[Das neunte Kapitel]

Denselbigen Herbst näherten sich französische, schwedische und hessische Völker, sich bei uns zu erfrischen, deswegen dann jedermann sich selbst samt seinem Viehe und besten Sachen in die hohen Wälder flüchtete. Ich machte es wie meine Nachbarn und ließ das Haus ziemlich leer stehen, in welches ein reformierter schwedischer Obrister logieret ward. Derselbige fand in meinem Kabinett noch etliche Bücher, dann ich in der Eil nicht alles hinwegbringen konnte, und unter andern einzige mathematische und geometrische Abrisse, auch etwas vom Fortifikationswesen. Er schloß deshalben, daß sein Quartier keinem gemeinen Bauren zuständig sein müßte, fing derowegen an, sich um meine Person zu erkundigen und ihr nach zu trachten, maßen er selbsten durch courtoise Zuentbietungen und untermischte Drohworte mich dahin brachte, daß ich mich zu ihm auf meinem Hof begab. Mit großer Freundlichkeit brachte er zu Wege, daß ich ihm mein Geschlecht und Herkommen und alle meine Beschaffenheit vertraute. Er verwunderte sich, daß ich mitten im Kriege meine Gaben, die mir Gott verliehen, hinter dem Ofen und beim Pflug verschimmeln lasse. Wenn ich schwedische Dienste annehmen würde, so wüßte er, daß mich meine Qualitäten und Kriegswissenschaften bald hoch bringen würden. Ich ließ mich hiezu kaltsinnig an. Aber er drang weiter in mich, maßen ihm von Torstensohn ein Regiment versprochen sei, wann er ein solches erhalten würde, woran er dann gar nicht zweifle, so wolle er mich alsbald zu seinem Obrist-Leutnant machen. Mit dergleichen Worten machte er mir das Maul ganz wässerig und weilen noch schlechte Hoffnung auf den Frieden war und ich deswegen sowohl fernerer Einquartierung als gänzlichen Ruins unterworfen, resolvierete ich mich wieder um mitzumachen, sofern er mir seine Parola halten und die Obrist-Leutnantstelle geben wollte.

Also ward die Glocke gegossen, ich ließ meinen Knän holen, derselbe war noch mit meinem Viehe zu Bayrischbrunn, verschrieb ihm meinen Hof vor Eigentum, doch daß ihn nach seinem Tod der Magdsohn erben sollte, weil kein ehelicher Erbe vorhanden. Folgends holete ich mein Pferd und was ich noch an Geld und Kleinodien hatte. Da ward die Einquartierung plötzlich aufgehoben und wir mußten, ehe wir uns dessen versahen zur Hauptarmee marschieren.

Die torstensohnischen Promessen, mit denen sich der Obrist auf meinem Hof breit gemachet, waren bei weitem nicht so groß, als er vorgeben, er ward vielmehr nur über die Achsel angesehen. Und demnach er argwöhnete, daß ich mich bei ihm in die Länge nicht gedulden würde, dichtete er Briefe, als wenn er in Livland, allwo er zu Haus war, ein frisch Regiment zu werben hätte, und überredete mich, daß ich gleich ihm zu Wismar aufsaß und mit nach Livland fuhr. Allein er hatte kein Regiment zu werben und war auch sonsten ein blutarmer Edelmann.

Obzwar nun ich mich hatte zweimal betrügen und so weit hinweg führen lassen, so ging ich doch auch das dritte Mal an, dann er wiese mir Schreiben vor, die er aus Moskau bekommen, in welchen ihm hohe Kriegschargen angetragen wurden. Und weil er gleich mit Weib und Kindern aufbrach, dachte ich, er wird ja um der Gänse willen nicht hinziehen. — An der reußischen Grenze begegneten uns aber unterschiedliche abgedankte deutsche Soldaten, vornehmlich Offizierer, also daß mir anfing zu graueln.

»Was Teufels machen wir! Wo Krieg ist ziehen wir hinweg, und wo es Friede und die Soldaten abgedankt werden, da kommen wir hin?«

Er gab mir immer gute Worte, ich sollte ihn nur sorgen lassen, er wüßte besser, was zu tun sei.

Nachdem wir nun sicher in der Stadt Moskau angekommen, konferierte mein Obrist täglich mit den Magnaten und vielmehr noch mit dem Metropoliten. Endlich gab er mir bekannt, daß es nichts mehr mit dem Krieg wäre, und daß ihn sein Gewissen treibe, die griechische Religion anzunehmen. Sein treuherziger Rat wäre, weil er mir ohndas nunmehr nicht helfen könnte, wie er versprochen, ich sollte ihm nachfolgen. Des Zaren Majestät hätte bereits gute Nachricht von meiner Person und vortrefflichen Qualitäten, die würden gnädigst belieben, sofern ich mich fügen wollte, mich als einen Kavalier mit einem stattlichen Gut und vielen Untertanen zu begnadigen.

Ich ward hierüber ganz bestürzt, deswegen ich dann, eh ich mich auf eine Antwort resolvieren konnte, lange stillschwieg. Endlich brachte ich vor, ich wäre gekommen ihrer zarischen Majestät als ein Soldat zu dienen, seien nun dieselbe meiner Kriegsdienste nicht bedörftig, so könnte ich nichts ändern, daß aber dieselbe mir eine so hohe zarische Gnade allergnädigst widerfahren zu lassen geruhten, wäre mir mehr Pflicht zu rühmen, als solche alleruntertänigst zu acceptieren, weil ich mich meine Religion zu ändern noch zurzeit nicht entschließen könnte, wünschete vielmehr, daß ich wiederum im Schwarzwald auf meinem Baurenhof säße.