Etliche nahmen, und sollten es auch verloffene Huren gewesen sein, in solchem Elend keiner andern Ursache halber Weiber, als daß sie von solchen entweder durch Arbeiten als nähen, wäschen, spinnen oder krämpeln und schachern und gar stehlen ernähret würden. Da war eine Fähnrichin unter den Weibern, die hatte eine Gage wie ein Gefreiter. Eine andre war Hebamme und brachte dadurch sich selbsten und ihrem Mann manchen Schmauß zuwege. Eine andre konnte stärken und wäschen, andre verkauften Tobak und versahen die Kerle mit Pfeifen, andere handelten mit Branntewein und eine war eine Näherin. Es gab ihrer, die sich blöslich vom Felde ernähreten: im Winter gruben sie Schnecken, im Frühling ernteten sie Salat, im Sommer nahmen sie Vogelnester aus, im Herbste wußten sie sonst tausenderlei Schnabelweide zu kriegen. Solcher Gestalt nun meine Nahrung zu haben, war nicht vor mich, dann ich hatte schon ein Weib. Zur Arbeit auf der Schanze war ich zu faul, ein Handwerk hatte ich Tropf nie gelernet und einen Musikanten hatte man in dem Hungerland nicht vonnöten. Auf Partei zu gehen ward mir nicht vertraut. Etliche konnten besser mausen als Katzen, ich aber haßte solche Hantierung wie die Pest. In summa wo ich mich nur hinkehrete, da konnte ich nichts ergreifen, das meinen Magen hätte stillen mögen. »Du sollst ein Doctor sein,« sagten sie mir, »und kannst anders keine Kunst als Hunger leiden.«
Zuletzt war anderer Unglück mein Glück, dann nachdem ich etliche Gelbsüchtige und ein paar Fiebernde kurierte, die einen besonderen Glauben an mich gehabt haben müssen, ward mir erlaubt, vor die Festung zu gehen, meinem Vorwande nach Wurzeln und Kräuter zu meinen Arzneien zu sammeln. Da richtete ich hingegen den Hasen mit Stricken und fing die erste Nacht zween. Dieselben brachte ich dem Obristen und erhielt dadurch nicht allein einen Taler zur Verehrung, sondern auch Erlaubnus, daß ich hinausdörfte, wann ich die Wacht nicht hätte. Als kam das Wasser wieder auf meine Mühle, maßen es das Ansehen hatte, als ob ich Hasen in meine Stricke bannen könnte, so viel fing ich in dem erödeten Land.
Ich ward unter meiner Muskete ein recht wilder Mensch. Keine Boßheit war mir zuviel, alle Gnaden und Wohltaten, die ich von Gott jemals empfangen, waren allerdings vergessen. Ich lebte auf den alten Kaiser hinein wie ein Viehe. Selten kam ich in die Kirche und gar nicht zur Beichte. Wo ich nur jemand berücken konnte, unterließ ichs nicht, so daß schier keiner ungeschimpft von mir kam. Davon kriegte ich oft dichte Stöße und noch öfter den Esel zu reuten, ja man bedrohete mich mit Galgen und Wippe, aber es half alles nichts. Ich trieb meine gottlose Weise fort, daß es das Ansehen hatte, als ob ich desperat spiele und mit Fleiß der Höllen zurenne. Und obgleich ich keine Übeltat beging, dadurch ich das Leben verwürkt hätte so war ich jedoch so ruchlos, daß man hat kaum einen wüsteren Menschen antreffen mögen.
Dies nahm unser Regimentskaplan in Acht, und weil er ein rechter frommer Seeleneiferer war, schickte er auf die österliche Zeit nach mir, zu vernehmen, warum ich mich nicht bei der Beichte und Communion eingestellet hätte. Ich traktierte ihn wie hiebevor den Pfarrer zu L., also daß der gute Herr nichts mit mir ausrichten konnte. Er verdonnerte mich zum Beschluß:
»Ach, du elender Mensch, ich habe vermeinet du irrest aus Unwissenheit, aber nun merke ich, daß du aus lauter Boßheit und gleichsam vorsätzlicher Weis zu sündigen fortfährest! Welcher Heiliger vermeinst du wohl, der ein Mitleiden mit deiner armen Seel und ihrer Verdammnus haben werde? Ich protestiere vor Gott und Welt, daß ich an deiner Verdammnus keine Schuld habe, weil ich getan habe und noch ferner unverdrossen tun wollte, was zur Beförderung deiner Seligkeit vonnöten wäre. Es wird aber besorglich künftig mehrers zu tun nicht obliegen, dann daß ich deinen Leib, wann ihn deine arme Seel in solchem verdammten Stand verläßt, an keinen geweihten Ort zu andern frommen abgestorbenen Christen begraben, sondern auf den Schindwasen zu den Kadavern des verreckten Viehes hinschleppen lasse, oder an denjenigen Ort, da man andere Gottvergessene und Verzweifelte hintut.«
Diese ernstliche Bedrohung fruchtete nichts. Ich schämete mich vorm Beichten.
O ich großer Narr! Oft erzählte ich meine Bubenstücke bei ganzen Gesellschaften und log noch darzu, aber jetzt, da ich einem einzigen Menschen anstatt Gottes meine Sünden demütig bekennen sollte, Vergebung zu empfangen, war ich ein verstockter Stummer.
Ich antwortete: »Ich dien vor einen Soldaten. Wann ich nun sterbe als ein Soldat, so wirds kein Wunder sein, wann ich als irgendein Gefallener auf freiem Feld, mich auch außerhalb des Kirchhofs behelfen werde.«
Also schied ich von dem seeleneifrigen Geistlichen, den ich wohl einsmals einen Hasen abgeschlagen hatte mit Vorwand, weil der Has an einem Strick gehangen und sich selbst ums Leben gebracht, daß sich dannenhero nicht gebühre, den Verzweifelten in ein geweiht Erdreich zu begraben.
Ich mußte wider meines Herzens Willen bleiben und Hunger leiden bis in den Sommer hinein. Da ward ich unverhofft von der Muskete befreit. Je mehr sich der Graf von Götz mit seiner Armee näherte, je mehrers näherte ich auch meine Erlösung.