»Der Prinz,« er bebte an allen Gliedern, »verging uns vor Schwäche. Ich fürchtete …«
Ein Faustschlag traf ihn mitten ins Gesicht:
»Memme! – Ich hab' mir's gedacht. Milde. Güte. Nachsicht. Wenn du nur keinen Schrei hörst! Was kümmert's dich, ob ich die Wahrheit erfahre. Die Wahrheit!« Bohrend preßte Peter die geballten Fäuste gegen die Schläfen.
»Der Prinz beschwört, alles bekannt zu haben,« murmelte Jaguschinski und tupfte das rinnende Blut mit seinem Handschuh von der Stirn.
»Er lügt,« Peter stieß ihn beiseite, »ich werde ihn selbst befragen.« Damit stürzte er hinaus.
Mit schlotternden Knien hockte der Generalleutnant auf einem Sessel und rang fassungslos die weichlichen fetten Finger ineinander:
»Er mordet ihn, er mordet den eignen Sohn.« Und den Kopf in die Hände bergend, stöhnte er jammernd: »Er wird uns alle umbringen. Alle.«
Diese Befürchtung teilte der einstige Liebling des Zaren mit vielen. Seit Monaten lebte jedermann in Petersburg und Moskau in ständiger Todesangst. Mit Knute und Schwert wütete Peter gegen das, was er die Verschwörung des Zarewitsch nannte. Wie gelähmt ließen die Altrussen das grausige Strafgericht über sich ergehen. Keiner wagte zu fliehen. Und Peter griff wahllos in ihre Reihen. Glücklich der, der mit ein Dutzend Knutenhieben und Verbannung davon kam. Die unglückliche Eudoxia wurde öffentlich ausgepeitscht, der Major Glebof hingerichtet, ihr Bruder Abraham Lapuchin zum Tode verurteilt, Alexander Kikin wurde gerädert, die Fürstin Galizin entging der Knute nur durch die Fürbitte Katharinas. An diese selber wagte sich Peter nicht. Aber in seinem Innern wütete die Eifersucht. Er mißtraute ihr, er glaubte an ihr Mitleid für den Ärmsten nicht, er witterte Tieferes hinter ihrer Teilnahme, und jedes Mittel war ihm recht, seinem eigensinnigen Wahne Nahrung zu erspüren. Er wohnte den Verhören der der Verschwörung Angeschuldigten nur bei, um etwas in Erfahrung zu bringen, das sie belastete. Doch das Ergebnis war nichts. Nichts. Und dennoch fand er keine Ruhe. War sie nicht schlauer als die Schlausten, klüger als die Klügsten? Er biß sich die Lippen blutig, um nicht aufschreien zu müssen in Qual: wenn sie ihn dennoch betrogen hätte? Er mied sie, wich ihr aus, hielt sich sogar von seinen Töchtern und dem kleinen Peter Petrowitsch, der ständig kränkelte, fern. Dieses elende Häufchen Leben, das kaum stehen und jetzt im vierten Jahr nur mühselig lallen konnte, war ihm ein Vorwurf. Aber er kehrte ihn gegen Katharina. Er sog aus ihm Bestärkung seiner Zweifel an ihrer Treue.
Und nun die Aussage der Finnin Euphrosyne: der Zarewitsch habe seine ganze Hoffnung auf die gnädigste Frau gesetzt gehabt! – Hieß das nicht Verrat? Zwar die Briefe, in der sein Sohn Katharina anflehte, bei dem Vater für ihn zu bitten, hatte er gelesen. Doch konnte es nicht nur Vorspiegelung gewesen sein, bestimmt, seinen Verdacht abzulenken, seine Wachsamkeit einzuschläfern? War nicht am Ende Ärgeres geplant? Es quoll ihm bitter zum Munde: hatten sie nicht seinen Koch zu bestechen versucht, daß er ihm Gift in die Speisen tue. Sie. Wer war das? Der alte Velten behauptete, die Bojaren. Log er nicht, so konnte er belogen worden sein. Wohin Peter blickte, sah er Trug und Täuschung.