Eistrug.

»Das ist wahr,« sagte Kapitän Kannenberg – Robert Kannenberg, der die »Pomerania« führte – »etwas anhängen bleibt einem immer von solcher jugendlichen Liebschaft, wenn auch sonst gar nichts dabei herausgekommen ist; und es passiert auch, wenn man sie längst vergessen hat oder bildet sich das doch ein, dann muckert sie hinterher noch 'mal nach, daß einem Hören und Sehen vergeht: und dafür bin ich selbst ein lebendiges Beispiel gewesen.

Also, ich war schon ein paar Jahre auf See und dachte gewiß und wahrhaftig nicht mehr viel an meine Jugendflamme, die hübsche Hersilie, kümmerte mich auch nicht drum, was aus ihr geworden wäre. Nun kam ich aus der Südsee zurück mitten im Februar. In den Hafen konnt' ich bequem einlaufen, den hielten die Dampfer offen, aber weiter 'rauf übers Haff ging's nicht mehr, das war fest zugefroren. Es war lange Tauwetter gewesen und dann auf einmal noch spät im Januar scharfer Frost.

Nun ist das eine komische Sache, wenn man von 'ner großen Fahrt zurückkommt und es riecht einem dann plötzlich alles so heimatlich, und wenn's auch bloß Teergeruch ist; es schlägt einem doch aufs Gemüt. Und hier war noch das Besondere, daß die ganze Gegend da herum so viel Ähnliches hatte mit der bei uns zu Hause, nämlich die Werften und die Schiffe und das Bollwerk und der Strom und besser hin die großen Wiesen zu beiden Seiten, die jetzt überschwemmt und mit blankem Eis bedeckt waren. Diese Erinnerung schlug mir erst recht aufs Gemüt, und ich mußte immer wieder an unser altes Nest denken, und daß doch immer noch die Gräber meiner Eltern da auf dem Kirchhof waren, wenn ich auch sonst nichts mehr da zu suchen hatte. Und so dämmerte ich schon tagelang in einer kuriosen Verfassung umher. Wenn ich aber sagen sollt', daß ich jetzt schon nach der hübschen Hersilie 'ne Extrasehnsucht gehabt hätte, müßte ich lügen. Wenn ich sie hier am Platz ohne Umstände hätte sehen können, wär's mir so wahrhaftig eine große Freude gewesen und hätt' mich auch inwendig aufgeregt; aber große Geschichten drum zu machen fiel mir nicht ein.

Da wollte aber der Teufel oder sonst wer, daß ich an einem Morgen bei unserem alten Radmann zu tun hatte, der sich jetzt hier niedergelassen hatte und reich geworden war, und daß er mich dann natürlich gleich zu Mittag da behielt. Das war ja so weit sehr schön von ihm; und der Hasenbraten war gut, und der Rotspohn war sehr gut: sie haben da so ihre stillen Quellen für diese Ware.

Und nachdem wir in Frieden vielerlei Geschäftliches gesprochen hatten, sagte Radmann so beiher:

»Merkwürdig ist's doch, wie sich das manchmal so zusammentrifft: heute sind Sie bei mir, und gerade gestern früh treffe ich Ihren alten Freund Heinz Wichards, Pastors ihren, den Sie ja nun auch wohl seit Jahren nicht gesehen haben.«

»I wo Donner,« rief ich ganz aufgeregt, »hier doch nicht?« Denn natürlich hatte ich ihn jahrelang nicht gesehen.