Um einhalbein Uhr bestiegen wir die Schmalspurbahn. Fünf Stunden gedachte ichs im bloßen Mantel wohl auszuhalten und ließ meine beiden Decken beim großen Gepäck zurück. Aber dem Wagen fehlten sämtliche Fenster, die Kälte stieg mit den Kilometern, aus Regen wurde Schnee, den der Wind auf uns hereinwarf. Erstarrt sah ich morgens um sechs Uhr das Türmchen von Parajd. Wir standen vier Stunden in Bahnhofnähe zwischen zerstörten Geleisen, auf welche wie zerrissene Nervenbündel abgesprengte Telephonstränge niederhingen. Schließlich verlautete, unsere Nachtfahrt sei unnötig und dem Versehen eines Generalstabsoffiziers zu verdanken gewesen. Junge fluchten, Alte murrten; alle aber verstummten, als uns echtes Unglück entgegentrat. Von der Bahnhofstraße, deren Rand unabsehbare Reihen von Flüchtlingen besetzt hielten, sahen wir österreichische Krankenträger auf uns zukommen, die vorsichtig auf Bahren drei kleine verhüllte Gestalten dahertrugen. Es waren Kinder einer Flüchtlingsfamilie, die beim Spielen eine scharfe Handgranate gefunden, sich darum gebalgt und dabei die Schnur herausgezogen hatten. Die Explosion hatte die Mutter, die gerade Kochfeuer anzünden wollte, getötet, die drei Kleinen schwer verwundet. Die Großmutter, Siebenbürger Sächsin, die weinend den stillen Zug begleitete, meinte, man müsse solche Vorfälle den Kaisern und Königen der ganzen Welt zu wissen machen, damit sie traurig würden und von dem gottlosen Kriegführen abließen. Indessen war auf einmal die Sonne frei geworden und beleuchtete sehr hell einen hohen Berg, der allen auffiel. Der untere Teil zeigte fahlgrüne, mit Steinen durchsetzte Matten, dann folgte, wie mit Sorgfalt umgelegt, ein schmaler Tannengürtel, und aus diesem spitzte sich schneeglänzend eine mächtige Pyramide in das zerfließende Grau. Der feierliche Anblick bannte jeden; sogar die alte Frau verstummte, und ich, darf ich mirs zugeben, daß das Jammerbild der zerfetzten Kinder mir im Nu völlig ausgelöscht war? Daß es mir in der herrlichen Schau zerschmolz, als wäre es zufällig und nur am Rande geschehen wie die meisten Begebenheiten der Zeit, dort aber, geltend und geisterbehütet, stünde ein geheimes Gesetz, das längst all unsere Leiden und Schrecken übernommen hat?
Um elf Uhr wurden Quartiere bezogen. Ich stellte alle Müdigkeit zurück und holte erst nach Revierdienst und Fußappell den versäumten Schlaf ein wenig nach. Vor Mitternacht – wir saßen noch lesend und plaudernd beisammen – hörte man auf der Straße Pferdegetrappel und -geklingel, dann wurde schüchtern die Hausglocke geläutet. Jemand bat um Einlaß, obgleich die Türe nicht verschlossen war. Es war der Eigentümer des Hauses, ein älterer Mann, der mit seiner Familie vor den Rumänen geflohen war und nun vorderhand allein zurückkehrte, um Lage und Aussichten zu erfahren. Höflich ließ er um einen kleinen Schlafraum bitten und blieb geduldig vor seinem erleuchteten, von Fremden besetzten Hause stehen, bis er Bescheid erhielt. Der Major ging selbst hinunter, um ihn zu begrüßen, und bot ihm ein Abendessen an, das jener bescheiden ablehnte, völlig zufrieden, in seinem Anwesen ein dürftiges Obdach zu erhalten.
20. Oktober
Heut ist Ruhetag, und endlich führten wir die Typhusimpfung durch, die schon seit August fällig ist. Zwei große Schulzimmer waren uns überlassen. Um Raum zu gewinnen, hatte man die Bänke übereinandergestellt. Auf dem Katheder lagen noch spanisches Röhrchen und Kreide; an der Wand hingen Tafeln mit Abbildungen von Pflanzen, Tieren und allen Menschenrassen der Erde. Mir war ein wenig bang vor dieser Impfung, und gern hätte ich sie noch einmal verschoben. Denn wieder sind die neuen Kanülen, die vielmals angeforderten, nicht eingetroffen; die alten aber haben bereits arge Widerhäkchen an den Spitzen, wodurch der Einstich und das Herausziehen sehr schmerzhaft werden. Aber es gab kein Verzögern, und so half ich mir denn, wie ich konnte, und verfiel schließlich darauf, ein bißchen Theater zu machen, um die Aufmerksamkeit der Mißhandelten abzulenken. Zuerst entkleidete ich mich selbst und versetzte mir vor der harrenden Mannschaft den bösen Stich, wobei meine Mienen, glaube ich, in guter Ordnung blieben. Dann kamen Dehm und Raab daran; sie waren wohl belehrt und hüteten sich, zu zucken. Später nahm ich die Bildertafel mit den vielen wilden Völkern zum Anlaß und gab, indessen ich die Haut der armen Burschen zerschund, manches zum besten, was ich dereinst über Indianer und Malaien gelesen. Sonderbarer Sitten der wilden Timmes wurde gedacht, die den Genossen, den sie zum König wählen wollen, am Tage vor der Krönung fast zu Tode prügeln, so daß er zuweilen seine Thronbesteigung nur kurze Zeit überlebt, auch die Fidschi-Inseln nicht vergessen, wo liebreiche Kinder unter vielen Tränen ihren Vater lebendig begraben, festen Glaubens, daß er dann jenseits in aller Kraft und Herrlichkeit des Todestages ewig weiterleben werde. Die guten Soldaten lauschten aufmerksam und schienen über jenen ungeheuerlichen Grausamkeiten die kleinen wespigen Einspritzungen wirklich leicht zu verschmerzen. Als alle Kompagnien schon abgerückt waren, kam auch noch der Herr Oberst, um sich impfen zu lassen, fuhr aber dabei so heftig zusammen, daß die Nadel schier zerbrach und äußerte sich gar ungnädig. Den Mannschaften gegenüber war er freilich sehr im Nachteil, da ich ihn leider ehrerbietig-schweigsam verletzen mußte, ihm schicklicherweise weder Gebräuche der Wilden noch sonst etwas erzählen konnte.
Die Stunde vor dem Abendessen verschlief ich. Das Impfgift wirkte wie immer, ich träumte viel. Mir war, als lägen Jahre des Wachens, Denkens, nach innen Gerichtetseins hinter mir. Nun aber saßen wir im Kreis um einen französischen Kamin, Vally, Stefanie, klein Wilhelm, die Freunde, etwas abseits Regina. Wir froren und streckten die Hände zum Feuer. Regina trug ihr schwarzes Zöglingskleid mit rotem Gürtelband. Ihre Hand war verbunden, aber auch alle anderen trugen Verbände. Wilhelm hatte eine schwarze Binde über einem Auge. Doch waren wir guter Dinge und plauderten viel von unserm früheren Leben. Auf einmal sagte Regina: Die Männer sind schlecht. Sie fürchten sich vor mir und laufen nach Frankreich zum bösen Feind. Da lachten die anderen hellauf; aber indem sie lachten, wurden sie sehr unruhig und ganz durchsichtig; schließlich verzog sich eines nach dem andern in den Kamin hinein und entschwand mit den Flammen.
Als ich erwachte, war eben die Feldpost gekommen, und vor dem klaren Klang des Lebens zerstob aller Trug der Träume. Auch Wilhelm hat ein paar Zeilen angefügt; es mag ihm sauer geworden sein. „Ein Urlauber“, schreibt er, „hat uns verraten, daß du nach Siebenbürgen kommst. Das freut mich. Dort gibt es Gold in den Bergen und Flüssen. Der Oskar Appel hat es in der Erdkunde gelernt. Nimm so viel du tragen kannst und bring es mir mit! Ich kann es gut brauchen.“ Der Brief war einem schönen silbergrauen Umhang mit breitem, dunkelblauem Kragen angeheftet, den mehrere unserer Offiziere, die ihn später sahen, mit Entrüstung als vorschriftswidrig bezeichneten. Höchstens Generale der Artillerie dürften einen so breiten Kragen haben, auf der Stelle müsse ich ihn von einem Kompagnieschneider abändern lassen. Der Major aber sagte lachend, für die Ärzte des Landsturms gebe es keine eindeutigen Vorschriften, ich solle mir das Zeug ruhig umhängen, es könne mir nur zum Vorteil gedeihen.
Szentlélek, 21. Oktober 1916
Ehe wir Parájd, beim ersten Zwielicht, verließen, konsultierte mich der Major. Sein Hüftnerv ist entzündet; er hat Fieber und kann sich vor Schmerz kaum auf dem Pferde halten, will aber seinen Posten nicht aufgeben und daher das Lazarett vermeiden. Schließlich gab er mir in Scherz und Ernst den dienstlichen Befehl, ihn abends zu besuchen und bis zum andern Morgen zu heilen. Mir fiel ein, daß noch die starken Maretin-Laudanon-Pulver in der Brieftasche stecken mußten, doch erwähnte ich nichts davon.
Das Ding will bedacht sein. Der kleine alte Herr ist unbequem, quälerisch, aufsässig; aber er ist es nicht nur nach unten, sondern mehr noch nach oben, ein seltener Fall in der Armee. Niemals läßt ers um sich herum gemütlich werden – aber sind wir denn hier, um es gemütlich zu haben? Er weiß Nüchternheit und Mäßigkeit zu erzwingen, – soll ich leugnen, daß ich mich gesund und frei dabei fühle? Und einer, der uns öfters reizt und beizt, entwickelt er uns nicht am Ende kräftiger als einer, der uns freundlich gehen läßt? Nein, der kleine graue Dämon gehört schon einmal zu uns und unserm Schicksal, – vielleicht helfen die Pülverchen, er soll sie haben!
Langsam stiegen wir die Straße nach Szentlélek hinan, die ein heißer Wind schnell auftrocknete. Der Himmel sah seltsam aus; mein früher Traum, als ob jede Stadt, jede Landschaft an der Formung ihrer Gewölke mitwirke, meldete sich wieder. Ich sah lichtweiße schwarzgekernte Bälle, dazwischen Meeresbrandungen mit abgesprühtem Schaum, dahinter eine graue Bank, besetzt mit spitzen silbernen Bäumchen. Bald wurden wir inne, daß wir uns durch eine der salzreichsten Gegenden Europas bewegen; rein und weiß tritt hier und da der Salzstein aus dem grauen Mergel. Mancher bricht in der Marschpause ein Stückchen ab, wägt es betrachtend und steckt es wie einen Edelstein in den Tornister.