Der schob die Achseln ungewiß in die Höhe: »Die Schweden waren schneller, Majestät, als wir vermuteten. Scheremetjefs Korps ist zu spät gekommen. Es hat den Anmarsch der Schweden nicht mehr verhindern können. Sie sind im Anzuge. Und«, seine Stimme klang belegt, »der König an ihrer Spitze.«
Der Zar schnellte vom Sitz: »Der König selber! Das gibt ein Fest!« Er war ganz Leben und Bewegung: »Auf, meine Herren! Alarm! Alarm! Ich will meinem Herrn Vetter die Suppe heiß anrichten lassen.«
Pleyer und Langen erhoben sich steif. Des Österreichers Mienen waren voll Bedenklichkeit, der Sachse bemühte sich, seine Beunruhigung über den darauf losstürmenden Angriffseifer des Verbündeten Polens hinter einem zustimmenden Lächeln zu verbergen. Die Mahnung fiel ihm schwer in den Sinn, die ihm beim Abschied von Warschau der Livländer Patkul mit auf den Weg gegeben hatte: Sorgen sie dafür, daß Sie dem russischen Bären die Pfoten binden, damit ihm nicht in seinen Krallen bleibt, was für uns bestimmt ist! Für uns. Das hieß bei Patkul: für Livland. So dachte nun freilich August der Starke, dem die Gelüste des livländischen Adels, sich von Schweden zu trennen, sehr gelegen kamen, das Wort nicht zu verstehen. Ihm hieß: für uns, für mich. Wenn nicht für mich als polnischer König, so als Herzog und Kurfürst von Sachsen. Am allerwenigsten aber hatte er vor, dem Moskowiter in die Hände zu arbeiten. Ein allzu rascher Sieg über die Schweden war gewiß nicht nach seinem Wunsche, wenn er nicht der Sieger war. – Langen biß sich ärgerlich auf die Lippen: er spürte mit einem Male das geheime Gewicht seiner Mission unliebsam.
Aus dem weiteren Verhör, das Repnin mit dem Kurier angestellt hatte, tönten gerade einige Zahlen herüber: 7000 Mann Fußvolk, mehr als 1000 Reiter, alle gut gerüstet, 30 kleine und 6 große Stücke mit doppelter Bemannung.
Die Falten in seinem Diplomatengesicht vertieften sich: die Russen waren in mehr als dreifacher Übermacht. Gleichviel, der Zar durfte nicht siegen. Narwa und Karl XII. war zu viel auf einmal. »Der Kampf wird schwer werden,« wendete er sich gegen Peter, »doch um so heller wird der Ruhm Ew. Majestät erstrahlen.«
»Der Kampf wird schwer …« Der ehrliche Hallart wäre fast in ein schallendes Gelächter ausgebrochen, da traf ihn ein hart verweisender Blick aus Langens Glimmaugen. Der alte Haudegen schluckte an seiner Rede und würgte sein Lachen hinunter: ein verteufeltes Gewerbe, die Diplomatie. Immer Kniffe und Schliche. Daß gerade der König ihn mit abgeordnet. Dumm, dumm. Nun hätte er bald eine Eselei gemacht. Wo der Langen nur hinauswollte? – Eine grenzenlose Bekümmernis malte sich in seinen offenen Zügen.
Auf den Zaren, der diesen Ausdruck des Seelenschmerzes des alten Generals nach dessen Worten anders deuten mußte, blieb dieser Anblick nicht ohne Wirkung: war Karl unüberwindlich? Wenn diesen erprobten Krieger eine solche Mutlosigkeit befiel bei dem Gedanken, ihm gegenüberzustehen, konnte er dann hoffen, den sieggewohnten Gegner zu bezwingen? Er, der schon den ersten Stoß zu spät geführt hatte. Zwar an Zahl war seine Macht der des andern überlegen. Aber an Ausbildung? Hatte er nicht auch geglaubt, Narwa im ersten Anlauf zu überrennen? Und lag nun seit Monaten davor. – Ein unbehagliches Gefühl der Unsicherheit kroch in ihm auf.
»Sie widerraten den Angriff?« Es klang nicht wie eine Frage, eher wie eine Bitte: laßt mich nicht irre an mir werden.
Langen wehrte übertreibend mit aufgehobenen Händen: »Ich würde mich sträflich wider die Instruktion meines erhabenen Souveräns verfehlen, wollte ich dem Genie Ew. Majestät und der strategischen Kunst der moskowitischen Feldherrn« – eine leichte Handbewegung deutete auf den schnarchenden Weyde und auf Repnin, dessen Unruhe seine völlige Fassungslosigkeit verriet – »in den Arm fallen.«