»Und er sieht das Hüttlein trauern,
Das ihn hegte mit den Seinen,
Hört davor die Linde schauern
Und den Bach vorüber weinen.«

Den Nesenbach; den damals noch nicht einmal überwölbten Nesenbach. Man glaubt es kaum, wie die Entfernung selbst ein solches Gewässer vergeistigt.

In der Tat, warum sollte ich nicht umkehren? Alle vernünftigen Leute schienen dieser Ansicht zu sein, gleichgültige und teilnehmende. Leer käme ich ja nicht nach Hause. Ich hatte seit zwei Monaten alles mögliche gesehen und einiges gelernt. Meine Notizbücher strotzten von halbfertigen Skizzen. Warum sollte ich nicht einen Strich unter meine Studienreise machen, wenn man mir die Tinte dazu förmlich nachspritzt. Es kostet wohl einige Überwindung, nach den hoffnungsvollen Plänen, mit denen ich auszog; aber man muß sich auch überwinden können. Die größten Geister fanden dies am schwierigsten und achtbarsten. Und zur Stärkung und Belohnung meines heldenhaften Entschlusses der Selbstüberwindung muß etwas geschehen. Ich werde in dieser wilden Welt mit ihrem ewigen Kettengerassel, wenn irgend möglich, zum Abend- und Abschiedsmahl eine gute, deutsche Schützenwurst bestellen! Marie!!

Die Zimmerglocken im zweiten Stock des Schwarzen Ankers waren nämlich nicht immer in Tätigkeit zu sehen. Man war deshalb gezwungen, dem Zimmermädchen bei jeder wichtigeren Veranlassung menschlich näher zu treten. Freilich nicht immer mit Erfolg. Sie ließ mir auch diesmal Zeit, meinen halblauten Monolog fortzusetzen, den die wachsende Erregung wohl entschuldigt. Man hat nicht alle Tage einen Entschluß zu fassen, der das ganze Leben in eine neue Bahn drängt.

Eins aber will ich nicht unterlassen, fuhr ich, noch immer auf meine Belohnung bedacht, eifrig fort: so nahe an England, für das ich seit Jahren als Mensch und Techniker eine stille, beklommene Verehrung pflegte, will ich wenigstens etwas von seinem insularen und weltumspannenden Leben kennen lernen, ehe ich ihm den Rücken kehre! Eine Flasche britisches Ale zu meiner schwäbischen Wurst! Vielleicht sauge ich in dieser Weise kurzerhand die Quintessenz englischer Lebenskraft in mich ein. Ale hatte ich bis heute nur dem Namen nach kennen gelernt. Das wenigstens muß anders werden. Ich kann dann jedenfalls die erste Frage, die Braun, wenn wir uns in Bälde wiedersehen, an mich richten wird, prompt beantworten. Eine Flasche Ale unter dem Herzen und den fernen Salzgeruch der See in der Nase, wie ihn in einer solchen Sturmnacht jeder Windstoß bringt: wozu braucht man eigentlich dann noch nach England zu gehen? Marie! –

Sie geruhte zu erscheinen; ohne Übereilung, mit jener vlämischen, gemessenen Würde, die dem Süddeutschen Achtung einflößt und gelegentlich ein Donnerwetter auspreßt. Nicht ohne kleine sprachliche Schwierigkeiten erklärten wir uns: »Schützenwurst?« – »Nein!« – »Wurst im allgemeinen?« – »Ja!« – »Das englische Gebräu?«– »Jawohl, Mynheer!« – Nach zehn Minuten erschien alles auf einem Puppenstubenkaffeebrettchen; nur die große, wohlversiegelte Flasche machte eine imponierende Ausnahme. Man mag sagen, was man will, es ist doch etwas an den Engländern; ein großer Zug in allem, was sie berührt', dachte ich und streckte mich auf dem kleinen Sofa aus, den Kopf auf der einen, die Beine auf der andern Lehne, um wenigstens eine Stunde lang die englischen Illusionen möglichst aufrecht zu erhalten. Draußen heulte der Sturm. Segel und Rahen klatschten; das Kettengerassel dagegen hatte endlich aufgehört. Und mein Petroleumlämpchen brannte traulich und zutunlich. Ein schweres, goldgelbes Naß winkte mir aus dem Gläschen entgegen, das schlecht zur Flasche paßte. Ich begann; nicht ohne Wehmut.

So wäre denn mein Wanderleben zu Ende! Warum auch nicht? »Das Hüttlein« wird bald wieder vergnügt sein, alter Lenau! Das alte Leben hatte doch wahrhaftig auch sein Schönes, wenn man es im rechten Lichte besah; namentlich im Abendsonnenschein oder noch besser: in der Dämmerung. Die Kinderzeit in dem Waldkloster, in dem ich aufgewachsen bin, mit ihrer unverstandenen Sehnsucht nach der großen Welt, welche zwei Stunden hinter dem Wald mit einem Eisenhammer anfing. Und nun hatte ich mir die große Welt schon ziemlich gründlich angesehen; was war sie anders? Tatsächlich Eisenhämmer, einer hinter dem andern! Sind sie all die Sehnsucht des kleinen, klopfenden Herzens wert gewesen? – Dann die lustige Schulzeit mit ihren Freundschaften für eine vierjährige Ewigkeit und der ungeduldigen Ahnung von all dem Großen und Schönen, das der nächste Schritt im Leben unfehlbar bringen mußte, wenn man endlich den Staub und Moder der fürchterlichen Klassiker abschütteln durfte. Darauf die Kneip- und Arbeitsfreudigkeit des jungen Polytechnikers, der mit ganzem Herzen bei der Sache ist, durchdrungen von der Weisheit seiner verehrten Lehrer und der Höhe seines eignen Wissens und jederzeit bereit, mit einer liebenden Gattin von fünfzehn Jahren die Rosenpfade des Daseins zu durchwandeln. Nun aber plötzlich aus all diesen Herrlichkeiten der zermalmende Sturz in das Werkstättenleben, die Vernichtung aller Träume, die zerklopften Finger, die schwarze Nase. Und die ersten selbstverdienten Groschen, die ersten, mit selbstverdientem Geld gekauften Stiefel, in denen man mit bisher ungekannter Vorsicht auftritt. Und dann, trotzig und halb gebrochen, aus der Tiefe der Vernichtung langsam wieder emporsteigend. –

Übrigens ist dieses Ale ein wunderbares Getränk! Süffig wie das kostbarste Olivenöl – darüber habe ich keinen Zweifel mehr; stark wie zwei Männer – aber kaum bitter genug – so ganz anders als ehrliches schwäbisches Bier!

Ja – man ist an dem Sturz in die unerwarteten Tiefen des praktischen Lebens allerdings nicht gestorben, wenn auch beinahe. Mir wurde es vielleicht doppelt sauer, denn in der alten Klosterzeit hatte ich im Träumen eine ganz besondere Fertigkeit erlangt und öfter versucht, die etwas dunstigen Luftgebilde in Reimen festzunageln, so daß ich jetzt noch, sobald es mir wieder etwas besser ging, anhub, meinen Schraubstock zu besingen, und den Fabrikschornstein in Verse brachte. Es schadete niemand; sogar mir selbst nur einmal. Doch das harte Jahr ging vorüber. Aus meiner ersten Fabrik hatte man mich zwar zu meiner unaussprechlichen Verblüffung hinausgeworfen; sechs Wochen, nachdem mir von meiner technischen Alma mater der erste Preis in höherer Mathematik und praktischem Maschinenzeichnen zugesprochen worden war. In der zweiten stieg ich jedoch aus den tiefsten Tiefen mit zusammengebissenen Zähnen, und verschmierter als der schmierigste Lehrjunge, langsam empor und wurde 36 Kreuzer, 48, ja schließlich einen Gulden täglich wert. Dann holte mich ein Engel vom Himmel – er hieß Wolf und war Bureauchef und erster Konstrukteur – ins Zeichenbureau.