Und immer noch kein Land. Das wurde nachgerade unheimlich. Ich hatte mich denn doch schändlich verrechnet in Betracht meiner Geschwindigkeit. Zwar in jedem Augenblick konnte das Ufer auf zehn Schritt nahe sein; sehen konnte ich es kaum, ehe ich es unter den Füßen fühlte. Diese Hoffnung, die sich bei jedem Schritt erneuerte, hielt mich noch eine Zeitlang aufrecht; aber sie täuschte auch bei jedem Schritt.
Und endlich packte mich's; siedendheiß lief es mir über den Rücken; es war kein Zweifel mehr: ich hatte die Richtung verfehlt. Der Wind – nun ja, warum sollte der Wind sich nicht gedreht haben?
Ich schnappte nach Luft, mehr noch vor Entsetzen als vor Müdigkeit, blieb stehen und witterte hinaus. Man kann es der Luft so ungefähr doch anfühlen, woher sie bläst. Nord und Ost war's nicht, das stand fest, dazu war sie zu feucht und zu weich – aber Südost konnte es sein so gut als Südwest: vielmehr es war höchstwahrscheinlich Südost, denn er fühlte sich so sonderbar warm an, fast wie richtiger Tauwind. Südost! Also richtig Südost! Wenn ich aber gegen Südost gegangen war, so blieb kein Zweifel: dann steckte ich jetzt ganz genau im richtigen geometrischen Mittelpunkt des Haffs. Also noch mindestens je zwei bis drei Stunden Fußwanderung nach den nächsten Küstenpunkten im Norden und Süden. Das hielt ich gar nicht mehr aus nach all' der Quälerei, selbst wenn ich diesmal wirklich den richtigen Kurs faßte, und selbst wenn ich überall festes Eis fand und nicht wieder auf eine knisternde Stelle geriet.
Eine tolle Verzweiflung schüttelte mich; blind und kindisch rannte ich im Zickzack hin und her wie eine Maus in der Falle – da plötzlich knackt es unter mir, weit stärker als je vorher; ich bilde mir ein, ich fühle, wie die Eisdecke sich biegt und senkt!
Wie ein Messerschnitt ging mir der nichtswürdige Ton durch den ganzen Leib.
Ich tue einen wilden Sprung vorwärts, und im selben Augenblick steht etwas Schwarzes vor mir auf wie eine dunkle Mauer.
Erst krieg' ich einen mächtigen Schreck, und das war sehr dumm von mir: denn alles, was hier nicht Schnee und Eis war, konnte für mich doch nur etwas Gutes sein.
Und es war etwas sehr Gutes: nämlich ein rechter, echter Haffkahn, mit Torf beladen. Der hatte also vor dem Frost noch durchzukommen versucht und war mitten auf dem Haff eingefroren.
Ich kletterte an Bord und kroch das lange Ding entlang bis zur Kajüte. Sie war verschlossen, und auf ein kurzes Klopfen kam keine Antwort. Selbstverständlich, die Leute konnten doch nicht auf dem Kahn geblieben sein, da das Eis seit Wochen stand. Also nahm ich eine tüchtige Klobe Holz und sprengte die Tür. Es war natürlich nicht bloß stockdunkel in dem kleinen Loch, sondern auch kalt und feucht wie im Eiskeller.
Herr des Himmels! Noch ein letzter Schreck – ich fand meine Streichhölzer nicht. Entsetzlich: da hatte ich nun Torf genug, um mir jahrelang einzuheizen, und konnte bei all dem Reichtum jämmerlich erfrieren. Und das zu guter Letzt, wo ich sonst gerettet war und friedlich wie auf einer sicheren Insel saß!