»Da recht! Das ist, was ich behaupten will, daß der Eltern Tugenden nicht allerweg auf die Kinder vererbt werden, und dahero die Kinder ihrer Eltern Tugendtitul auch nicht allerweg würdig sein. Mir zwar ist es keine Schande, daß ich ein Kalb bin worden, dieweil ich in solchem Falle dem großmächtigen König Nabuchodonosor nachzufolgen die Ehre habe.«

»Nun gesetzt, aber nicht zugestanden, du habest recht, so mußt du doch gestehen, daß diejenigen alles Lobs wert sein, die sich selbst durch Tugend edel machen. Wann aber — so folget, daß man die Kinder der Eltern wegen billig ehre, dann der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Wer wollte in Alexandri Magni Nachkömmlingen, wann anders noch einzige vorhanden wären, ihres alten Ur-Ahnherren herzhafte Tapferkeit nicht rühmen? Hat er nicht vor dem dreißigsten Jahr die Welt bezwungen, hat er nicht in einer Schlacht mit den Indiern, da er von den Seinigen verlassen war, aus Zorn Blut geschwitzet? War er nicht von lauter Feuerflammen umgeben, daß die Barbaren vor ihm flohen? Bezeugt nicht Quintus Curtius, daß sein Atem wie Balsam, der Schweiß wie Bisem, sein toter Leib aber nach köstlicher Spezerei roch? — Da könnte ich auch den Julium Cäsarem und Pompeium anführen, deren der eine fünfzigmal in offener Feldschlacht gestritten und 1152000 Mann erlegt und totgeschlagen hat, der ander aber hat neben 940 den Meerräubern abgenommenen Schiffen vom Alpengebürg an bis in das äußerste Hispanien 876 Städte und Flecken eingenommen und überwunden. Ist nicht von dem Lucio Siccio Dentato, welcher Zunftmeister in Rom war, zu sagen, daß er in 110 Feldschlachten gestanden und achtmal diejenigen überwunden hat, die ihn herausgefordert, und daß er 45 Wundmäler an seinem Leib zeigen konnte. Mit neun Obrist Feldherren ist er in ihren Triumphen in Rom eingezogen. Wo bleibet der starke Herkules, Theseus und andre, deren unsterbliches Lob zu beschreiben unmüglich.

Ich will aber die Waffen fahren lassen und mich zu den Künsten wenden. Was findet sich für Geschicklichkeit am Zeuxis, welcher mit seinen Schildereien die Vögel in der Luft betrog, item am Apelles, der eine Venus so natürlich, so ausbündig und mit allen Lineamenten so subtil und zart dahermalete, daß sich die Junggesellen darein verliebten. Plutarchus schreibet, daß Archimedes ein großes Schiff mit Kaufmannswaren über den Markt von Syrakus nur mit einer Hand, an einem einzigen Seil vermöge seiner Schrauben daher gezogen, welches 200 deinesgleichen Kälber nicht hätten zu tun vermocht. Sollten diese Meister nicht mit einem besonderen Ehrentitul begabt sein? Und welcher die edle und der ganzen Welt höchst nutzbare Kunst der Buchdruckerei erfunden, wer wollte den nicht preisen? Zwar ist wenig daran gelegen, ob du grobes Kalb solches in deinem unvernünftigen Ochsengehirn fassest oder nicht! Es geht dir eben wie jenem Hund, der auf einem Haufen Heu lag und solches dem Ochsen auch nicht gönnte, weil er es selbst nicht genießen konnte.«

Da ich mich so gehetzt sahe, satzte ich dagegen: »Die herrlichen Heldentaten wären höchlich zu rühmen, wann sie nicht mit anderer Menschen Untergang und Schaden vollbracht wären worden. Was ist das aber vor ein Lob, welches mit so vielem unschuldig vergossenem Menschenblut besudelt, und was vor ein Adel, der mit so vieler tausend anderer Menschen Verderben erobert und zuwegen gebracht worden? Und die Künste, was seinds anders als lauter Vanitäten und Torheiten, dienen zum Geiz, zur Wollust, zur Üppigkeit. So könnte man der Druckerei und Schriften auch wohl entbehren, dann der Heilige saget: Die ganze Welt ist Buchs genug, die Wunder des Schöpfers zu betrachten und die göttliche Allmacht zu erkennen.«

Mein Herr wollte auch mit mir scherzen und sagte: »Ich merke wohl, weil du nicht edel zu werden getrauest, verachtest du des Adels Ehrentitul.« Ich antwortete: »Wann schon ich in dieser Stund an deine Ehrenstell treten sollte, ich wollte sie doch nicht annehmen.« Mein Herr lachte. »Das glaub ich, dann dem Ochsen gehöret Haberstroh. Ich meinesteils acht es für kein Geringes, wann mich das Glück über andere erhebet.« Ich seufzte und sagte: »Ach, armselige Glückseligkeit! Herr, du bist der allerelendeste Mensch in ganz Hanau.«

»Wieso, wieso, du Kalb!«

»Wann du nicht weißt oder empfindest, mit wieviel Sorgen und Unruhe du als Gubernator beladen bist, so verblendet dich allzu große Begierde der Ehre. Zwar hast du zu befehlen und wer dir unter Augen kommt, muß dir gehorsamen, aber bist du nicht ihrer aller Knecht? Schaue, du bist jetzt rund umher mit Feinden umgeben und die Konservation dieser Festung liegt dir auf dem Hals. Bedörfte es nicht öfters, daß du selber wie ein gemeiner Knecht Schildwacht stündest? Du mußt um Geld, Munition, Proviant und, daß dein Volk im Posten erscheine, bedacht sein und das ganze Land durch stetiges Exequieren und Tribulieren in Kontribution erhalten. Schickest du die Deinigen zu solchem End hinaus, so ist Rauben, Plündern, Stehlen, Brennen und Morden ihre beste Arbeit. Sie haben erst neulich Orb geplündert, Braunfels eingenommen und Staden in Asche gelegt. Davon haben sie sich zwar Beuten, du dir aber eine schwere Verantwortung vor Gott gemacht. Und wirst du nicht Ehr und Reichtum in der Welt lassen und nichts mit dir nehmen als die Sünde, dadurch du selbige erworben hast? Du verschwendest der Armen Schweiß und Blut, die jetzt gar verderben und Hungers sterben. Und dafern anders etwas versäumet wird, das zur Erhaltung deiner Völker und der Festung hätte observiert werden sollen, so kostet es deinen Kopf. Sterbe ich jung, so bin ich der Mühseligkeit eines Zugochsens überhoben, dir aber stellet man auf tausendfältige Weise nach und dein ganzes Leben ist Sorge und Schlafbrechen, dann du mußt Freunde und Feinde förchten umb deiner Reputation und deines Kommandos willen. Ich geschweige, daß dich täglich deine brennenden Begierden quälen, wie du dir einen noch größeren Namen und Ruhm zu machen, höher in Kriegsämtern zu steigen, größeren Reichtum zu sammeln, dem Feind eine Tücke zu beweisen, einen oder den andern Ort zu überrumpeln, in summa fast alles tun solltest, was andere Leute schädigt, deine Seele verderbt und der göttlichen Majestät mißfällt. Du aber lässest dich von deinen Fuchsschwänzern verwöhnen, daß du dich selbst nicht mehr erkennst und den gefährlichen Weg nicht siehest. Sie hetzen und jagen dich zu anderer Leute Schaden, ihrem Beutel zu nutz.«

»Du Bernheuter, wer lernet dich so predigen?«

»Sage ich nicht wahr, daß du von deinen Ohrenbläsern und Daumendrehern dergestalt verderbt seiest, daß dir bereits nicht mehr zu helfen ist? Aber auch du entgehst dem Tadel nicht. Hast du nicht Exempel genug an hohen Personen, so vor der Zeit gelebet? Die Lacedämonier schalten an ihrem Lycurgo, daß er allezeit gesenkten Hauptes daherging, die Römer verargeten dem Scipioni das Schnarchen und es dünkte sie häßlich zu sein, daß sich Pompeius nur mit einem Finger kratzte. Des Julii Cäsaris spotteten sie, weil er den Gürtel nicht artig und lustig antrug. Die Uticenser verleumdeten ihren Catonem, weil es zu gierig auf beiden Backen aß. Die Karthager redeten dem Hannibali übel nach, weil er immerzu mit der Brust aufgedeckt und bloß daherging. Herr, ich tausche mit keinem, der vielleicht neben zwölf Fuchsschwänzern und Schmarotzern tausend so heimliche als öffentliche Feinde hat. Ich sehe wohl, wie sauer du dirs mußt werden lassen und wieviel Beschwerden du trägst. Und was wird endlich dein Lohn sein? Sage mir, lieber Herr, was hast du davon? Wann dus nicht weißt, so laß dirs von dem griechischen Demosthenes sagen, den die Athener des Landes verwiesen und ins Elend gejagt haben. Dem Sokrati ist mit Gift vergeben worden. Hannibal hat elendiglich, in der Welt landflüchtig herumschweifen müssen. Lykurg ward gesteiniget. Solo wurde verbrannt, nachdem ihm ein Aug ausgestochen ward. Darum behalte du dein Kommando samt seinem Lohn. Dann wann alles wohl mit dir abgehet, so bringst du aufs wenigste ein böses Gewissen davon.«