»Der Beckenknecht, der sowol die Geschichte oder Fabul der Melusinä als des Ritters von Staufenberg gelesen und noch viel mehr dergleichen Märlin von verfluchten Jungfrauen gehöret hatte, glaubt alles, was ihm gesagt worden; derohalben besonne er sich nicht lang, sonder gab das Jawort von sich und bestätiget solche Ehe mit oft wiederholtem Beischlaf. Sie aber gab ihm nach verrichter Arbeit etliche Ducaten und nahm ein güldenes Kreuzlein, mit Diamanten besetzt und mit Heiligthum[521] gefüllt, von ihrem Hals, das sie ihm gleichfalls zustellte, damit er nicht sorgen solte, er hätte vielleicht mit einem Teufelsgespenst zu thun. Und zum Beschluß wurde abgeredet, daß sie ihn fürderhin die meiste Nächte in seiner Schlafkammer besuchen wolte, worauf sie vor seinen Augen verschwunden.«
»Es waren kaum vier Wochen vergangen, als dem Beckenknecht bei der Sach anfieng zu grausen; und indem ihm sein Gewissen sagte, es könte mit dieser heimlichen und wunderbarlichen Ehe nicht recht hergehen, da ereignete sich eine Gelegenheit, mit deren er hieher kam und seinem Beichtvatter alle Geschichte außerhalb der Beicht vertraute. Als dieser verstunde, was diese Meerfein[522] oder Minolanda, wie sie sich genennet, vor einen Habit anhatte, und sich darbei erinnerte, daß eben ein solcher einer vornehmen Fräulin bei ihrem Beilager entwendet worden, gedachte er der Sach ferner nach und begehret auch das Kreuzlin zu sehen, so ihm seine Beischläferin verehrt hatte. Als er solches sahe, überredet er den Beckenknecht, daß ers ihm nur ein einzige halbe Stund ließe, selbiges einem Jubilierer[523] zu weisen, um zu vernehmen, ob das Gold auch just[524] und die Steine auch gut wären; er aber verfügte sich sogleich damit zu obengemeldter Frauen, die zu allem Glück hier war, und als sie solches vor das ihrig erkante, wurde der Anschlag gemacht, wie diese Melusina beim Kopf bekommen werden möchte; worzu der geängstigte Beckenknecht seinen Willen gab und alle mögliche Hülf zu thun versprach.«
»Diesem nach wurden den dritten Abend zwölf beherzte Männer mit Partisanen geschickt, die in des Becken Kammer um Mitternacht stürmten und Thüren und Läden wol in acht nahmen, damit, als solche eröffnet, niemand hinaus entrinnen könte. So bald solches geschahe, und auch zugleich zween mit Fackeln in das Zimmer getreten waren, sagte der Becker zu ihnen: Sie ist schon nit mehr da.«
»Er hatte aber das Maul kaum zugethan, da hatte er ein Messer mit einem silbern Heft in der Brust stecken; und ehe man solches recht wahrgenommen, da stak einem andern, der eine Fackel trug, eins im Herzen, darvon derselbige alsobald todt darnieder fiele. Einer von den Bewehrten ermaße, aus welcher Gegend diese Stich herkommen waren, sprang derowegen zuruck und führte einen solchen starken Streich gegen demselben Winkel zu, daß er damit der so unselig als unsichtbarn Melusinen die Brust bis auf den Nabel herunter aufspielte[525]. Ja dieser Streich war von solchen Kräften, daß man nit allein die vielgedachte Melusina selbst dort todt liegen, sonder ihr auch Lung und Leber samt dem Ingeweid in ihrem Leib und das Herz noch zapplen sehen konte. Ihr Hals hieng voller Kleinodien, die Finger staken voll köstlicher Ring, und der Kopf war gleichsam in Gold und Perlen eingehüllet. Sonst hatte sie nur ein Hemd, ein doppeltafften Unterrock und ein Paar seidener Strümpfe an; aber ihr silbern Stück, das sie auch verrathen, lag unter dem Hauptkissen.«
»Der Becker lebte noch, biß er gebeicht und communicirt hatte; er starb aber hernach mit großer Reu und Leid und verwundert sich, daß so gar kein Geld bei seiner Schläferin gefunden worden, dessen sie doch ein Ueberfluß gehabt hätte. Sie ist ohngefähr aus ihrem Angesicht vor 20 Jahr alt geschätzt, und ihr Körper als einer Zauberin verbrant, der Beck aber mit obgemeldten Fackeltrager in ein Grab gelegt worden. Wie man noch vor seinem Abschied erfuhr, so hatte das Mensch beinahe eine österreichische Sprach gehabt.«
Fußnoten:
[514] Störer, wie Storger, Störzer, Vagabund.
[515] visierlich, possierlich, spaßhaft.
[516] ohnschwer, ohne Beschwerde; wenn es ihm nicht zu viel Mühe mache.