Die Weimaraner mußten immer etwas zu schwatzen haben und hatten auch gottlob immer etwas; sie waren an die merkwürdigsten Dinge gewöhnt, eine solche Fülle von gesegnetem Klatsch hatte sich seit 1775 auf das graue Rattennest niedergelassen. Seit geraumer Zeit aber schon floß diese Quelle spärlicher, und die verwöhnten Gaumen mußten mit allerhand fürlieb nehmen und taten dies wohl oder übel.

Zu allererst tauchen aber in unsrer Geschichte ein paar lachende, blütenjunge Gesichter auf, ein paar feste, kindlich behende Körper, blonde, dicke Zöpfe, junge, weiche, noch etwas tollpatschige Hände, helle Kleider, die sich lebendig um diese jungen Körper schmiegen, die sich so jugendsicher auf leichten Füßen bewegen, so kernig, so wohlgebaut und unschuldig.

All diese schönen Dinge miteinander gestalten sich hier zu ein paar Mädchen, die in der alten Wünschengasse daheim sind.

Sie haben ihr Lebtag in der Wünschengasse gewohnt und sind mehr, als ihnen lieb ist, dort bekannt, bei Freund und Feind, Nachbar und Nachbarin.

»Die Ratsmädel« heißen sie bei alt und jung, und sind die Töchter des Herrn Rat Kirsten, der, ehrsam und würdig, nie verstanden hat, weshalb gerade ihm das Schicksal diese blonden Hexen aufhalste, die ihm mehr Mühe und Kopfzerbrechen kosteten als seine Buben. Ja, in der Tat, er und Frau Rat wären auch nie und nimmermehr mit dem hübschen Paare fertig geworden, wenn nicht die ganze Wünschengasse ihnen beigestanden hätte, die Rangen zu erziehen; und nicht nur die Wünschengasse fühlte sich dazu berufen, alle Freunde und Feinde haben an dem merkwürdigen Werke mitgeholfen. »Da gehen sie!« hieß es, wenn sie miteinander durch die dämmerige Gasse schlenderten. Und wer dies aussprach, schaute ihnen gewissermaßen gespannt nach.

Von Jugend auf hatten sie es verstanden, die würdige Wünschengasse in Aufregung zu erhalten.

Sehr früh war es angegangen, das Ausschauen nach den Ratsmädchen, das Schimpfen und Lachen, das Nörgeln und Hetzen, das Verhätscheln und Anraunzen. Nie, solange die Wünschengasse steht, sind aber zwei Schwestern von Kindesbeinen an trotz alledem so ungetrübt heiter gewesen wie diese zwei, so treu ihren Freunden ergeben.

Sie gehörten zu den glückseligen Menschen, die ihr Lebtag Freunde haben – zu den Menschen, die nie einsam sind – zu den sonnigen Kraftmenschen, die Wärme und Strahlen für andere übrig haben.

Von Jugend an waren sie stolz auf ihre Freunde, verstanden keinen Spaß, wenn irgend jemand diesen Freunden nahe treten wollte, waren ihnen dankbar – und was die Hauptsache ist, unverbrüchlich treu. Und diese Freunde: der blondlockige, kleine, gescheite Heinrich Goullon, den sie auf den weimarischen Straßen »den Pudding« nannten, seiner französischen Abstammung wegen; in den weimarischen Mäulern aber war »der Pudding« zu einem »Budang« geworden. – Und der schöne Franz Horny, der sich als Maler später einen Namen machte und in jungen Jahren in Amalfi starb; – sein Bild hängt dort in einer Kapelle, wo es von den Landleuten als ein heiliger Johannes oder Sebastian verehrt wird. – Und der dritte im Bunde: Ernst Schiller, Schillers Sohn.