[98] gleichsam, fast, beinahe, schier, in dieser letzten Bedeutung öfter bei Grimmelshausen.

[99] verstehen c. genet., von etwas verständigen, unterrichten.

[100] einen Sprung weisen, wie: die Wege weisen.

[101] spannen, abzielen.


Das vierzehnte Capitel.

Was Courage ferners anfieng, und wie sie nach zweier Reuter Tod sich einem Musquetierer theilhaftig machte.

Ich weiß nit, wie es meinem Liebhaber gefallen, als er mich nicht wieder in seinem Schlosse angetroffen, ob er gelacht oder geweint habe. Mir wars leid, daß ich seiner nicht mehr zu genießen hatte, und ich glaub, daß er auch gern noch länger mit mir vorlieb genommen hätte, wann ihm nur seine Eltern das Fleisch nicht so schnell aus den Zähnen gezogen. Um diese Zeit überschwemmte der Wallensteiner, der Tilly und der Graf Schlick ganz Holstein und andere dänische Länder mit einem Haufen kaiserlicher Völker wie mit einer Sündflut, deren die Hamburger so wol als andere Ort mit Proviant und Munizion aushelfen musten. Dannenhero gab es viel Aus- und Einreutens und bei mir ziemliche Kundenarbeit. Endlich erfuhre ich, daß meine angenommene Mutter sich zwar noch bei der Armee aufenthielte, hingegen aber alle meine Bagage biß auf ein paar Pferde verloren, welches mir den Compaß gewaltig verruckte. Es schlug mir in Hamburg zwar wol zu, und ich hätte mir mein Lebtage kein bessere Händel gewünscht. Weil aber solche Fortuna nicht länger bestehen konte, als so lang das Kriegsvolk im Land lag, so muste ich bedacht sein, mein Sach auch anders zu karten. Es besuchte mich ein junger Reuter, der bedeuchte mich fast liebwürdig, resolut und bei Geldmitteln zu sein. Gegen diesem richtet ich alle meine Netz und unterließe kein Jägerstücklein, biß ich ihn in meine Strick brachte und so verliebt machte, daß er mir Salat aus der Faust essen mögen ohne einigen Ekel. Dieser versprach mir bei Teufelholen die Ehe und hätte mich auch gleich in Hamburg zur Kirchen geführt, wann er nicht zuvor seinem Rittmeisters Consens hierzu hätte erbitten müssen, welchen er auch ohnschwer erhielte, da er mich zum Regiment brachte, also daß er nur auf Zeit und Gelegenheit wartete, die Copulation würklich vollziehen zu lassen. Indessen verwunderten sich seine Cameraden, woher ihm das Glück so eine schöne junge Maitresse zugeschickt, unter welchen die allermeiste gern seine Schwäger hätten werden mögen; dann damals waren die Völker bei dieser sieghaften Armee wegen langwürigen glücklichen Wolergehens und vieler gemachten Beuten durch Ueberfluß aller Dinge dergestalt fett und ausgefüllt, daß der gröste Theil, durch Kützel des Fleisches angetrieben, mehr ihrer Wollust nachzuhängen und solchen abzuwarten als um Beuten zu schauen oder nach Brod und Fourage zu trachten gewohnt war; und sonderlich so war meines Hochzeiters Corporal ein solcher Schnaphahn, der auf dergleichen Nascherei am allermeisten verpicht war, als welcher gleichsam eine Profession daraus machte, anderen die Hörner aufzusetzen, und sichs vor eine große Schand gerechnet hätte, wann er solches irgends unterstanden und nicht werkstellig machen mögen. Wir lagen damals in Stormaren[102], welches noch niemals gewust, was Krieg gewesen; dannenhero war es noch voll von Ueberfluß und reich an Nahrung, worüber wir uns Herren nanten und den Landmann vor unsere Knechte, Köch und Tafeldecker hielten. Da währete Tag und Nacht das Banquetieren, und lude je ein Reuter den andern auf seines Hauswirths Speis und Trank zu Gast. Diesen modum hielte mein Hochzeiter auch, worauf angeregter Corporal sein Anschlag machte, mir hinter die Haut zu kommen; dann als mein besagter Hochzeiter sich mit zweien von seinen Cameraden, so aber gleichwol auch des Corporals Creaturen gewesen, in seinem Quartier lustig machte, kam der Corporal und commandirte ihn zu der Standarten auf die Wacht, damit, wann mein Hochzeiter fort wäre, er sich selbst mit mir ergötzen könte. Weil aber mein Hochzeiter den Possen bald merkte und ungern leiden wolte, daß ein anderer seine Stell vertreten oder, daß ichs fein teutsch gebe, daß ihn der Corporal zum Gauch machen solte, sihe, da sagte er ihm, daß noch etliche wären, denen vor ihm gebührte, solche Wacht zu versehen. Der Corporal hingegen sagte ihm, er solte nicht viel disputirn, sondern seinem Commando parirn, oder er wolte ihm Füße machen; dann er wolte diese seine Gelegenheit, meiner theilhaftig zu werden, einmal nicht aus Handen lassen. Demnach ihm aber solche mein Liebster nicht zu gönnen gedachte, widersetzte er sich dem Corporal so lang, biß er von Leder zog und ihn auf die Wacht nöthigen, oder in Kraft habenden Gewalts so exemplarisch zeichnen wolte, daß ein andermal ein anderer wisse, wie weit ein Untergebener seinem Vorgesetzten zu gehorsamen schuldig wäre. Aber ach, mein lieber Stern verstund den Handel leider übel, dann er war eben so bald mit seinem Degen fertig, und verdingte dem Corporal eine solche Wunden in Kopf, die ihn des unkeuschen und erhitzten Geblüts alsobald entledigte und allen Kitzel dergestalt vertriebe, daß ich wol sicher vor ihm sein konte. Die beide Gäst giengen ihrem Corporal auf sein Zuschreien zu Hülf und mit ihren Fochteln auch auf meinen Hochzeiter los, davon er den einen alsobalden durchstach und den andern zum Haus hinaus jagte, welcher aber gleich wieder kam und nit allein den Feldscherer vor die Verwundte, sondern auch etliche Kerl brachte, die meinen Liebsten und mich zum Profosen führten, allwo er an Händ und Füßen in Band und Ketten geschlossen wurde. Man machts gar kurz mit ihm, dann den andern Tag ward Standrecht über ihn gehalten, und ob zwar sonnenklar an Tag kam, daß der Corporal ihn keiner andern Ursachen halber auf die Wacht commandirt, als selbige Nacht an Statt seiner zu schlafen, so wurde doch erkant, um den Gehorsam gegen den Officiern zu erhalten, daß mein Hochzeiter aufgehenkt, ich aber mit Ruthen ausgehauen werden solte, weil ich an solcher That ein Ursächerin gewesen. Jedoch wurden wir beide so weit erbeten[103], daß mein Hochzeiter harquebusirt, ich aber mit dem Steckenknecht vom Regiment geschickt wurde, welches mir gar ein abgeschmackte Reis war.

So sauer kam mich aber diese Reis nicht an, so fanden sich doch zween Reuter in unserm Quartier, die mir und ihnen solche versüßen wolten, dann ich war kaum ein Stund gehend hinweg, da saßen diese beide in einem Busch, dardurch ich muste passiren, mich willkommen zu heißen. Ich bin zwar, wann ich die Wahrheit bekennen muß, meine Tage niemal so hechel[104] gewesen, einem guten Kerl eine Fahrt abzuschlagen, wann ihn die Noth begriffen; aber da diese zween Halunken mitten in meinem Elend eben dasjenige von mir mit Gewalt begehrten, wessentwegen ich verjagt und mein Auserwählter todt geschossen worden, widersetzte ich mich mit Gewalt; dann ich konte mir wol einbilden, wann sie ihren Willen erlangt und vollbracht, daß sie mich auch erst geplündert hätten, als welches Vorhaben ich ihnen gleichsam aus den Augen und von der Stirnen ablesen konte, sintemal sie sich nicht schämten, mit entblößten Degen auf mich wie auf ihren Feind loszugehen, beides mich zu erschrecken und zu dem, was sie suchten, zu nöthigen. Weil ich aber wuste, daß ihre scharfe Klingen meiner Haut weniger als zwo Spießgerten abhaben würden, sihe, da waffnete ich mich mit meinen beiden Messern, von denen ich in jede Hand eins nahm und ihnen dergestalt begegnete, daß der eine eins davon im Herzen stecken hatte, ehe er sichs versahe. Der ander war stärker und vorsichtiger als der erste, wessentwegen ich ihme dann so wenig als er mir an den Leib kommen konte. Wir hatten unter währendem Gefecht ein wildes Geschrei. Er hieße mich eine Hur, eine Vettel, eine Hex und gar einen Teufel; hingegen nante ich ihn einen Schelmen, einen Ehrendieb, und was mir mehr von solchen ehrbarn Tituln ins Maul kam, welches Balgen einen Musquetierer überzwergs[105] durch den Busch zu uns lockte, der lang stunde und uns zusahe, was wir vor seltzame Sprüng gegen einander verübten, nicht wissend, welchem Theil er unter uns beistehen oder Hülfe leisten solte. Und als wir ihn erblickten, begehrte ein jedes, er wolte es von dem andern erretten. Da kan nun ein jeder wol gedenken, daß Mars der Veneri viel lieber als dem Vulcano beigestanden, vornehmlich als ich ihm gleich güldene Berge versprach und ihn meine ausbündige Schönheit blendet und bezwang. Er paßte auf und schlug auf den Reuter an und brachte ihn mit Bedrohung dahin, daß er mir nicht allein den Rucken wendet, sondern auch anfieng darvon zu laufen, daß ihm die Schuchsohlen hätten herunter fallen mögen, seinen entseelten Cameraden sich in seinem Blut wälzend hinterlassend.

Als nun der Reuter seines Wegs war und wir uns allein beisammen befanden, erstummte dieser junge Musquetierer gleichsam über meiner Schönheit und hatte nit das Herz, etwas anders mit mir zu reden, als daß er mich fragte, durch was vor ein Geschick ich so gar allein zu diesem Reuter kommen wäre. Darauf erzählte ich alles ihm haarklein, was sich mit meinem gehabten Hochzeiter, item mit dem Corporal und dann auch mit mir zugetragen, so dann, daß mich diese beide Reuter, nämlich der gegenwärtige Todte und der Entloffene, als ein armes verlassenes Weibsbild mit Gewalt schänden wollen, deren ich mich aber bißher, wie er selbst zum Theil wol gesehen, ritterlich erwehrt, mit Bitt, er wolte als mein Nothelfer und Ehrenretter mich ferner beschützen helfen, biß ich irgendshin zu ehrlichen Leuten wieder in Sicherheit käme, versicherte ihn auch ferner, daß ich ihme vor solche seine erwiesene Hülfe und Beistand mit einem ehrlichen Recompens zu begegnen nicht ermanglen würde. Er besuchte darauf den Todten und nahme zu sich, was er Schätzbarliches bei sich hatte, welches ihm seine Mühe ziemlich belohnte. Darauf machten wir uns beide bald aus dem Staub, und indem wir unseren Füßen gleichsam über Vermögen zusprachen, kamen wir desto ehender durch den Bosch und erreichten denselben Abend noch des Musquetierers Regiment, welches fertig stunde, mit dem Colalto, Altringer und Gallas in Italia zu gehen.