Nach zweistündigem Ritt beim Hato Poquios (4087 Meter) angelangt, ließ ich für uns zwei kleine Fässer mit Trinkwasser füllen, da es oben auf dem Nordnordwestgrat keine Quellen mehr gibt. Ein kurzes Stück danach beginnt bei 4100 Meter die starke Steigung der Nordnordwest-Loma (Puca Loma) und damit im orographischen Sinn der Nordfuß des Chimborazomassivs. Sobald wir hier den steilern Anstieg begonnen haben, lassen wir das Grasland (Pajonal) hinter uns und treten in eine geognostisch, klimatisch und botanisch ganz andere Landschaft ein. Diese vom Berg ausgestreckten Steilrücken (Lomas) bauen sich teils aus Felsleisten und -graten, teils aus zersplittertem Felsschutt, Bimsstein und Sand auf, in dem nur wenige zähe Gewächse aushalten können. Der Vegetationscharakter ist derselbe wie auf dem Wüstenplateau der West- und Westnordwestseite, nur die Pflanzenarten sind weiter oben, wo die klimatischen Extreme noch viel größer werden, andere als dort. Über die exponierten Hänge und Kämme braust den größten Teil des Tages ein kalter heftiger Wind, entweder als Fallwind von den Eisgipfeln des Berges herab oder als Steigungswind vom westlichen Unterland herauf oder als Passat von Osten her. Mit sausendem Getöse wirbeln uns dicke Staubtromben entgegen, zum Entsetzen unserer Mulas, die jedesmal kurz kehrtmachen und auszureißen versuchen. Wie auf dem Wüstenplateau der Westseite weht auch hier der Wind den Flugsand zu langen welligen und tausendfach gerippelten Dünen zusammen. Vom windgepeitschten Flugsand geglättete und geschliffene Steine (Dreikanter) liegen in Mengen umher. Der Wind begräbt einerseits die niedrige Vegetation im Sand, andererseits entblößt und tötet er die Polsterpflanzen und das Knieholz durch Deflation. Oft sehen die abgestorbenen sonnengebleichten Wurzelstöcke aus, als seien sie künstlich herauspräpariert.
Aber die lebenden kleinen Pflanzen stehen auch jetzt hier im Frühlingsschmuck ihrer zahllosen zarten Blüten und verleihen dem sonst so düstern Bild einen freundlichen Schönheitsschimmer. Zu Millionen sind in der Region zwischen 4100 und etwa 4500 Meter innerhalb des Gesichtsfeldes die kleinen krokusartigen oder sternförmigen weißen, violetten, purpurroten und gelben Blumen der schon genannten Arten über die Sand- und Schuttflächen verstreut. Über dieser Region, etwa zwischen 4500 und 4800 Meter, treten die knorrigen, niedrigen Chuquiraguasträucher zur obersten Vegetationsformation des Berges zusammen, nicht sowohl durch Vermehrung ihrer Individuen, als durch Verschwinden der vielen kleinen Gewächse, die sie bis hierherauf begleitet haben. Auch sie stehen jetzt im Flor und beleben mit ihren daumengroßen rotgelben pinselförmigen Blüten die einsame Landschaft. Da und dort schießen um die Blütenstände ein paar winzige Kolibris wie Diamantblitze hin und her, grün und rot metallisch schillernde Tierchen (Oreotrochilus).
Gegen Mittag rasteten wir in 4720 Meter Höhe unter einigen uns gegen den Ostwind schützenden Felsen. Mehrere von ihnen sind vom sandbeladenen Wind geschliffen und gefurcht, so daß man zuerst an Gletscherwirkung denken könnte. Hier leuchtete uns aus einigen geschützten Standorten, wo der Sandboden ein wenig feucht ist, die merkwürdigste und schönste aller hochandinen Pflanzen entgegen, das in einen dichten hellbraunen Haarpelz gekleidete, etwa 30 Zentimeter hohe, großblätterige, dickstengelige Culcitium rufescens, das abgesehen von seinen fahlgelben quastenförmigen Blüten einem riesigen Edelweiß unserer Alpen gleicht.
Unter einem stürmischen Schneegestöber, das uns den ersten hochalpinen Gruß des im Wolkengewirr versteckten Chimborazogipfels brachte, ritten wir steil weiter hinan über grobes Trümmergestein. Bald aber war unserm Vordringen im Sattel Halt geboten. Die Tiere, von denen wir abgesessen waren, rutschten in dem lockern Schutt immer wieder um die Hälfte des Schrittes zurück, blieben nach jeden weiteren paar Metern prustend und mit fliegenden Weichen stehen und versagten schließlich ganz. Sie unterlagen sichtlich dem Einfluß der dünnen Höhenluft. Bei 4920 Meter ließ ich absatteln und abladen und den acht Indianern so viel aufpacken, wie jeder schleppen konnte. Der Rest des Gepäcks blieb liegen, um am Spätnachmittag von den Peones nachgeholt zu werden. Von uns Weißen trug jeder seinen vollgefüllten Rucksack nebst allen möglichen Zutaten. Während sich die Arrieros mit den Tieren schleunigst nach Cunucyacu hinab aus dem Staube machten, mühten wir uns auf den abschüssigen Schutthängen langsam weiter bergan; auch wir alle zwei bis drei Minuten kurz im Stehen rastend, um der Atemnot Herr zu werden, die jetzt in 5000 Meter bei der schweren Anstrengung und Belastung mit Macht über uns kam. Sonstige Beschwerden von Bergkrankheit blieben noch aus. So brauchten wir zwei gute Stunden, um 250 Meter zu bewältigen.
Mitte des Nachmittags trafen wir auf dem Rücken des Nordnordwestgrates bei 5145 Meter auf einen einigermaßen ebenen Fleck neben einem Haufen großer Felsblöcke, der unseren beiden kleinen Zelten einigen Schutz gegen den stürmischen Ostwind und gegen die von den Schneegipfeln herunterblasenden Fallwinde gewähren konnte. Der übrige Teil der Nordnordwest-Loma bis an die Eisgrenze bei 5700 Meter lag als ein einziger langer Schuttwall sturmfrei über uns. Also wurde in dem geschützten Winkel das Lager aufgeschlagen, die Zeltstricke mit großen Steinen fest verankert, und was nicht in den Zelten untergebracht zu werden brauchte, zwischen den Felsen verstaut. Während wir zwei Europäer mit Santiago das Lager herrichteten, holten die Peones die unten an der Abladestelle zurückgelassenen übrigen Lasten nebst einem Vorrat von Knüppelholz herauf und trollten dann, belohnt durch einen Extraschnaps, mit dem Befehl von dannen, uns in zwei Tagen wieder abzuholen. Bei uns im Lager blieb außer dem unvermeidlichen Santiago nur der in Cunucyacu angeworbene Indianer Nicolas.
Kaum hatten wir unsern Unterschlupf fertig, als es von Osten her so stark zu wehen und zu schneien begann, daß an weitere Unternehmungen fürs erste nicht zu denken war. Wir hockten und lagen den Rest des Nachmittags im Zeltchen, tranken Tee, rauchten, schrieben Tagebuch und plauderten. Als es am Abend klarer wurde, hatten wir etwa 15 Zentimeter Neuschnee um uns, und nach oben hin war am Berg noch viel mehr gefallen. Dort oben aber sahen wir jetzt anstatt des westlichen Schneedoms eine ungeheuere helle runde Wolkenhaube, die vom Oststurm fortwährend nach West gejagt wurde und sich von Osten her immer wieder über den Schneegipfeln erneuerte.
In der Nacht stellte sich auch in unserer Region der Oststurm wieder ein, und zwar mit verdoppelter Gewalt und mit Schneetreiben; zornig stieß und riß er an unseren Zelten, »denn die Elemente hassen das Gebild von Menschenhand«. Wir mußten mehrmals in die schneidige schneeige Kälte hinaus, um die gelockerten Zeltstricke neu zu verankern. Zum Schlafen kamen wir nur wenig, denn sobald wir uns zur Ruhe ausstreckten, begannen die Nöte der Bergkrankheit, des »Soroche«, uns zu quälen. Um die Lungen zu erleichtern und das Herz zu beruhigen, mußten wir uns immer wieder aus der gestreckten Lage halb aufrichten und in tiefen Atemzügen den geringen Druck und Sauerstoffgehalt der Luft unserer 5145-Meter-Höhe zu paralysieren suchen.
Gegen Morgen stand das Thermometer auf 5½ Grad unter Null, und das in unseren Metallbechern im Zelt stehengebliebene Wasser war zu Eisklumpen gefroren. Das Wetter blieb sich gleich. Der eisige Ost heulte nach wie vor und trieb den am Vortag gefallenen Schnee in langen fliegenden Fahnen über unsern Grat. Oben über der Gipfelregion zog noch immer die runde, breite, weiße Wolkenmasse eilig dahin. Unter diesen Umständen mußten wir uns mit einer bloßen Rekognoszierung auf unserm Grat hinauf begnügen, die uns in drei Stunden bis an die großen »Roten Nordwestwände« (5715 Meter) brachte und uns zeigte, daß dort der Übergang auf den Firn des Stübelgletschers mit Steigeisen gut ausführbar war.
Als wir am folgenden Morgen (22. Juni) gegen 6 Uhr zur Besteigung des Westgipfels aufbrachen, der sich noch 1000 Meter über uns wölbte, war der Neuschnee großenteils weggeblasen und weggetaut, aber der Ostwind stürmte noch und machte uns das Steigen in dem losen, steilen Schutt sehr sauer. Besonders Santiago, der ebenfalls einen vollen Rucksack tragen mußte, klagte über Kopf- und Ohrenschmerzen, Atmungs- und Herzbeschwerden und hinkte stöhnend hinterher. Besser ging es, als wir vom Schutt auf die Schneefelder kamen, die noch auf der obern Strecke unserer Loma lagen. Der Indianer Nicolas zögerte erst vor dem Betreten des Schnees, da er nur seine gewohnten Bastsandalen (Alpargatas) über einem Paar meiner Wollstrümpfe trug. Aber eine Prämienzulage gab den Ausschlag, und er hat sich nicht den mindesten Schaden getan; eine unerhörte Abhärtung.
Die Schneehänge waren hier in lauter schmale, flachkonkave Stufen von Handbreite wie die »Schneegangeln« unserer Berge gegliedert, die ziemlich horizontal von Ost nach West, also fast senkrecht zum Neigungswinkel des Berghanges verliefen und uns, da der Schnee jetzt fest gefroren war, das Steigen wie auf Treppen erleichterten. Dank ihnen erreichten wir trotz des stürmischen Windes schon nach zwei Stunden den Fuß der großen »Roten Wände«, wo der Übergang auf den Firndom des Westgipfels beginnt.