Kurz nachher merkte ich, daß meines Obristen Schreiber meinen neuen Bruder schröcklich neidete, weil er vor ihm zu der Sekretariatsstelle erhoben werden wollte. Ich sahe, wie er zu Zeiten griesgramete, wie ihn die Mißgunst bedrängte und er in schweren Gedanken allezeit seufzete, wann der den alten oder den jungen Herzbruder ansahe. Ich kommunizierte meinem Bruder beides aus getreuer Affektion und tragender Schuldigkeit, damit er sich vor dem Judas vorsehe. —

Weil es nun Gebrauch im Krieg ist, daß man alte versuchte Soldaten zu Profosen machet, so hatten wir bei uns einen abgefeumten Erzvogel und Kernbösewicht, der mehr als vonnöten erfahren war. Ein rechter Schwarzkünstler, Siebdreher und Teufelsbanner, war er und von sich selbsten nicht allein so fest als Stahl, sondern ein solcher Geselle, der andere fest machen und noch darzu ganze Esquadronen Reuter ins Feld stellen konnte. So gab es Leute, die gern mit diesem Wendenschimpf umgingen, sonderlich Olivier unser Schreiber, um so mehr, als sich dessen Neid gegen den jungen Herzbruder vermehrete.

Eben damals ward meine Obristin mit einem jungen Sohn erfreuet und die Taufsuppe fast fürstlich dargereicht. Der junge Herzbruder war aufzuwarten ersuchet worden und weil er sich aus Höflichkeit einstellte, schiene solches dem Olivier die erwünschte Gelegenheit. Dann, als nun alles vorüber war, manglete meines Obristen großer vergöldter Becher, welcher noch vorhanden gewesen, da alle fremden Gäste schon hinweg waren. Hierauf ward der Profos geholt, in der Sache Rat zu schaffen und das Werk so einzurichten, daß nur dem Obristen kund wurde, wer der Dieb war, weil noch Offizierer von seinem Regiment vorhanden, die er nicht gern zu Schanden machen wollte, wann sich vielleicht einer davon versehen hätte.

Weil sich nun jeder unschuldig wußte, so kamen wir alle lustig in des Obristen Zelt. Als der Zauberer aber etliche Worte gemurmelt hatte, sprangen dem einen von uns hier, dem andern dort ein, zwei, drei, auch mehr Hündlein aus den Hosensäcken, Ärmeln, Stiefeln, Hosenschlitzen, diese wusselten behend im Zelt hin und wieder herum, daß es ein recht lustig Spektakul war. Mir aber wurden meine kroatischen Kälberhosen, so voller junge Hunde gegaukelt, daß ich solche ausziehen, und weil mein Hemd vorlängst im Walde am Leib verfaulet war, nackend dastehen mußte. Zuletzt sprang den jungen Herzbruder ein Hündlein mit göldenem Halsband aus dem Hosenschlitz und das verschlang alle andern Hündlein, ward aber selbsten je länger, je kleiner, das Halsband nur desto größer, bis es sich endlich gar in des Obristen Tischbecher verwandelte.

Da sagte der Obrist zu meinem Herzbruder:

»Siehe, du undankbarer Gast, ich habe dich zu meinem Secretario des morgenden Tages machen wollen. Nun aber hast du mit diesen Diebsstücken verdient, daß ich dich noch heut aufhängen ließe. Das auch unfehlbar geschehen sollte, wann ich deinen ehrlichen, alten Vater nicht verschonete. Geschwind, pack dich aus meinem Läger!«

Mein junger Herzbruder ward nicht gehört. Indem er fortging, ward dem guten alten Herzbruder ganz ohnmächtig, daß man genug an ihm zu laben und der Obrist selbst an ihm zu trösten hatte.

Sobald des jungen Herzbruders Kapitän diese Geschichte erfuhr, nahm er ihm die Musterschreiberstelle und lud ihm eine Picke auf, von welcher Zeit an er bei männiglich so verachtet ward, daß er sich oft den Tod wünschete. Sein Vater aber bekümmerte sich dergestalt, daß er in eine schwere Krankheit fiel und sich auf das Sterben gefaßt machte. Demnach er sich ohndas prognostizieret, daß er den 26. Julii Leib- und Lebensgefahr ausstehen müsse, verlangte er von dem Obristen, daß sein Sohn noch einmal zu ihm kommen dörfte. Ich ward der dritte Mitgesell ihres Leides. Da sahe ich, daß der Sohn keiner Entschuldigung bedörftig gegen seinen Vater, der als weiser, tiefsinniger Mann unschwer ermaß, daß Olivier seinem Sohn hatte das Bad durch den Profosen zurichten lassen. Aber was vermochte er gegen den Zauberer! Überdies versahe er sich des Todes und wußte doch nicht geruhiglich zu sterben, weil er seinen Sohn in solcher Schande hinter sich lassen sollte. Es war, versichert, dieser beiden Jammer so erbärmlich anzuschauen, daß ich vom Herzen weinen mußte. Zuletzt beschlossen sie, Gott ihre Sache in Geduld heimzustellen und auf Mittel zu gedenken, wie sich der junge Herzbruder von seiner Kompagnia loswürken und anderwärts sein Glück suchen könnte. Da mangelte es aber am Gelde und ich gedachte meiner gespickten Eselsohren, fragte derowegen, wieviel sie zu ihrer Notdurft haben mußten. Der junge Herzbruder meinte, mit hundert Talern aus seinen Nöten zu kommen. Ich rief: »Hab' ein gut Herz, Bruder, ich will dir hundert Dukaten geben!« — »Bist du ein rechter Narr und scherzest in unserer äußersten Trübseligkeit?«

Ich streifete mein Wams ab und melkete aus dem einen Eselsohr hundert Dukaten, das Übrige behielt ich und sagte: »Hiemit will ich deinem kranken Vater aufwarten.«

Da fielen sie mir um den Hals, küßten mich und wußten vor Freuden nicht, was sie taten, wollten mir auch eine Handschrift zustellen, daß sie mich um diese Summam samt dem Interesse hinwiederum mit großem Dank befriedigen wollten, so ich aber nicht annahm, sondern mich in ihre beständige Freundschaft befahl.