Ambato mit dem Chimborazo, Nordseite.
Aber auch in der Trockenzeit sind die Reisen im interandinen Hochland dadurch beschwerlich, daß der Reisende unausgesetzt auf elenden Maultierwegen mit heftigem Wind und widerwärtigem Staub zu kämpfen hat und nach des Tages Arbeit nur in den wenigen größeren Ortschaften und Städten Gasthäuser findet, die aber nach europäischen Begriffen meist Spelunken vierten und fünften Ranges sind. Im übrigen ist der Reisende auf »Tambos«, die Unterkunftshütten der Lasttiertreiber (Arrieros), angewiesen, wo man höchstens den landesüblichen Locro (Wasserkartoffeln mit Zwiebeln) zu essen bekommt und in einem von Ungeziefer wimmelnden Raum auf dem nie gereinigten nackten Lehmboden neben Indianern, Hunden und Schweinen schlafen muß, wenn man nicht sein eigenes Zelt, Feldbett und Proviant mit sich führt. Dies aber tat ich auf meiner ganzen Reise, was mich von ecuatorianischer Gastlichkeit unabhängig machte.
Kehren der Guayaquil-Quito-Bahn bei der »Teufelsnase« unterhalb von Alausi (1900 m).
Es war mir schon im Gegensatz zu meinen afrikanischen Reisen als eine ideale Reiseart erschienen, daß man nicht wie dort mit einem schwerfälligen Troß von menschlichen Trägern umherziehen muß, sondern daß man nur mit wenigen Pferden und Maultieren reist, die von zwei oder drei Treibern besorgt werden, und bloß in den den Tieren unzugänglichen Hochgebirgsregionen einige indianische Träger braucht, die aber an jedem Ort neu angeworben und nach der betreffenden Bergtour gleich wieder entlassen werden. Auch die acht bis zehn Last- und Reittiere, die ich regelmäßig mitführte, hatte ich anfangs nur für eine Tour gemietet; da aber sie und ihre zwei Treiber, die Kolumbianer, nicht Ecuatorianer waren, sich als außerordentlich leistungsfähig erwiesen, behielt ich sie während der ganzen Reise und konnte ihnen schließlich das Schwerste unbedenklich zumuten.
Wir waren gewöhnlich von Sonnenaufgang bis Spätnachmittag unterwegs, und wenn wir dann zu einem Tambo oder Hato (Hirtenhütte) kamen oder im einsamen Páramo die Zelte aufschlugen, wurden die Tiere losgelassen, um sich ihre Nahrung selbst zu suchen. Stallfütterung gibt es nicht, aber Gras wächst überall in Unmasse; freilich ist es so hart und trocken, daß man die Grasländer der Páramos allerwärts nur Pajonales, Strohfelder, nennt. Es ist »Heu auf dem Halm«, wie ein Reisender die Gräser in Südwestafrika genannt hat. Nur wenn man in bewohntere Gegenden kommt, finden die Tiere in den umzäunten, künstlich bewässerten »Potreros« besseres Gras, oder sie bekommen ein Bündel »Alfalfa« (Medicago sativa) oder »Cebada« (körnerhaltiges, ungedroschenes Gerstenstroh) zu fressen, wofür natürlich besonders zu zahlen ist.
Proviant für uns selbst brauchte ich immer nur für acht bis vierzehn Tage mitzunehmen, da wir nach jeder einzelnen Tour wieder in eine der Hochlandstädte Riobamba, Latacunga und Quito als Standquartier zurückkehrten, wo wir uns neu verproviantieren konnten. Alkohol haben wir auf den Touren nur in medizinischen Dosen getrunken, auch Tabak nur im Quartier oder Lager geraucht, und auch dann nur sehr wenig.
Wegen der 1903 schon Mitte August beginnenden Regenzeit hat unser Aufenthalt im Hochland selbst nur 2½ Monate gedauert. Aber durch äußerste Anspannung aller beteiligten Kräfte von Mensch und Tier vermochte ich in dieser kurzen Zeit des »Verano« doch mein Programm durchzuführen. Die Herren Ecuatorianer im Hochland kennen und wissen von der großartigen Gebirgswelt, die sie umgibt, gar nichts. Niemals hat ein Ecuatorianer aus eigenem Antrieb einen Schneeberg bestiegen, und für das, was wir dort wollten, zeigten nur ganz wenige Verständnis und wirkliches Interesse. Nur die Winke, die mir deutsche Landsleute und zwei oder drei ecuatorianische Herren in Riobamba und Quito aus langer Erfahrung geben konnten, waren mir wirklich von Nutzen, aber auch sie erstreckten sich nicht in die eigentliche alpine Region des Gebirges. Dort ist man einzig und allein auf sich selbst angewiesen.
38 Tage Seefahrt, davon die Hälfte der Zeit auf einem schmierigen, überfüllten Küstendampfer im Pazifischen Ozean, der das Reisen zur Qual machte, hatten mich und meinen Begleiter, Herrn Maler Rudolf Reschreiter, endlich am 8. Juni 1903 nach dem ecuatorianischen Haupthafen Guayaquil gebracht. Nach nur dreitägigem, den nötigsten Vorbereitungen gewidmetem Aufenthalt dampften wir in der Frühe des 10. Juni auf einem stark besetzten Raddampfer den breiten Guayasfluß in reißender Strömung aufwärts und zum anderen Ufer hinüber, wo der Ort Durán liegt, der Ausgangspunkt der Kordillerenbahn. In regelmäßigem Betrieb war damals die weitaus schwierigste Strecke durch das sumpfige Unterland und am urwaldbedeckten, tief zerschluchteten Westabfall der Kordillere empor bis Alausi (2390 Meter), und im Ausbau die bereits im interandinen Hochland gelegene Strecke von Guamote nach Riobamba (2801 Meter). Erst durch sumpfig-heiße Niederung, dann in einem dichten Blättermeer, so daß wir weithin wie in einem dunkelgrünen Tunnel durch die Laubmassen fahren, dann wieder in einem von tropischem Bergurwald erfüllten Tal, schließlich in unglaublichen Zickzacks an steilen Felswänden hinauf zieht die Bahn nach Alausi empor. Von dort brachte uns ein zweitägiger Ritt durch hügeliges grasiges Tuffland über den breiten Rücken des Salarunespasses (3603 Meter) in die weite graubraune Muldenebene von Riobamba und nach der kleinen gleichnamigen Stadt (12 000 Einwohner), die mit ihren gepflasterten Straßen, ihren meist einstöckigen, aus Tuffquadern erbauten Häusern, einigen steinernen Kirchen und einer Reihe kleiner Läden einen zivilisierteren Eindruck macht, als ich nach den Schilderungen früherer Reisenden vermutet hatte.