[202] ausreuten, ausrotten.
[203] hundsklinkerisch, niederträchtig, verkommen.
Das siebenundzwanzigste Capitel.
Nachdem der Courage Mann in einem Treffen geblieben, und Courage selbst auf ihrem Maulesel entrunnen, trifft sie eine Zigeunerschar an, unter welchen der Leutenant sie zum Weib nimmt. Sie sagt einem verliebten Fräulein wahr, entwendet ihr darüber alle Kleinodien, behält sie aber nicht lang, sondern muß solche wol abgeprügelt wieder zustellen.
In erstgemeldtem Treffen kame ich vermittelst meines guten Maulesels darvon, nachdem ich zuvor meine Zelt und schlechteste Bagage hinweg geworfen, retterirte mich auch mit dem Rest der übrig gebliebenen Armee, so wol als der Touraine[204] selbsten, biß nach Cassel; und demnach mein Mann todtgeblieben und ich niemand mehr hatte, zu dem ich mich hätte gesellen mögen oder der sich meiner angenommen, nahme ich endlich meine Zuflucht zu den Zigeunern, die sich von der schwedischen Hauptarmada bei den Königsmarkischen Völkern befanden, welche sich mit uns bei Wartburg[205] conjungirt. Und indem ich bei ihnen einen Leutenant antrafe, der gleich meiner guten Qualitäten und trefflichen Hand zum Stehlen, wie auch etwas Geldes hinter mir wahrnahm samt andern mehr Tugenden, deren sich diese Art Leut gebrauchen, sihe, so wurde ich gleich sein Weib und hatte diesen Vortheil, daß ich weder Oleum Talci[206] noch ander Schmiersel mehr bedorfte, mich weiß und schön zu machen, weil sowol mein Stand selbsten als mein Mann diejenige Couleur von mir erforderte, die man des Teufels Leibfarb nennet. Derowegen fienge ich an mich mit Gänsschmalz, Läussalbe und andern haarfärbenden Unguenten also fleißig zu beschmieren, daß ich in kurzer Zeit so höllrieglerisch[207] aussahe, als wann ich mitten in Aegypten geboren worden wäre. Ich muste oft selbst meiner lachen und mich über meine vielfältige Veränderung verwundern. Nichts desto weniger schickte sich das Zigeunerleben so wol zu meinem Humor, daß ich es auch mit keiner Obristin vertauscht haben wolte. Ich lernete in kurzer Zeit von einer alten ägyptischen Großmutter wahrsagen; lügen und stehlen aber kunte ich zuvor, außer daß ich der Zigeuner gewöhnliche Handgriff noch nicht wuste. Aber was darfs viel Wesens? Ich wurde in Kürze so perfect, daß ich auch vor eine Generalin aller Zigeunerinnen hätte passiren mögen.
Gleichwol aber war ich so schlau nicht, daß es mir überall ohne Gefahr, ja ohne Stöße abgangen wäre, wiewol ich mehr einheimste und meinem Mann zu verschlemmen zubrachte, als sonst meiner zehne. Höret, wie mirs einsmals so übel gelungen! Wir lagen über Nacht und ein Tag ohnweit von einer Freundsstadt im Vorbeimarschiren, da jedermann hinein dorfte, um seinen Pfenning einzukaufen, was er wolte. Ich machte mich auch hin, mehr einzunehmen und zu stehlen, als Geld auszugeben oder etwas zu kaufen, weil ich sonst nichts zu erkaufen gedachte, als was ich mit fünf Fingern oder sonst einem künstlichen Griff zu erhandeln verhoffte. Ich war nicht weit die Stadt hinein passirt, als mir eine Madamoiselle eine Magd zuschickte und mir sagen ließe, ich solte kommen, ihrer Fräulin wahrzusagen; und von diesem Boten selbsten vernahm ich gar von weitem und gleichsam über hundert Meilen her, daß ihrer Fräulin Liebhaber rebellisch worden und sich an ein andere gehenkt. Solches machte ich mir nun trefflich zu Nutz, dann da ich zu der Damen kame, trafe ich mit meiner Wahrsagung so nett zu, daß sie auch alle Calendermacherei, ja der elenden[208] Madamoisellen Meinung nach alle Propheten samt ihren Prophezeiungen übertrafe. Sie klagte mir endlich ihre Noth und begehrte zu vernehmen, ob ich kein Mittel wisse, den variablen Liebhaber zu bannen und wieder in das gerechte Gleis zu bringen.
»Freilich, tapfere Dame«, sagte ich, »er muß wieder umkehren und sich zu euerm Gehorsam einstellen, und solte er gleich einen Harnisch anhaben wie der große Goliath.«
Nichts Angenehmers hätte diese verliebte Tröpfin hören mögen als eben diß und begehrte auch nichts anders, als daß meine Künst alsobald ins Werk gesetzt würden. Ich sagte, wir müssen allein sein, und es müste alles unbeschrieen zugehen.
Darauf wurden ihr Mägd abgeschafft und ihnen das Stillschweigen auferlegt; ich aber gieng mit der Madamoisellen in ihr Schlafkammer. Ich begehrte von ihr einen Trauerschleier, den sie gebraucht, als sie um ihren Vatter Leid getragen, item zwei Ohrgehäng, ein köstlich Halsgehäng, das sie eben anhatte, ihren Gürtel und liebsten Ring. Als ich diese Kleinodien hatte, wickelt ich sie zusammen in den Schleier, machte etliche Knöpf[209] daran, murmelte unterschiedliche närrische Wörter darzu und legte alles zusammen in der Verliebten Bette. Hernach sagte ich: »Wir müssen mit einander in Keller.«