Ihr Antlitz, so schön und jugendlich, aber blaß durch Kummer und Aufregung, erhielt einen tatkräftigen Zug. Die Falten zu den Mundwinkeln vertieften sich, ihre Augen bekamen ein neues Feuer. Alle Lebensenergien in ihr drängten zur Tat.
Mit einem plötzlichen Ruck erhob sie sich von ihrem Sitz und schritt nach dem Schlafkabinett. Hastig ergriff sie ein paar der notwendigsten Kleidungstücke und begann sie in den kleinen Handkoffer zu stopfen. Und erinnerte sich zur gleichen Zeit, wie oft sie das gleiche schon früher versucht hatte und niemals damit zum Ziele gelangt war. Heute ging es viel besser. Kleiderschicht fügte sich auf Kleiderschicht, und mit einem Seufzer der Befriedigung drückte sie den Bügel des Handkoffers zusammen. So weit war sie früher noch niemals gekommen.
Jetzt nur noch zuschließen! Der Schlüssel befand sich in ihrer Handtasche dort auf dem Tische. Sie entnahm ihn der Tasche, wandte sich wieder dem Koffer zu und fühlte, wie die alte Lähmung von neuem über sie kam. Wie Blei wurden ihr die Füße. Nur mit Mühe konnte sie die wenigen Schritte vom Tisch zum Koffer zurücklegen. Endlich war es gelungen, aber nun lag das Blei in ihren Armen. Sie versuchte es, den Schlüssel in das Schloß zu schieben … Da fiel er klirrend auf die Diele.
Einen Augenblick starrte sie hoffnungslos auf das kleine blinkende Eisen, das da vor ihr auf der Zimmerdiele lag. Dann durchzuckte ein Schluchzen ihren Körper. »… Warum … kann ich … nicht? … Warum … o Gott! … Warum …«
Sie fiel vornüber auf die Tasche und blieb Minuten hindurch regungslos liegen … Eine Macht, ein Einfluß, ihr selbst unerklärlich und unfaßbar, verhinderte sie, dieses offene und unbewachte Haus zu verlassen … Sie ging in das andere Zimmer und warf sich auf ihr Ruhebett.
»Die Qual! … Warum … muß ich diese Qualen leiden? … Wo bleibst du, Silvester? … Mutter, ach wäre ich bei dir! … Wäre ich mit dir gestorben!
Sterben … jetzt noch sterben? … Unterhalb des Hauses … da bildet der Bach einen kleinen See … da kann ich sie finden … die Ruhe … die Erlösung von aller Qual …«
Sie raffte sich von ihrem Lager empor.
»Ja! … ja … ja …«
Die Festigkeit des gefaßten Entschlusses prägte sich in ihren Mienen aus. Schnell schritt sie zur Tür, um sie zu öffnen. Mochte irgendeine unheimliche Kraft ihr die Flucht aus diesem Hause zu den Menschen hindern, die Flucht in die Ewigkeit sollte ihr niemand verbieten.