»Freilich,« antwortete ich, »ich habe ja meine unsterbliche menschliche Seele noch, die wird ja, wie du leicht gedenken kannst, nicht in die Hölle begehren, vornehmlich weil mir's schon einmal so übel darin ergangen. Ich bin verändert wie vordem Nabuchodonosor und dörfte ich noch wohl zu einer Zeit wieder zu einem Menschen werden.«

»Das wünsche ich dir,« sagte mein Herr mit einem ziemlichen Seufzen. Daraus ich leichtlich schließen konnte, daß ihm eine Reue ankommen. »Aber laß hören, wie pflegst du zu beten?«

Darauf kniete ich nieder, hub Augen und Hände auf gut einsiedlerisch zum Himmel, und weilen mich meines Herren Reue mit Trost berührte, konnte ich mich der Tränen nicht enthalten. Betete also mit größter Andacht das Vaterunser und bat weiters vor meine Freunde und Feinde und, daß mich Gott in dieser Zeitlichkeit also leben lasse, daß ich der ewigen Seligkeit würdig werde. Mein Einsiedel hatte mich ein solches Gebet mit andächtig concipierten Worten gelehret. Hievon etliche weichherzige Zuseher auch beinahe zu weinen anfingen, ja meinem Herren selbst stunden die Augen voll Wasser.

Alsbald schickte mein Herr zum Pfarrer, dem erzählte er alles, daß er besorge, es gehe nicht recht mit mir zu, und daß vielleicht der Teufel mit unter der Decke läge. Der Pfarrer aber, dem meine Beschaffenheit am besten bekannt war, meinte, man sollte solches bedacht haben, eh man mich zum Narren zu machen unterstanden hätte, Menschen seien Ebenbilder Gottes, mit welchen nicht wie mit Bestien zu scherzen sei. Doch glaube er nicht an ein Spiel des Bösen, dieweil ich jederzeit inbrünstig zu Gott bete. Sollte aber solches wider Verhoffen zugelassen werden, so hätte man es bei Gott schwer zu verantworten, maßen es keine schwerere Sünde gibt, als einen Menschen der Vernunft zu berauben. Er wisse aber, daß ich auch hiebevor Witz genug gehabt, mich aber in diese Welt nicht habe schicken können. Hätte man sich ein wenig geduldet, so würde ich mich mit der Zeit besser angelassen haben. »Wann man ihm nur die Einbildung nehmen kann, daß er nicht mehr glaubet, er sei ein Kalb! Ich habe selbsten einen kranken Baur in meiner Pfarr gehabt, der klagte mir, daß er auf vier Ohm Wasser im Leib hätte, ich sollet ihn aufschneiden oder ihn in Rauch hängen lassen, damit dasselbe herauströckne. Darauf sprach ich ihm zu und überredete ihn, es könne das Wasser auf eine andere Weise von ihm gebracht werden. Nahm demnach einen Weinhahn, daran ich einen Darm steckte, das ander End des Darms band ich an das Spuntloch eines Wasserzubers. Darauf stellet ich mich, als wann ich ihm den Hahn in den Bauch steckte, welchen er überall mit Lumpen umwickelt hatte, damit er nicht zerspringen sollte. Ich ließ das Wasser durch den Hahn hinweglaufen, darüber sich der Tropf herzlich erfreuete. Er tät nach solcher Verrichtung die Lumpen von sich und kam in wenigen Tagen wieder allerdings zurecht. Also kann dem guten Simplicio auch wieder geholfen werden.«

»Dieses alles glaube ich wohl,« sagte mein Herr, »allein es liegt mir an, daß er zuvor so unwissend gewesen, nun aber ein jeder sein Reden vor ein Orakul oder Warnung Gottes halten muß.«

»Herr,« sagte der Pfarrer, »dieses kann natürlicher Weise wohl sein, doch weiß ich, daß er belesen ist, maßen er sowohl als sein Einsiedel alle meine Bücher durchgangen hat. Obgleich er nun seiner eigenen Person vergißt, kann er dannoch hervorbringen, was er hiebevor ins Gehirn gefaßt hat.«

Also satzte der Pfarrer den Gubernator zwischen Forcht und Hoffnung, das brachte mir gute Tage und ihm einen Zutritt bei meinem Herrn, so daß er ihn endlich bei der Guarnison zum Kaplan machte.

Von dieser Zeit besaß ich meines Herrn Gnade, Gunst und Liebe vollkömmlich, nichts manglete mir zu meinem besseren Glück, als daß ich an einem Kalbskleid zu viel und an Jahren noch zu wenig hatte. So wollte mich der Pfarrer auch noch nicht witzig haben, weil ihm solches noch nicht Zeit und seinem Nutzen verträglich zu sein bedünkte.

Demnach aber mein Herr sahe, daß ich Lust zur Musik hatte, ließ er mich solche lernen und verdingte mich zugleich einem vortrefflichen Lautenisten, dessen Kunst ich in Bälde ziemlich begriff und ihn um soviel übertraf, weil ich besser singen konnte. Also dienet ich meinem Herrn zur Lust, Kurzweile, Ergetzung und Verwunderung. Alle Offizierer erzeugten mir ihren geneigten Willen, die reichsten Bürger verehreten mich, Hausgesind und Soldaten wollten mir wohl. Einer schenkte mir hier, der andere dort, daß ich sie nicht verfuchsschwänzen sollte. Ich brachte ziemlich Geld zu Wege, welches ich mehrenteils dem Pfarrer zusteckte. Ich wuchs auf wie ein Narr in Zwiebelland und meine Leibskräfte nahmen handgreiflich zu. Man sahe mir in Bälde an, daß ich nicht mehr im Wald mit Wasser, Eicheln, Bucheckern, Wurzeln und Kräutern mortifizierte, sondern daß mir bei guten Bissen der rheinische Wein und das hanauische Doppelbier wohl zuschlug. Mein Herr gedachte mich nach beendeter Belagerung dem Kardinal Richelieu oder Herzog Bernhard von Weimar zu schenken, dann ohn daß er hoffte, einen großen Dank mit mir zu verdienen, gab er auch vor, daß mein Anblick ihm schier unmöglich länger zu ertragen, weil ich seiner Schwester je länger, je ähnlicher wurde und dies im Narrenhabit.

Der Pfarrer widerriet, dann er hielt davor, die Zeit wäre gekommen, in welcher er ein Mirakul tun und mich vernünftig machen wollte. Es sollten andere Knaben in gleichen Kalbsfellen und mit denselben Zeremonien von einer Person in Gestalt eines Arztes, Propheten oder Landfahrers aus Tieren zu Menschen gemacht werden. Der Gouverneur ließ sich solchen Vorschlag belieben, mir aber communicierte der Pfarrer, was er mit meinem Herrn abgeredet hätte.