»Ihr seid zwar, liebes Fräulin«, sagte sie ferner, »einem tapferen Edelmann von euerem Vatter versprochen worden, derselbe ist aber bei Eroberung von Pilsen gefangen und als ein Meineidiger neben andern mehr durch die Kaiserlichen aufgehenkt worden.«
Also erfuhr ich, was ich vorlängst zu wissen gewünscht, und wünschte doch nunmehr, daß ichs niemal erfahren hätte; sintemal ich so schlechten Nutzen von meiner hohen Geburt zu hoffen. Und weil ich keinen andern und bessern Rath wuste, so machte ich einen Accord mit meiner Säugamm, daß sie hinfort meine Mutter und ich ihre Tochter sein solte. Sie war viel schlauer als ich, derowegen zog ich auch auf ihren Rath mit ihr von Bragoditz auf Prag; nicht allein zwar, daß wir den Bekanten aus den Augen kämen, sondern zu sehen, ob uns vielleicht alldorten ein anders Glück anscheinen möchte. Im übrigen so waren wir recht vor einander, nicht daß sie hätte kupplen und ich huren sollen, sondern weil sie eine Ernährerin, ich aber eine getreue Person bedorfte, gleich wie diese eine gewesen, deren ich beides Ehr und Gut vertrauen konte. Ich hatte ohne Kleider und Geschmuck bei 3000 Reichsthaler baar Geld beieinander und dannenhero damals keine Ursach, durch schändlichen Gewinn meine Nahrung zu suchen. Meine neue Mutter kleidete ich wie eine ehrbare alte Matron, hielte sie selbst in großen Ehren und erzeigte ihr vor den Leuten allen Gehorsam. Wir gaben uns vor Leute aus, die auf der teutschen Grenz durch den Krieg vertrieben worden wären, suchten unseren Gewinn mit Nähen, auch Gold-, Silber- und Seidensticken, und hielten uns im übrigen gar still und eingezogen, meine Batzen genau zusammen haltend, weil man solche zu verthun pflegt, ehe mans vermeint, und deren keine andere kan gewinnen, wann man gern wolte.
Nun, diß wäre ein feines Leben gewest, das wir führten, ja gleichsam ein klösterliches, wann uns nur die Beständigkeit nicht abgangen wäre. Ich bekam bald Buhler; etliche suchten mich wie das Frauenzimmer im Bordell, und andere Tropfen, die mir meine Ehre nit zu bezahlen getrauten, sagten mir viel vom Heurathen, beide Theil aber wolten mich bereden, sie würden durch die grausame Liebe, die sie zu mir trügen, zu ihren Begierden angesporet. Ich hätte aber keinem geglaubt, wann ich selbst ein keusche Ader in mir gehabt. Es gieng halt nach dem alten Sprichwort: Gleich und gleich gesellt sich gern; dann gleich wie man sagt, das Stroh in den Schuhen, ein Spindel im Sack und eine Hur im Haus läßt sich nicht verbergen, also wurde ich auch gleich bekant und wegen meiner Schönheit überal berühmt. Dannenhero bekamen wir viel zu stricken, und unter anderem von einem Hauptmann ein Wehrgehenk, welcher vorgabe, daß er vor Liebe in den letzten Züge läge. Hingegen wuste ich ihm von der Keuschheit so ein Haufen aufzuschneiden, daß er sich stellte, als wolte er gar verzweifeln; dann ich ermaße die Beschaffenheit und das Vermögen meiner Kunden nach der Regul meines Wirths zum Guldenen Löwen zu N. Dieser sagte: Wann mir ein Gast kommt und gar zu unmäßig viel höflicher Complimenten macht, so ist ein gewisse Anzeigung, daß er entweder nicht viel zum besten, oder sonst nicht im Sinn hat, viel zu vergeben; kommt aber einer mit Trutzen und nimmt die Einkehr bei mir gleichsam mit Pochen und einer herrischen Botmäßigkeit, so gedenke ich: holla, diesem Kerl ist der Beutel geschwollen, dem must du schrepfen!
Also tractiere ich die Höfliche mit Gegenhöflichkeit, damit sie mich und meine Herberg anderwärts loben, die Schnarcher[83] aber mit allem, das sie begehren, damit ich Ursach habe, ihren Beutel rechtschaffen zu actioniren.
Indem ich nun diesen meinen Hauptmann hielte wie dieser Wirth seine höfliche Gäst, als hielte er mich hingegen, wo nicht gar vor einen halben Engel, jedoch wenigst vor ein Muster und Ebenbild der Keuschheit, ja schier vor die Frommkeit selbsten. In Summa er kam so weit, daß er von der Verehlichung mit mir anfieng zu schwätzen, und ließe auch nicht nach, biß er das Jawort erhielte. Die Heuratspuncten waren diese, daß ich ihm 1000 Reichsthaler baar Geld zubringen, er aber hingegen mich in Teutschland zu seinem Heimath um dieselbige versichern solte, damit, wann er vor mir ohne Erben sterben solte, ich deren wieder habhaft werden könte; die übrige 2000 Reichsthaler, die ich noch hätte, solten an ein gewiß Ort auf Zins gelegt und in stehender Ehe die Zins von meinem Hauptmann genossen werden, das Capital aber ohnverändert bleiben, biß wir Erben hätten; auch solte ich Macht haben, wann ich ohne Erben sterben solte, mein ganz Vermögen, darunter auch die 1000 Reichsthaler verstanden, die ich ihm zugebracht, hin zu vertestieren wohin ich wolte &c. Demnach wurde die Hochzeit gehalten, und als wir vermeinten, zu Prag bei einander, so lang der Krieg währete, in der Guarnison gleich wie im Frieden in Ruhe zu leben, sihe, da kam Ordre, daß wir nach Holstein in den Dänemärkischen Krieg marschiern müsten.
Fußnoten:
[77] Geschlechter, Patricier.
[78] beischießen, etwas in das Geschäft geben.
[79] weder, als, wie; sonst häufiger nach Comparativen.