Im Münchener Löwenbräukeller saß einst ein Mann vor einer hohen Maß Bier. Von Zeit zu Zeit nahm er den Krug, hob den Deckel, schaute hinein, indem er den Krug schüttelte, und stellte ihn, ohne zu trinken, wieder hin. Dies wiederholte sich dreimal. Ein Bruder vom geruhigen Leben fragte ihn nach der Bedeutung solchen Tuns. Der gefragte Münchener sprach: »Wann der Schaum mitwackelt, nacha is's guat g'schenkt; aber er wackelt net.« Und sieh, als sich aller Schaum verdichtet hatte, da fehlte wohl ein Sechstel am richtigen Maß. Schweigend, aber »mit Knotenstock im Blicke«, reichte er den Krug der Kellnerin; schweigend nahm sie ihn entgegen und brachte bald ein voll gerüttelt und geschüttelt Maß zurück.

Die Gemeinschaft der Brüder vom geruhigen Leben rechnet zwar ein Sechstel Liter Löwenbräu gewiß zu den Dingen, die ein großzügiger Mensch verachten darf; aber im Prinzip bewundert sie den Mann mit dem wackelnden Schaum. Denn wenn auch ein gewisses Quantum erlittenen Unrechts zur täglichen Würze des Lebens gehört und die Menschheit zur Beschaffung dieses Gewürzes eine Versicherung auf Gegenseitigkeit geschlossen hat – ein Unrecht mit Widerhaken soll man nicht verschlucken. Solch ein Unrecht will dann monatelang, jahrelang doch nicht hinunter, soviel man auch schluckt, und richtet mehr Schaden an, als die ganze Duldung wert ist. Auch kommt das meiste Unrecht in der Welt auf Rechnung derer, die Unrecht leiden. Die Brüder vom geruhigen Leben erstreben nicht die Ruhe jener Vegetabilien, die von den Ziegen gefressen werden. Sie sind groß genug, das Kleinliche zu verachten, und ein paar tausend Mikroben schaden ihrem gesunden Magen nicht; aber sie entwickeln eine sanft- und stillsinnige Kratzbürstigkeit, wo sie auf Gewohnheit und System im Unrecht treffen. So trifft der moderne Mensch in Hotels und Restaurants, auf Reisen und daheim immer häufiger auf eine Art von Wesen, die dem Gaste, was sie ihm nicht entraffen, auf jegliche Weise verekeln, und es nahezu als gewiß erscheinen lassen, daß Homer und Hesiod bei den Harpyien an eine Art Oberkellner und Hoteliers gedacht haben. Auch Kellnerinnen können sehr langstielig und unangenehm sein, wenn man von ihnen Dinge verlangt, die nicht zweifellos zur Bedienung ihres jeweiligen Studenten oder Sergeanten gehören. Ein anderer, ebenfalls sehr ehrenwerter Stand hat Angehörige, die, mit der Eleganz von Gesandtschaftsattachés gekleidet, unserm Dienstboten ihre hochfeine Visitenkarte überreichen, sämtlichen Hütern unseres Hausfriedens auf das Bestimmteste versichern, daß sie »den Herrn selbst« in einer wichtigen Sache sprechen müßten, endlich mit dem Anstand von Trägern diplomatischer Missionen in unser Arbeitszimmer treten, die persönlichen Grüße hervorragender Männer der Kunst, der Wissenschaft, der Politik überbringen, mit intimer Kenntnis von deren Gewohnheiten plaudern und bald bei einem großen Manne verweilen, der eine rührende Liebe und Fürsorge für seine Familie bekunde und infolgedessen erst kürzlich bei ihm, unserm geschätzten Besucher, sein Leben mit 100 000 Mark versichert habe. Eine andere Menschenart übernimmt die Anstreichung eines Hauses, erscheint pünktlich am festgesetzten Tage und beginnt den Anstrich, um dann dich und dein viertelbemaltes Haus vierzehn Tage oder auch drei Wochen lang miteinander allein zu lassen, nach dieser Zeit abermals ein einmaliges Gastspiel zu geben u. s. w. in infinitum. Ein Bruder vom geruhigen Leben pflegt schon nach dem ersten Ausbleiben des Malers einen andern kommen und von diesem das Haus zu Ende malen zu lassen, so daß es bei der Wiederkehr des ersten Mannes stets einen überraschend heiteren Eindruck macht. Die Brüder vom geruhigen Leben kennzeichnet überhaupt Heiterkeit und Handlung. Sie werfen die kleinen Ärger des Tages von sich, ohne sich zu ärgern. In all den Quisquilien des alltäglichen Lebens befolgen sie den Grundsatz: Es geht ohne Aufregung auch, und besser.

Dreiecke im Frack, Rußflecken auf der Nase u. dgl.

Es gibt eine Sorte von Unglücklichen, die mit erschreckender Regelmäßigkeit, gerade wenn sie vor eine mächtige Persönlichkeit hintreten sollen, ausgleiten und hinstürzen, und denen dabei quer übers Knie das Beinkleid zerreißt, oder die just, wenn sie einem allerliebsten Mädchen eine Rose überreichen, einen schwarzen Fleck auf der Nase haben. Ein noch weit größeres Unglück aber ist die beständige Furcht vor solchen Nasflecken und Kniefällen, und diese Furcht peinigt oft die besten und anmutigsten Seelen. Sie genieren sich nicht nur, sondern sie sind bange, daß sie sich genieren könnten, und sind ceremonieller als der Ceremonienmeister, um sich nur immer tiefer in Ungemach und Befangenheit zu verstricken. Große Seelen und liebreiche Herzen haben um deswillen Beruf und Glück verfehlt. Niemand glaube, daß solchen Armen mit einer Tanzmeistererziehung geholfen wäre! Die Ruhe des Zentrums fehlt ihnen, die die Brüder vom geruhigen Leben so heiter und glücklich macht. Der unterzeichnete Bruder Schreiber sah einst, wie ein baumlanger Mensch, der bei einem wahrhaft anmutigen Mädchen einen möglichst guten Eindruck zu erwecken redlich bemüht war, seiner ganzen Länge nach vor ihr in den Sand fiel. Das Verkehrteste bei solchem Falle ist es, sich stückweise aufzusammeln, die Kniee abzuputzen und Entschuldigungen zu stottern, wo es nichts zu entschuldigen gibt. Unser langer Freund lachte. Er wurde so von der Komik seiner Situation geschüttelt, daß er liegen bleiben mußte und nichts vermochte, als den Kopf zu erheben und zu der Angebeteten emporzulachen, und er lachte so innerlich, so hell und strahlend, so mit der vollen, hallenden Resonanz des Herzens, daß sie in gefährlichster Weise angesteckt wurde, und man deutlich bemerken konnte, wie er mit seinem Fall auf dem Wege zu ihrem Herzen einen Schritt von der ganzen Länge seiner Persönlichkeit vorwärts getan habe. Nehmt die Dinge und euch selbst nicht schwerer, als ihr seid, dann tragt ihr leicht, dann fallt ihr leicht. Seid versichert, arme, gehetzte Selbstpeiniger: wenn ihr im Vorzimmer eines Fürsten oder einer umworbenen Dame oder ähnlicher Souveräne euch ein Dreieck in den Frack reißt, oder eure Krawatte sich löst, oder der schädelsprengende Schnupfen des redlichen Albert Einhart euch überfällt, und der Fürst oder die Dame euch darum abfallen lassen, dann handelt es sich um Damen und Fürsten, mit denen ein Bruder vom geruhigen Leben überhaupt nicht verkehren sollte. Resigniert mit Lachen und seid gewiß, daß euch bessere Dinge aufgehoben sind.

Diners von 3–12.

Noch verbreiteter als die Meinung, überall mitwirken zu müssen, ist unter uns armen Sterblichen die Überzeugung, daß wir überall mitessen müßten. Nicht, daß die Brüsseler Poularde mit Kompot und Salat nicht schließlich auf jeden ihre ermüdende Wirkung ausübte! Nein, es ist der Glaube an die Allmacht der »Gesellschaft«, der die Menschen feige macht und die Meinung in ihnen erweckt, sie müßten jährlich einmal bei sämtlichen Lehmanns essen, jährlich einmal sämtliche Lehmanns bei sich sehen, sämtlichen Lehmanns Verdauungsvisiten machen und von sämtlichen Lehmanns dergleichen Visiten entgegennehmen, wobei noch zu bedenken ist, daß die Lehmanns außerdem die Gewohnheit haben, sich zu verloben, zu heiraten, sich fortzupflanzen, zu avancieren und Jubiläen zu feiern.

»Die Menschen fürchtet nur, wer sie nicht kennt,
Und wer sie meidet, wird sie bald verkennen.«

Und

»Wer sich der Einsamkeit ergibt,
Ach, der ist bald allein!«

sagt Goethe, wie immer, mit Recht; aber nicht alle Lehmanns sind Menschen, und man kann sehr wohl mit einem Menschen in demselben Ozean gebadet haben, ohne deshalb »gesellschaftliche Verpflichtungen« gegen ihn zu fühlen. Eine Dame der Plutokratie erzählte unserm Bruder Tibull mit jenem seltsamen Lachen, dessen Geheimnis in Elend und Morphium besteht: »Mein Mann und ich sind kaum drei Abende im Winter zu Hause. Sehr oft haben wir drei Einladungen an einem Tage: eine um drei, eine um sechs und eine nach dem Theater.« Die gute Frau wies überzeugend nach, daß das so sein müsse. Je wohlhabender ein Mensch, je angesehener seine Stellung, desto mehr Diners muß er geben und einnehmen: das ergab sich aus den Reden der Dame wie ein ehernes Lohngesetz. Wenn Meyers sich nämlich zurückhalten, so heißt es: »Meyers sind pauvre« oder »Meyers sind geizig« oder »Meyers sind eingebildet« oder »Meyers sind ungebildet; sie wissen nicht, was sich gehört.« Weil Meyers nämlich wissen, daß der Mensch sich gehört. Und dabei können Meyers die ganz merkwürdige Beobachtung machen, daß die Leute, die anfangs klatschten, bald mit einer unverkennbaren Hochachtung klatschen, und schließlich von allem nur die Hochachtung übrig bleibt, und Meyers um so höher im Preise steigen, je seltener sie zu haben sind!