Stunde zu spät, so daß der Angriff nur zur Hälfte gelang und der Gipfel dem Gegner verblieb. Die Russen sind durchwegs junge, kräftige Gestalten, blond, blauäugig, seltsam kindhaft in ihrem Gebaren. Zutraulich reden sie ohne Pausen auf uns ein, als wären wir längst Bekannte; sie scheinen vorauszusetzen, daß wir sie verstehen. Laut weinend zeigen sie einander ihre Wunden, und während die Unsrigen ihre Schmerzen stumm verbeißen, schreien sie die ihrigen geradehinaus. Übrigens sind wenig Schwerverwundete darunter. Den Verkehr mit dem Feldlazarett vermitteln heute große Leiterwagen; es geht rasch und sicher, schon leert sich der Verbandraum. Der Angriff wird übermorgen wiederholt. Man baut immer mehr Geschütze ein.

Es war nach drei Uhr, da brachte der Unteroffizier Dehm den Infanteristen Kristl; er soll im Gefecht ungemeinen Mut bewiesen, hernach aber plötzlich den Verstand verloren haben. Einige glaubten, er verstelle sich nur, um endlich dem Kriegsdienst zu entkommen; aber man braucht nicht Arzt zu sein, um hier die Echtheit der Verstörung zu erkennen. Unendliche Angst verzerrt das eckige, bleiche Gesicht; bald sucht er dem Unteroffizier zu entkommen, bald klammert er sich an seinen Arm. Bei meinem Anruf nimmt er, schläfrig lächelnd, Haltung an, wird aber gleich wieder äußerst erregt; plötzlich fällt er auf die Knie und bittet mit gefalteten Händen, ich möge ihn doch nicht den Russen ausliefern, er sei schon unglücklich genug. Dabei reißt er sich Waffenrock und Hemd auf, zieht den Brustbeutel heraus und entnimmt ihm drei Goldstücke, die will er mir schenken, wenn ich ihn nicht zum Feind hinüberjage. Ja, traurig, traurig sei er zugerichtet, einer habe ihn in die linke Seite gestochen, es blute noch immer. Er reißt das Hemd noch weiter auf und deutet auf eine vermeintliche Wunde. Sein Vater besitze übrigens noch viele Goldstücke, daheim unter dem Hollerbaum seien sie vergraben, er selber habe dabei mitgeholfen, leider, das sei schlecht von ihm gewesen, hätte er die Finger davongelassen und das Gold in die Reichsbank getragen, so wäre alles anders gekommen, und wir hätten einen noblen Frieden. Unverwandt hält er die drei Zwanzigmarkstücke auf hingestreckter Hand in die Sonne, damit ich sehe, wie sie funkeln. Plötzlich erheitert er sich, zieht seine Uhr, steckt sie, ohne sie angesehen zu haben, samt den Goldstücken wieder ein, sagt, es sei höchste Zeit, er müsse Posten stehen, will auf und davon und beginnt zu toben, da man ihn zurückhalten will.

Der Zustand des Menschen bringt Verlegenheit. Weder ein Wagen ist mehr verfügbar noch eine Begleitung; auch möchte man den Fall nicht gerade der nächsten besten Hand überantworten. Meine Sachen durchkramend, fand ich schließlich ein paar Ampullen mit gelöstem Scopolamin. Kristl wehrte sich kaum gegen die Einspritzung. Die sonst so wenig haltbare Zusammensetzung wirkte sofort; vor zwölf Stunden wird er nicht aufwachen. Vielleicht ist es genug, um die Enden des zerrissenen Geistes wieder aneinander zu heilen.

Vor dem Essen ging ich, da nur noch Leichtverwundete gekommen sind, zum Ufer. Das Eis ist hier vielfach zu klaren Figuren durcheinandergeschossen; weiße Nadeln, Blätter, Hellebarden, winzige gotische Gestaltungen, oft nur begonnen, manchmal fein ausgeführt, stecken überall zwischen den Steinen. Zuhöchst am reinen Himmel sprießen Rispen, an denen blumenrötliches Gefieder wächst, und man merkt es diesen Wölkchen an, daß auch sie aus Eiskristallen bestehen.